Iwan Iljin: Welt vor dem Abgrund (1930)

Iwan Iljin (Hg)

Welt
vor dem
Abgrund

Politik, Wirtschaft und Kultur
im kommunistischen Staate

Home





 


Dieses Werk offenbart erschütternd die Knechtung eines ganzen Volkes, die Verschleuderung aller inneren und äußeren Werte durch den Kommunismus. Eine ganze Reihe erster Kenner des alten und neuen Rußland enthüllen hier unter Führung eines bedeutenden Wissen­schaftlers den Zerfall aller menschlichen Kultur unter der Herrschaft des Bolsche­wismus. Das System desselben wird in allen Teilen bis in die Hintergründe hinein durchforscht und er­leuch­tet.

So handelt es sich nicht um noch ein Buch über die Sowjets, sondern um das grundlegende Werk in der Ausein­ander­setzung der christlichen Kulturwelt mit dem Kommunismus. Keine Persönlichkeit des polit­ischen, wirt­schaftlichen oder kulturellen Lebens, die an dieser Entscheidungs­frage unserer Zeit teilhaben will, wird an diesem Standard­werk vorüber­gehen können.


Nach authentischen Quellen
Ein Sammelwerk, bearbeitet und herausgegeben
von Univ.-Prof. Dr. Iwan Iljin, früher Moskau
24 Reichsmark, Eckart Verlag Berlin

Alle Rechte behält sich der Verlag vor. Montanus-Druckerei G.m.b.H., Berlin W 35
Copyright 1930 by Eckart-Verlag, G.m.b.H., Berlin-Steglitz

Umschlagsdesign German von Schmidt
(Deutsch-russischer Maler, Gebrauchgraphiker und Entwurfzeichner - 27.08.1899, Odessa, bis nach 1931)

 


Die Eule der Minerva beginnt erst mit der

einbrechenden Dämmerung ihren Flug. (Hegel)

 

Bonum quod est supprimitur, nunquam extinguitur. Publilius Syrus.

 


Mitarbeiter:

Professor N. von Arseniew. • Dr. L. Axenof. • A. von Bunge. • A. Demidof. • Dr. W. Hoeffding. • Professor Dr. I. Iljin. • M. Kritzky. • Professor N. Kulman. • Dr. A. Melkich. • Boris Nikolsky. • S. von Oldenburg. • Professor N. Timaschew.

 


Zum Geleit

 

Der Verfasser dieses Buches und seine Mitarbeiter sind Russen, deren Wesen die Liebe zu Volk und Heimat bestimmt. Der Boden, auf dem dieses Buch gewachsen, ist ein Kreis von Menschen, die von dem Glauben an eine große Zukunft des russischen Volkes durchdrungen sind.

Die Ereignisse der letzten zehn Jahre in Rußland werfen eine Reihe weltgeschichtlicher Probleme auf. Mögen diese Ereignisse und ihre Entstehung noch so lange auf einen ihnen gewachsenen Geschichts­forscher warten, kein Volk kann sich der Fragestellung entziehen, welche Folgen die auf russischem Boden vor dem Welthorizont sich abhebende Entwicklung für sein eigenes Staats­leben, für seine Kultur, für seine Wirtschaft haben mag. Die Wirkungen der kommunistischen Diktatur in Rußland, die dort gemachten Erfahrungen sind deshalb Dinge, die auch andere Völker sehr ernsthaft angehen.

Um auf diese Fragen zu antworten, war es notwendig, die Ergebnisse der kommun­istischen Diktatur, die sie in der U.S.S.R. im Laufe einer dreizehn­jährigen Regierung gezeitigt hat, zu prüfen und die heutige tatsäch­liche Lage auf den wesentlichen Gebieten russischen Lebens darzustellen. Diese Aufgabe hat sich das Buch des Herrn Professor Iwan Iljin und seiner Mitarbeiter gestellt.

Der Leser wird sich selbst ein Urteil bilden und zu der aufgeworfenen Frage Stellung nehmen können.

Dem Herrn Verfasser und seinen Mitarbeitern aber sei Dank gesagt für die vorliegende Arbeit, mit der sie sich in den Dienst der ganzen Welt gestellt haben. Ihr Verantwortungs­bewußtsein, das aus diesem Buche zu dem Leser spricht, weist den Weg zur Wahrheit.

Berlin, im Dezember 1930,
Freiherr W. von Wrangel

 

7


Inhalts-Verzeichnis

Freiherr von Wrangel : Geleitwort ............. 7

Professor Dr. Iwan Iljin : Einleitung ............ 8-11

 

I. Teil : Grundlagen

 

(1) Professor Dr. Iwan Illjin : Die Ziele und die Hoffnungen ..... 15 - 34

Der Kommunismus ist zielbewußt (15) — Marxismus als Religionsersatz (15) — Weltbewegung — Welteroberung (16) — Revolution, nicht Reform (18) — Klassenkampf, Parteiherrschaft (20) — Straffe Weltorganisation (22) — Enteignung, Verelendung (23) — Proletarisierung, Sozialisierung (24) — Die neue Elite (25) — Knechtung der Intelligenz (26) — Diktatur des Proletariats (27) — Der Kommunismus (28) — Der neue Mensch (30) — Die Hoffnungen (32)

(2) Professor Dr. I. Iljin : Die Arbeitsmethoden ..... 35 - 53

Das Problem des Wie (35) — Die Mentalität (35) — Alles ist erlaubt (36) — Die Spaltung der Welt (37) — Der Kampf (38) — Der Machtkomplex (39) — Der Waffenplatz wird gesichert (39) — Die Musterschule (41) — Die Delegationen (41) — Was gezeigt wird (42) — Die Propaganda (43) — Die Hetze (43) — Zermürbung der Hemmungen (44) — Das Versprechen (44) — Das Lustprinzip (45) — Die Massen (45) — Taktik der Einheitsfront (46) — Die Methode des Durchquerens (47) — Die internationale rote Armee (48) — Verleumdung (49) — Die Kommandohöhen (50) — Die legalen Möglichkeiten (50) — Geheimarbeit (50) — Die Zellen (51) — Die ununterbrochene Offensive (52) — Der letzte Angriff (53)

(3) A. von Bunge : Die Kommunistische Partei ..... 54 - 66

Ihre Bedeutung (54) — Die Zahl der Mitglieder (54) — Der Klassenbestand der Partei (55) — Die Schwierigkeiten beim Eintritt in die Partei (57) — Säuberung der Partei (58) — Die kommunistische Moral (59) — Das Benehmen der Kommunisten (59) — Die Kommunisten als regierende Partei (60) — Der Bildungszensus der Kommunisten (61) — Das innere Leben der Partei (62) — Die inneren parteilichen Zwistigkeiten (63) — Lenins alte Garde (64) — Der innere Kampf (65)

(4) Professor N. Timaschew : Die Organisation der Diktatur ..... 67 - 83

Die Verfassung (67) — Das Parteistatut (68) — Der erste Diktator (70) — Das Politbüro (71) — Der zweite Diktator (72) — Die Satrapen (75) — Die Scheindemokratie in der Partei (74) — Das Sicherungssystem (75) — Die Scheindemokratie im Staatswesen (77) — Die „autonomen" Staatsgebilde (79) — Die Wahlpraxis (80) — Die Sowjetbeamten auf dem Lande (81) — Der Parteiaufbau (83)

(5) S. von Oldenburg : Die dritte Internationale ..... 84 - 98

Das Programm (84) — Kommintern und EKKI (84) — EKKI und Sowjetregierung (86) — Sowjetunion und Kommintern (87) — Sektionen (87) — Jugendinternationale (89) — Fraueninternationale (89) — Der Aufbau der Weltorganisation (90) — Profintern (91) — Bauerninternationale (91) — Frontkämpfer (92) — Sport und Philatelie (92) — Rote Hilfe (92) — Freunde der Sowjetunion (93) — Lehrerinternationale (93) — Deutschland 1923 (94) — Bulgarien 1923 (94) — Estland 1924 (95) — China 1925-1927 (95) — England 1926 (96) — Die neueste Entwicklung (96) — Zusammenfassung (98)

(6) Professor Dr. Iwan Iljin : Das System des Terrors ..... 99 - 118

Worin es besteht (99) — Der kommunistische Terror (99) — Lenin als Begründer (101) — Die Tscheka (102) — Ideologie des Terrors (102) — Zweck und Mittel (103) — Schutz und Rache (103) — Wer sind die Feinde (103) — Wort und Tat (104) Capitis deminutio maxima (104) — Die Zahl der Opfer (105) — Die Verdächtigen (106) — Die Frage der Folter (107) — Die Tschekisten (108) — Der innere Nachrichtendienst (109) — Die Geheimagentur (110) — Der Umfang des Terrors (112) — Terror gegen die Sozialisten (112) — Terror gegen die Kommunisten (113) — Ein Weltterror in Vorbereitung (114) — Psychologie der Terroristen (115) — Angst (115) — Todeskampf (116) — Der Kitt (116) — Die bürgerliche Einstellung (116) — Die Macht der Zeit (117) — Der Despotismus (117) — Der Materialismus (117)

(7) Professor Dr. Iwan Iljin : Kommunismus als Beamtenherrschaft ...... 119 - 142

Panpolitismus (119) — Die Idee der Sowjetbürokratie (119) — Die Vollmacht (120) — Die ehemaligen Beamten (120) — Bürokratismus als Wunde (121) — Die Zahl der Angestellten (123) — Der systematische Abbau (124) — Die Überkompliziertheit des Apparates (124) — Die riesigen Unkosten (125) — Formalismus (126) — Die Papierflut (127) — Worte ohne Ende (128) — Der Unfug der Projekte (129) — Die Kalkulation (129) — Die Unwirtschaftlichkeit (130) — Die Schlepperei (131) — Die Zentralisation (132) — Die ungenügende Differenzierung (133) — Desorganisation (134) — Die Verantwortlichkeit (134) — Die Rechenschaften (136) — Der Personalbestand (137) — Bildung und Kultur (138) — Der Dünkel (139) — Allgemeines Rechtsverletzen (139) — Die Bestechlichkeit (140) — Unterschlagungen (140) — Die Notzucht der Frauen (141) — Zusammenfassung (141)

(8) A. P. Demidoff : Die Nationalitätenpolitik in Sowjet-Rußland ...... 143 - 164

Lenins Grundidee (145) — Autonomie oder Diktatur (145) — Die Sprachenfreiheit (146) — Die siegreiche Diktatur (147) — Die Mitläufer (150) — Die Eroberung (150) — Die Propaganda nach außen (151) — Die territoriale Differenzierung (152) — Ihre Unmöglichkeit (153) — Die nationalen Kämpfe (154) — Der Chauvinismus (156) — Die wirtschaftlichen Probleme (158) — Der wirtschaftliche Rückgang (158) — Die Freiheit (161) — Die Kultur (161) — Der Sittenverfall (162) — Zusammenfassung (163)

(9) *** : Das Militärwesen der U.S.S.R. ...... 165 - 180

Krieg und Wehrmacht (165) — Die Zersetzungsstrategie des Kommunismus (167) — Die politische Grundlage der roten Armee (169) — Die geschichtliche Entwicklung der roten Armee (170) — Die Organisation der obersten Leitung der roten Armee (172) — Die innere Struktur der roten Armee (174) — Die Stimmung in der roten Armee (178)

 

II. Teil : Wirtschaft

 

(1) Professor Dr. Iwan Iljin : Das Schicksal des russischen Bauern ....... 183 - 218

Revolution und Agrarkrise (183) — Die Vorgeschichte (184) — Die Standesordnung (185) — Die Leibeigenschaft (186) — Die Folgen der Leibeigenschaft (187) — Ihre verzögerte Aufhebung (188) — Die Bauernbefreiung (190) — Die Dorfgemeinde (191) — Die Anfänge des Kapitalismus (193) — Das Eingehen des Gutsbesitzes (193) — Die Übervölkerung auf dem Lande (194) — Die Reform Stolypins (195) — Die Volkswirtschaft während der letzten 25 Jahre (197) — Die landwirtschaftliche Zählung von 1916 (198) — Der Kriegs­kommunismus (200) — Die Nöp-Periode (201) — Die revolutionäre Bauernbilanz (202) — Der Kulak (206) — Die kalte Enteignung (208) — Der Angriff (209) — Die Kollektivierung (210) — Die Atempause (213) — Der Austritt (214) — Erfolge und Aussichten (215) — Die Enttäuschung des Bauern (216) — Das Schicksal des russischen Bauern (217)

(2) M. Kritzky : Die wirtschaftliche Differenzierung der Bauernklasse ..... 219 - 265

Der Bauer (219) — Die Landarbeiter, das landwirtschaftliche Proletariat (220) — Die ärmere Schicht (222) — Die reicheren Bauern (226) — Die Methoden der Kapitalanhäufung — das Inventar (228) — Kredit und Kooperation (230) — Die Pacht (231) — Handel und Wucher (232) — Getreidevorräte (232) — Die Mittelbauern-Wirtschaften (233) — Die wirtschaftlichen Vorgänge in den Mittel­bauern-Wirtschaften (235) — Zusammenfassung (240) — Schlußfolgerungen (241) — Der Kulak wehrt sich (242) — Die Kollektivierung (244) — Prinzip der Freiwilligkeit (245) — Sturm und Drang (246) — Die Opfer (247) — Die Zahl (249) — Die Eintretenden (250) — Der große Zwiespalt (251) — Die freien Bauern (253): Der Arme (255) — Der Mittelbauer (254) — Der Kulak (255) — Die kollektivierten Bauern (257): — Der Arme (257) — Der Mittelbauer (258) — Die drei Hauptformen (259) — Die inneren Schwierigkeiten (260) — Das Lohnproblem (262)

(3) A. von Bunge : Die deutschen Kolonisten in Rußland ...... 266 - 277

Die ersten Deutschen in Rußland (266) — Entstehung der deutschen Kolonien (266) — Das Leben der Kolonisten (268) — Die Kolonisten und der Krieg (271) — Die Revolution (271) — Ihre Erfolge (272) — Enteignung und Kollektivierung (274) — Der Todesweg (276)

(4) Dr. W. Hoeffding : Staatsfinanzen, Währung und Kredit in Sowjetrußland ..... 278 - 291

Ihre Eigenart (278) — Drei Perioden (279) — Zwei Funktionen des Staatsbudgets (280) — Steuer und Preise (281) — Mechanismus der Preise (282) — Die Anleihen (284) — Freiwilliges Zeichnen (285) — Der Bauer und der Arbeiter (286) — Die Last (288) — Das Kredit­system (289) — Die Währung (289) — Die Inflation (290)

(5) Dr. A. Melkich : Die Industrie Sowjetrußlands ...... 292 - 319

I. Die russische Industrie vor dem Kriege und ihre Beeinflussung durch Krieg, Revolution und „Kriegs­kommunismus"
Aufschwung der russischen Vorkriegsindustrie (292) — Einfluß des Krieges auf die russische Industrie (294) — Eingriff der Regierung (295) — Einfluß der Revolution und ihrer kommunistischen Vertiefung (296)

II. Die Sowjet-Industrie, die „NÖP" und ihre Organisation
Dekret vom 10. April 1923 (299) — Die Resultate der ersten Jahre der „NÖP" (300) — Syndikate und Konventionen (302) — General- und Typenabkommen und das System der Vorausbestellungen (302) — Gosplan (303) — Erlaß über die Truste vom 29. Juni 1927 (303) — Der Bürokratismus und seine Folgen (304)

III. Die Ergebnisse der Sowjetherrschaft in der Industrie
Wiederaufbau der Industrie (304) — Die Quantitäts-Indikatoren (305) — Die Qualität der Produkte (307) — Selbst­kosten­preis und Verschleißpreise (309) — Die Ursachen der hohen Gestehungskosten (311) — Der Stillstand der Betriebe und Werke (311) — Ausschuß in der Produktion (312) — Die falsche Ausnutzung der Arbeitskraft (312) — Der siebenstündige Arbeitstag und die ununterbrochene Produktionswoche (314) — Das Projekt der Ersetzung der technischen Beamten durch qualifizierte Arbeiter (314) — Sozialistischer Wettbewerb (315) — Die Beseitigung des Wettbewerbs mit dem Ausland (316) — Die Rentabilität der Sowjetindustrie (317) — Industrie und Staatsbudget (318)

(6) Dr. W. Hoeffding : Aufstieg und Ende des Privathandels ...... 320 - 334

Das erste Experiment (320) — Die „NÖP" (320) — Die Gegenoffensive (322) — Das Abdrosseln des Privathandels (323) — Der Staatshandelsapparat (323) — Die kommunistische Warenverteilung (324) — Die Zwischenstufen im Staatshandel (326) — Die Handelsunkosten (327) — Der Dienst am Kunden (328) — Authentische Schätzungen (329) — Zusammenfassung (333) — Das zweite Experiment (333)

(7) Dr. W. Hoeffding : Das Außenhandelsmonopol und der auswärtige Handel Sowjetrußlands ..... 335 - 355

Außenhandelsmonopol als Kommandohöhe (335) — Entwicklung des Außenhandels (337) — Anteil Rußlands am Welthandel (339) — Ursachen des Exportrückganges (339) — Verlustexport (344) — Das Sowjet-Dumping (344) — Motive des Dumpings (346) — Struktur-Aenderungen der Sowjetausfuhr (347) — Veränderte Struktur der Einfuhr (349) — Selbstblockade (350) — Maschinen zum Alteisen (351) — Handelsverträge (352) — Handelsvertretungen als Propagandazentralen (354)

(8) Dr. W. Hoeffding : Der Fünfjahrsplan und die Voraussetzungen seiner Erfüllung ... 356 - 370

Das Ziel (356) — Das Tempo (357) — Das „finanzielle Manöver" (358) — Die „Durchbrüche" (360) — Selbstkosten (361) — Qualität der Sowjetwaren (362) — Investierungen (364) — Inflation (365) — Zerfall des Eisenbahnapparates (566) — Fünf-Jahresplan und Ernährungskrise (368) — Das Ergebnis (369)

(9) Professor Dr. Iwan Iljin : Die Lage der Arbeiter ....... 371 - 400

Diktatur des Proletariats (371) — Der Kriegskommunismus (372) — Die „NÖP"-Periode (373) — Das Monopol im Arbeitgeben und die Lohnknechte des Staates (374) — Nominallohn und Reallohn (375) — Die Preise (376) — Die Lebensmittelkrise (377) — Statistik und Wirklichkeit (379) — Die Differenzierung der Arbeiterlöhne (379) — Wirtschaft und Sozialpolitik (380) — Wechsel in den Belegschaften (382) — Die Unterstützung der Arbeitslosen (383) — Der Arbeitstag (387) — Sieben Stunden Arbeit (389) — Der ununterbrochene Produktionstag (390) — Die Betriebsunfälle (391) — Der Arbeiterschutz (392) — Die Wohnungsfrage (393) — Wohnungspolitik und Wohnfläche (394) — Gesundheitspflege (395) — Arbeitsdisziplin (395) — Arbeitsversäumnis (396) — Die Hervorgeschobenen (397) — Die Diebstähle (398) — Die Enttäuschung (398)

(10) Dr. W. Hoeffding : Die Wohnungsfrage in Sowjetrußland ...... 401 - 415

Die Enteignung (401) — Der Zusammenbruch (402) — Der Rückzug (404) — Der Klassenmietzins (404) — Die Wohnfläche (406) — Die gegen­wärtigen Besitzer (408) — Wie der Arbeiter wohnt (410) — Der Wohnungsbau (411) — Die Schwierigkeiten (412) — Zusammen­fassung (414)

(11) Dr. A. Melkich : Die ausländischen Konzessionen ....... 416 - 433

Die ersten Versuche (416) — NÖP und Konzessionen (417) — Das Dekret vom 23. November 1920 und seine Richtlinien (419) — Die üblichen Bedingungen der Konzessions-Verträge (423) — Die Formen der Konzessionen (427) — Die Verträge über technische Hilfe (427) — Die Ergebnisse der Konzessionswirtschaft (428) — Die Gründe der Erfolglosigkeit der Konzessionspflicht (429)

 

III. Teil : Kultur

 

(1) Professor N. von Arseniew : Bolschewismus und Religion ......... 437 - 458

Bolschewismus ist Weltanschauung (457) — Haß gegen die Religion (458) — Die Bekämpfung (459) — Das Gesetz vom Jahre 1929 (442) — Staat und Kirche (442) — Die Verbannung (445) — Die Hinrichtungen (447) — Die Kirchen (448) — „Auf Wunsch der Bevölk­erung" (450) — Die Propaganda (453) — Die Schule (455) — Die Kollektivierung (456) — Der Priesterstand (457) — Die Verfolgung wird fortgesetzt (458)

(2) A. von Bunge : Die Ehe und die Lage der Frau ........... 459 - 471

Der Feldzug gegen die Familie (459) — Die Gesetzgebung über die Ehe (459) — Die Ehescheidung (461) — Folgen der kommunistischen Gesetzgebung (465) — Die Propaganda (464) — Die Vergewaltigungen von Frauen (466) — Die „Befreiung der Frau" (467) — Die Prostitution (469)

(3) Dr. L. Axenof : Die verwahrlosten Kinder ....... 472 - 487

Das Problem (472) — Wie die Kinder leben (475) — Das Nachtasyl (474) — Ernährung und Broterwerb (476) — Der geistige Zustand (477) — Wie das Elend entstanden ist (478) — Der Bürgerkrieg (479) — Die Hungerjahre (480) — Die Epidemie (480) — Die Enteignung (481) — Der Terror (481) — Die Arbeitslosigkeit (481) — Die Bekämpfung der Not (482) — Die Kinderheime (485) — Die Zahl der verwahrlosten Kinder (484) — Das Aussterben (485) — Das Alter (485) — Die Eltern (486)

(4) A. von Bunge : Die Jugend im Sowjetstaate ........ 488 - 500

Die Hoffnungen (488) — Der Komsomol, seine Aufgaben und sein Erfolg (488) — Die Zahl der Komsomolzy (490) — Das Komsomol-Leben (490) — Säuberungsaktion (491) — Die Massenaustritte aus dem Komsomol und ihre Gründe (491) — Die verschiedenen Strömungen im Komsomol (495) — Religiöse Strömungen (495) — Geschäftsleute (495) — Die Gesundheit der Komsolmolzy (496) — Die Jugend außerhalb des Komsomol (497)

(5) Boris Nikolsky : Die Schule .......... 501 - 518

Die geschichtliche Basis des russischen Schulwesens (501) — Das System (502) — Die Qualität (503) — Der Lehrerstamm (504) — Die materielle Basis (504) — Die Volksbildung im Sowjetstaate (504) — Die Einheitsschule (505) — Die Schulung zum Kommunismus (506) — Die neue Gliederung des Schulwesens (506) — Das Schulmonopol des Staates (507) — Die proletarische Auslese (508) — Der Geist des Experimentierens (509) — Die Komplexmethode (510) — Der reelle Unterricht (511) Die Folgen und ihre Schätzung (512) — Erziehung und Moral (514) — Der Schullehrer (515)

(6) Professor N. Timaschew : Die Hochschule ........ 519 - 533

Das Wohl des Volkes (519) — Die Hochschule im modernen Staate (519) — Die russische Hochschule und ihre Ablehnung (520) — Die Studentenschaft (521) — Abschaffung der Vorstudien (521) — Die Arbeiterfakultäten (522) — Ihr sozialer Bestand (523) — Die Folgen der Klassenauslese (525) — Das Programm (526) — Die Professur (528) — Das Ende der Autonomie (530) — Die Säuberung (531). — Zusammenfassung (533)

(7) Dr. A. Melkich : Das Gerichtswesen. Theorie und Praxis ...... 534 - 547

Die Anfänge der Klassenjustiz (534) — Die weitere Ausbildung (535) — Das Wesen der „Neuen ökonomischen Politik" (536) — Der strafrechtliche Kodex 1922 und das Kriterium der „sozialen Gefährlichkeit" (537) — Regulierung der zivilrechtlichen Verhältnisse (537) — Die Kommandohöhen (538) — Das Kriterium des Klasseninteresses (539) — Die Gesetzerläuterung der NÖP-Periode (540) — Das gegenwärtige System der Gerichtsbehörden (541) — Die charakteristischen Merkmale des „einheitlichen Gerichtssystems" (541) — Die „Volksbeisitzer" (542) — Die Volksrichter (543) — Die Art der Ernennung der Richter und ihre Folgen (543) — Abhängigkeit und Absetzbarkeit der Sowjetrichter (544) — Das Kassationsverfahren (544) — Der Richter und die Partei (545) — Das sittliche Niveau (546)

(8) Professor N. Kulman : Die Literatur ..... 548 - 566

Die Zerstörung (548) — Der kommunistische Aufbau (549) — Die Ausgewanderten (551) — Das Martyrium (551) — Was wird gefordert (554) — Der soziale Auftrag (555) — Die Mitläufer (557) — Die Verdächtigen (558) — Die Tradition (560) — Die Leser (561) — Was gelesen und geschätzt wird (562) — Die Tendenz der Kommunisten (563) — Zusammenfassung (565)

Professor Dr. Iwan Iljin : Nachwort ...... 567 - 568


Iwan Iljin

Einleitung

 

Der Zweck dieses Buches besteht darin, den Lesern ein Gebiet neuer sachlicher Erfahrungen aufzuschließen und sie zu selb­ständiger Betrachtung oder Forschung auf diesem Gebiete anzuregen. Das moderne Rußland, wie es in Wirklichkeit aussieht und lebt, ist wahrlich ein Gegenstand, der geeignet ist, manche alte Ansicht überprüfen und neue Einsicht in das Wesen der menschlichen Kultur gewinnen zu lassen. Hier gibt es nur einen Weg: die Tatsachen so festzustellen und zu schildern, wie sie einmal sind; denn die Tatsachen selbst sprechen eine ihnen eigentümliche gewaltige Sprache, die an sich schon geeignet ist, den Ernst und den Sinn der Ereignisse ins Licht zu stellen.

Dieses Sammelwerk ist ausschließlich auf Schilderung von Tatsachen eingestellt. Es schöpft aus zwei Erkenntnisquellen: aus authentischen Äußerungen der Schöpfer des modernen Rußland und aus unmittel­barer Erfahrung.

Es ist eine grundsätzliche Forderung der Gerechtigkeit, daß man geschichtlich wirkenden Menschen die Möglichkeit gibt, sich über ihre Zwecke, Ziele und Wünsche, über ihr Wollen und ihre Arbeitsmethoden, sowie über die Resultate ihrer Bemühungen auszusprechen. Allerdings wird nicht Jede menschliche Absicht zur Tat; aber bei Willensmenschen – wie es die Kommunisten zweifellos sind – wird der Sinn des Vollbrachten erst durch die authentisch zugegebene Absicht voll erschlossen. Was jedoch den objektiven Befund bei der Überprüfung der Erfolge und Mißerfolge betrifft, so ist gewiß kaum zu erwarten, daß leiden­schaftlich kämpfende Menschen – wie es die Kommunisten sicher sind – im Stande wären, die geschichtlichen Ergebnisse ihrer Tätigkeit objektiv zu schildern und zu beurteilen. Die unvermeidliche Subjektivität ihrer Schilderungen und Angaben ist durchaus kein unüberwindliches Hindernis bei der Feststellung der objektiven Wahrheit; im Gegenteil, es gibt methodologische Regeln und Verfahren, deren Befolgung es wie überall, so auch hier ermöglicht, die unwillkürliche Subjektivität der Angaben und auch absichtliche Verschleierungen zu beseitigen. In unserem Fall kommen ganz besonders folgende Bedingungen und Forderungen in Betracht:

 

E r s t e n s muß der Forscher die russische Sprache gründlich beherrschen. Die gesamte Sowjetliteratur (Zeitungen, Zeitschriften, stenographische Protokolle, Bücher) muß in der Ursprache und in der ursprünglichen, für den eigenen, inländischen Bedarf bestimmten Redigierung gelesen und richtig verstanden werden. Diesem Grundsatz entsprechend werden in dem vorliegenden Sammelwerke fast ausschließlich authentische russische Quellen verwendet und zitiert; dabei sind die Zitate nach bestem Wissen und Gewissen verdeutscht worden.1)

8


Z w e i t e n s muß der Forscher die Zustände in Rußland vor dem Kriege und vor der Revolution objektiv und richtig beurteilen können. Jede später eingetretene geschichtliche Erscheinung darf überhaupt nur in Verbindung mit früheren Zuständen begriffen, gedeutet und bewertet werden. Das Relativitätsgesetz beherrscht die Geschichte der Menschheit. Die naive, rein verstandes­mäßige Betrachtungsweise – das Gegebene in einem abstrakten An-sich zu behandeln – untergräbt die Urteilskraft des Menschen und erzeugt nur Mißverständnisse.

D r i t t e n s muß der Forscher voraussetzen, daß ein leidenschaftlich kämpfender Willensmensch in den Schilderungen seiner Erfolge kaum zum Pessimismus neigen wird; er wird die vorliegenden Schwierigkeiten, Unmöglichkeiten und Mißerfolge unter­schätzen und seine „Eroberungen" und „Erfolge" überschätzen. So geht es auch bei den Kommunisten.

V i e r t e n s muß der Forscher im Auge behalten, daß diese optimistische Betrachtungsweise immer der Gegenwart und der Zukunft mehr gilt als der unlängst erlebten Vergangenheit, die sich bei dem Tempo des revolutionären Lebens sehr rasch in eine eigentümliche Ferne zurückzieht und dann der Kritik leicht und gern unterworfen wird. Hart und unerbittlich bleibt die Realität: das überschätzte „Morgen" wird zum mißlingenden „Heute" und dann zum mißlungenen „Gestern" und schickt den Menschen die reelle Not als eine harte Prämisse für ihre neuen Pläne und Berechnungen. So darf der Forscher sich nicht durch das phantastische „Morgen" und das berauschte „Heute" irreführen lassen; er muß das nüchterne „Gestern" und das unerbittliche „Vorgestern" voller Ruhe betrachten und untersuchen.

 

1) Den Stil dieser authentischen Formeln und Redeweisen zu verändern, hielten wir für unrichtig: entsprechend eigenartig und absonderlich klingen sie auch in russischer Sprache.
2) Noch Lenin klagte über „das süßliche kommunistische Gelüge des Alltags", Werke XVIII. T. 2, S. 38; Tomsky schildert Larins Berechnungen als eine „von der Decke abgeschriebene Statistik", 11.KK, S.50; 13.KK, S.118; 14.KK, S.44;
- auch Kamenef unterstreicht, daß bei den Kommunisten die Zahlenangaben in den politischen Kampf „hineingezogen sind", 14.KK, S.265;
- über widersprechende und unsichere Berechnungen klagt auch Rykof. 15.KK. S.762;
- Dsershinsky schildert die kommunistische Rechen­schafts­ablegung als eine "Phantasterei", als ein "qualifiziertes Gelüge". "Die drei letzten Reden" (Tri poslednije retschi): 1926. S. 40 u.a.

9


F ü n f t e n s muß der Forscher berücksichtigen, daß die Kommunisten selbst nicht allen statistischen Angaben ihrer eigenen Behörden Glauben schenken,2) schon deswegen nicht, weil sie gut wissen, daß sie den vorrevolutionären statistischen Apparat zerstört haben und keinen vollwertigen Ersatz schaffen konnten.3) Lange Jahre hindurch (bis 1929) haben sie sich doch mit den Berechnungen dieses Ersatzapparates begnügt. Als aber die neue Sozialisierung (im Herbst 1929) begann und die Berechnungen der statistischen Zentralbehörde durchaus ungünstig für den großen Sozialisierungsplan ausfielen, entzog man ihr den letzten Anschein der wissenschaftlichen Selbständigkeit, entließ die zu einem unabhängigen Denken und Berechnen neigenden Forscher und schuf ein neues, dem "Gosplan" (Zentralbehörde für Planwirtschaft) untergeordnetes statistisches Amt (Dekret vom 23. Januar 1930).

Diese Tatsache ist psychologisch leicht zu erklären; der leidenschaftliche Willensmensch will von Schwierig­keiten wenig wissen; er sucht nicht nur gehorsame Menschen, sondern auch „gehorsame Tatsachen" ... Für den Forscher ist aber in Anbetracht dessen außerordentliche Vorsicht geboten; er darf sich nicht blenden lassen; er muß scharfsichtig die gehorsamen Zahlen von den ungehorsamen Tatsachen zu unterscheiden wissen; er muß die Wirklichkeit aus dem Unwahr­scheinlichen herauszuholen verstehen, was allerdings eine ernste, wissenschaftliche Schulung voraussetzt.

Die Kommunisten kommen ihm insofern entgegen, als sie wegen der fehlenden Pressefreiheit und der legalen Opposition im Lande sich genötigt sehen, „Selbstkritik" zu üben und fast alle eigenen Angaben und Berechnungen gegenseitig zu bestreiten. Auch wird der Forscher Recht haben, wenn er das schon hervorgehobene Korrektiv, nämlich die Zeit, für sich in Anspruch nimmt; die „soeben" gebrachten Berechnungen und Zahlen sind fast durchweg leidenschaftliche Berechnungen und Propaganda-Zahlen; oft bringen schon die nächsten Monate nüchternere Angaben und neue Berechnungen; gewöhnlich kommt die Abkühlung nach einem Jahre; aber auch dann nicht immer. Und wenn jemand seine Arbeit im Jahre 1930 abschließt, so hat er guten Grund, den Zahlen vom Jahre 1928-29 (ceteris paribus) etwas mehr Vertrauen entgegenzubringen als den flüchtigen Zusammenstellungen der letzten Monate. —

3) Vgl. bei Stalin die hohe Schätzung der Berufsehre bei den wissenschaftlich geschulten Statistikern im bürgerlichen Staate. 13.KK S.130-131

10


Die zweite Quelle – die unmittelbaren Lebenserfahrungen im revolutionären Rußland – hat den Mitarbeitern dieses Sammel­werkes die Möglichkeit gegeben, keine oberflächliche oder phantastische Schilderung der Erscheinungen zu bieten. Mehrere von ihnen verbrachten fünf bis zehn Jahre unter der Herrschaft der Kommunisten; sie wissen sicher und genau, wie die angegebenen Zahlen und die geschilderten Tatsachen oder Methoden im Leben aussehen. Im Bewußtsein einer ernsten geschicht­lichen Verantwortung haben sie sich alle bemüht, das wirkliche Wesen der Ereignisse zu erforschen und zu beleuchten. Das Einzelne ist nie zu erschöpfen. Das Allerletzte ist nie einzuholen und festzulegen. Ein forschendes Buch kann sich solche Aufgaben auch gar nicht stellen. Wer aber das Wesen der Sache erkannt hat, dem wird sich auch das Einzelne und das Allerletzte leicht und richtig erschließen.

Wir suchen Licht in das Wesen der geschichtlichen Tatsachen zu bringen.

Professor Dr. Iwan Iljin.
November 1930

 

11


Top Weiter

 

   
 
 
 
 
 
Template by Inspiration