| Bismarck und die deutsche Geschichte |
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Otto von Bismarck hat unseren ersten deutschen Nationalstaat geschaffen. Er hat damit nicht nur Deutschland, sondern Europa unabsehbar verändert. In Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“ lesen wir Folgendes: „Am 20. (März 1848) meldeten mir die Bauern in Schönhausen, es seien Deputierte aus dem dreiviertel Meilen entfernten Tangermünde angekommen, mit der Aufforderung, wie in der genannten Stadt geschehen war, auf dem Turme die schwarz-rot-goldene Fahne aufzuziehen, und mit der Drohung, im Weigerungsfalle mit Verstärkung wiederzukommen. Ich fragte die Bauern, ob sie sich wehren wollten: Sie antworteten mit einem einstimmigen und lebhaften ‚Ja’, und ich empfahl ihnen, die Städter aus dem Dorfe zu treiben, was unter eifriger Beteiligung der Weiber besorgt wurde. Ich ließ dann eine in der Kirche vorhandene weiße Fahne mit schwarzem Kreuz, in Form des eisernen, an dem Turme aufziehen und ermittelte, was an Gewehren und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig und ließ Pulver durch reitende Boten von Jerichow und Rathenow holen.“ Mit anderen Worten: Bismarck reagierte auf die Revolution von 1848, die die deutsche Einheit und Freiheit schaffen wollte, wie man sich das bei einem Junker von echtem Schrot und Korn vorstellt – als Erzreaktionär. Preußen war ihm wichtig, nicht Deutschland, und er wollte von seinem König regiert werden, nicht von Parlamenten. Gleichwohl war die Revolution von 1848, wie sich erwies, für ihn ein Gottesgeschenk. Ohne sie wäre er wohl immer der unbedeutende Landjunker Bismarck-Schönhausen geblieben, der von sich selbst sarkastisch gesagt hat: „Wenn man mich Herr Baron nennt, werde ich mir gutmütig den Schnurrbart streichen und um zwei Taler wohlfeiler verkaufen; zu Königs Geburtstag werde ich mich besaufen und Vivat schreien ..., und mein drittes Wort wird sein: Auf Aehre! Superbes Pferd! Kurz, ich werde glücklich sein im ländlichen Kreis meiner Familie.“ Aber die Revolution war es, die ihn auf die politische Bühne beförderte und ihm die unvergleichbare Laufbahn eröffnete, in der er zum preußischen Ministerpräsidenten, zum Reichsgründer und schließlich zum Reichskanzler geworden ist. Bismarck erwies sich als lernfähig. Je länger desto deutlicher erkannte er, dass die deutsche Nationalbewegung wirklich eine geschichtliche Macht war, die sich nicht mehr aufhalten ließ, und dass sich das traditionelle Preußen dagegen eigentlich in einer Sackgasse befand. Preußen war ein Staat auf deutschem Boden, aber kein Nationalstaat, - auf andere Weise in einem ähnlichen Dilemma wie Österreich. Mit der Unterdrückung allein, wie der große Metternich sie versucht und für Jahrzehnte praktiziert hatte, war es nicht mehr getan. Darum war es sein Geniestreich, dass er das alte Preußen selbst zur Triebkraft der Einheit machte, mit den Mitteln, die dem straff organisierten Militärstaat zur Verfügung standen. Kurz nach seiner Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten 1862 hat Bismarck das in einem berühmten Satz so ausgedrückt: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen –, sondern durch Eisen und Blut.“ So ist es ja auch geschehen. Die Reichsgründung war das Werk des alten Obrigkeitsstaates im Glanz seiner Waffen, im triumphalen Sieg erst über Österreich, dann über Frankreich. Dabei hatte Bismarck durchaus keinen grandiosen Fahrplan der Weltgeschichte im Kopf, wie etwa Lenin für die russische Oktoberrevolution. Er war im Wortsinne ein Opportunist, das heißt jemand, der die Gelegenheiten beim Schopfe packte, wie sie sich boten, eine nach der anderen. Mit ehernen Grundsätzen und hochheiligen Prinzipien, so spottete er einmal, gehe es ihm wie dem berühmten Bankier Rothschild, der seinen Prokuristen zu fragen beliebte: „Herr Meier, sagen Sie bitte, was für Grundsätze habe ich heute in Bezug auf amerikanische Felle?“ Oder ohne Spott und wieder in Bismarcks Worten: „Die Weltgeschichte mit ihren großen Ereignissen kommt nicht dahergefahren wie ein Eisenbahnzug in gleichmäßiger Geschwindigkeit. Nein, es geht ruckweise vorwärts, aber dann mit unwiderstehlicher Gewalt. Man kann nur immer darauf achten, ob man den Herrgott durch die Weltgeschichte schreiten sieht, dann zuspringen und sich an seines Mantels Zipfel klammern, dass man mit ihm fortgerissen wird, so weit es gehen soll. Es ist unredliche Torheit und abgelebte Staatsklugheit, als käme es darauf an, Gelegenheiten zu schürzen und Trübungen herbeizuführen, um dann darin zu fischen.“ Man muss aber hinzufügen, dass Bismarck selber ein Meister darin war, Trübungen herbeizuführen, um dann darin zu fischen. Nur um ein Beispiel zu nennen: Mit höchster Virtuosität hat er 1870 die spanische Erbfolgefrage und die „Emser Depesche“ seines Königs Wilhelm I. benutzt, um dem französischen Stier sozusagen das rote Tuch hinzuhalten, sodass er sich zu seinem Verderben und zum Ruhme des Toreros in die Kriegsarena stürzte. Preußen ist mit der Reichsgründung in den Schatten der Geschichte gesunken; die bestimmende Einheit war fortan Deutschland. Wilhelm I. hat das geahnt und sich verzweifelt gegen seine, wie er es nannte, „Beförderung“ vom König von Preußen zum Kaiser gewehrt; noch am Vorabend der Kaiserproklamation in Versailles 1871 hat er seinem unerbitterlichen Kanzler unter Tränen erklärt: „Morgen ist der traurigste Tag meines Lebens. Da tragen wir das preußische Königtum zu Grabe.“ Nicht wenige Preußen konnten ermessen, warum diesem alten Wilhelm das Herz so schwer war. Ich kann aber auch der Versuchung nicht widerstehen, dazu abermals Bismarck zu zitieren, schon darum nicht, weil die wenigen Sätze zeigen, dass er ein Meister der Sprachkunst war. Wenn von Fontane, Theodor Mommsen oder Heinrich Heine als die großen Sprachkünstler des 19. Jahrhunderts die Rede ist, lesen Sie Bismarcks Briefe oder seine „Gedanken und Erinnerungen“, und Sie werden feststellen, dass er da nicht zurücksteht! Also, er schreibt über diese Szene in Versailles an seine Frau in einem Brief: „Diese Kaisergeburt war eine schwere. Und Könige haben in diesen Zeiten die sonderbarsten Gelüste wie Frauen, bevor sie der Welt hergeben, was sie doch nicht behalten können. Ich hatte als Geburtshelfer mehrmals das dringende Bedürfnis, eine Bombe zu sein und zu platzen, dass der ganze Bau in Trümmern gegangen wäre.“ Vier Sätze – und diese ganze Szene ist so plastisch und meisterhaft erzählt, wie es besser nicht geht. Ja, Preußen versank, aber es vererbte dem neuen Nationalstaat seine Institutionen. In diesem Sinne war die Reichsgründung nicht mehr, wie die Bürgerrevolution von 1848 es wollte, eine revolutionäre, sondern, wie Bismarck selbst gesagt hat, eine konservative Tat. Vor allem erfuhr der alte Obrigkeitsstaat, auch der Militärstaat, eine nachhaltige Wiederaufwertung. Er war es nun einmal, der – dank Bismarck – durch „Eisen und Blut“ im militärischen Sieg statt „durch Reden und Majoritätsbeschlüsse“ die deutsche Einheit herbeizwang. Ich denke, man kann diese Tatsache kaum hoch genug veranschlagen; sie hat schicksalsbestimmend gewirkt bis in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Denn für Völker, für Nationen ist es entscheidend wichtig, wie sie sich in ihrem Ursprung begründen und damit herstellen, was wir mit dem Begriff „Identität“ heute so viel diskutieren. Wenn man auf die älteren Demokratien des Westens blickt, dann stößt man stets auf diese Bedeutung des Ursprungs. Denken Sie an die Tell-Saga oder den Rütli-Schwur der Eidgenossen, an den Freiheitskampf der Niederlande gegen Habsburg - Spanien, die „glorreiche“ Revolution in England und die große in Frankreich, an die Unabhängigkeitserklärung und den Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten. Um als Volk politisch mündig zu werden, muss man wohl einmal einen König geköpft oder ihn jedenfalls verjagt haben, man muss sich Freiheit gegen fremde oder einheimische Vormünder erkämpfen. Was die westlichen Vorbilder zeigen, setzt sich in der Gründung unseres ersten Nationalstaates nicht fort. Dies allerdings hat Bismarcks Geniestreich verhindert. Die Obrigkeit von Gottes Gnaden blieb, der Glanz des Militärischen blieb erst recht, zu dem der Spruch von 1848 nur zu gut passte: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten.“ Symbole sagen oft mehr als Begriffe, und das Symbol des Bismarck-Reiches war der Sedantag, der an die Kapitulation der französischen Armee bei Sedan samt Kaiser Napoleon vor der preußisch-deutschen im Jahr 1870 erinnerte. Sebastian Haffner hat in einer schönen Betrachtung noch aus eigenem Erleben diesen Tag, diesen Symboltag des Bismarck-Reiches, folgendermaßen beschrieben: „Der Sedantag war ein rundes halbes Jahrhundert lang der deutsche Nationalfeiertag mit Paraden, Beflaggung, Schulfeiern, patriotischen Reden und allgemeinen Hochgefühlen. Und zwar war es, muss man wahrheitsgemäß und mit einiger Beschämung sagen, der einzige wirklich effektive Nationalfeiertag, den die Deutschen gehabt haben. Was nachher an seine Stelle trat, der 11. August, Verfassungstag der Weimarer Republik, der 1. Mai der Nazis, der 17. Juni der Bundesrepublik, das war alles nichts Rechtes mehr: Halt ein freier Tag und ein paar Weihestunden und Reden, die keinen sonderlich interessierten. Aber der 2. September, der Sedantag, mein Gott, da war noch wirklich was los! Das war eine Stimmung – ich finde für die heutige Zeit keinen anderen Vergleich –, als ob die deutsche Nationalmannschaft die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hätte, und zwar jedes Jahr aufs Neue.“ Der letzte Satz sagt über die Gegenwart mindestens ebensoviel aus wie über das Bismarck-Reich, wobei hinzuzufügen ist, dass für die alte Bundesrepublik diese Gegenwart ja schon 1954 mit dem „Wunder von Bern“ begann. Da hatten wir plötzlich wieder das Gefühl: Wir sind wer. Ein Historiker hat einmal über die alte Bundesrepublik gesagt: „WM und Goldmedaillen sind der Kern unseres Nationalbewusstseins.“ Und wenn Bayern München wieder einmal deutscher Meister wird oder unsere Nationalmannschaft Europameister oder demnächst, hoffentlich Weltmeister: Ja, das gibt wirklich Anlass zum Jubeln, zu lokalen oder nationalen Hochgefühlen, wie einst bei Sedan. Aber ob das auch für die politische Wirklichkeit taugt, ist eine ganz andere Frage. Oft wird gefragt – und es gibt ja auch heute noch Bücher, die das so hinstellen –, ob wir nun Bismarck die Schuld an den deutschen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zuweisen müssen, die Schuld gar an Hitler? Nein, ich glaube das nicht! Bismarck hat gewusst, dass seine Gründung das Äußerste war, was man Europa zumuten konnte. Er hat das Reich für saturiert erklärt und alle seine Kraft daran gesetzt, den Frieden zu wahren. Gewiss, es gibt von ihm das berühmte Wort, das gleich zum geflügelten wurde und das er einmal im Reichstag sagte: „Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt“. Vergessen, verdrängt wurde, was im selben Satz gleich danach noch folgte, dass er nämlich sagte: „Und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und hüten lehrt.“ Wenn sich darum später die Großmannssucht Bahn brach, der Wahn von der Weltmacht, die man erst noch werden müsse, dann darf man sich dabei nicht auf Bismarck berufen und ihn zum Sündenbock stempeln für das, was man selbst verursacht hat. Übrigens sagen Kleinigkeiten oft mehr als lange Abhandlungen. Bismarck selbst ist das Echo auf sein geflügeltes Wort unheimlich geworden, und er hat auf plattdeutsch geseufzt: „Hätt’ ich dat Wort man nicht seggt.“ Ich denke, das spricht für ihn, mehr als Abhandlungen. Oder um Friedrich von Holstein, Diplomat im Auswärtigen Amt, zu zitieren, der 1888 notierte: „Hier ist eigentlich in Berlin alle Welt für den Krieg, mit fast alleiniger Ausnahme Seiner Durchlaucht, der die äußersten Anstrengungen unternimmt, um den Frieden zu unterhalten.“ Ich denke, ein besseres Zeugnis konnte der Diplomat seinem Vorgesetzten nicht ausstellen. Seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten leben wir in unserem zweiten Nationalstaat. Wenn ich noch etwas von ihm spreche, dann wende ich mich keineswegs von Bismarck ab, ganz im Gegenteil: Gerade weil wir jetzt einen zweiten, neuen Nationalstaat haben, rückt Bismarck uns näher, wird es wichtig für uns, sich mit ihm zu beschäftigen und zu fragen: Was war denn? Wie ist das mit dem ersten gegangen? Was müssen wir tun, damit es besser mit dem zweiten gehen wird? Das Vermächtnis oder Verhängnis der Geschichte müssen wir erkunden, um zur Zukunft zu finden. Viele deutsche Schriftsteller, wie z.B. auch Günter Grass oder Stefan Heym, ängstigten sich vor der Wiederkehr des Nationalstaates. Manche sahen schon die alte Großmannssucht heraufziehen, wenn sie nicht gar schon den Marschtritt der Eroberer hören, der ringsum Schrecken verbreitet. Ich verstehe diese Ängste, aber ich teile sie nicht. Vieles unterscheidet uns vom Vergangenen. Ich will nur eins nennen: Die Faszination des Militärischen, die im Bismarck-Staat so groß war, der Glanz der Uniformen, ist wohl für immer dahin. Wir sind eine durch und durch zivile Nation geworden. So gesehen hat die Begeisterung für Fußball statt für Sedan vielleicht auch ihre guten Seiten. Allerdings haben wir ein Problem, anders als den Polen, Franzosen oder Niederländern fehlt uns eine feste Begründung in der Geschichte. Wir wissen nicht so recht, was unsere Identität ausmacht. Deswegen reden wir unentwegt über sie. Bismarck hat dieses Problem auf seine Weise gelöst: Durch Freund- Feind-Verhältnisse. Das war seine ganze politische Erfahrung. Denn wenn man nicht weiß, wofür man positiv steht, schafft man sich Bedeutung und Zusammenhalt durch den Feind, gegen den man kämpft. Darum ergab die Annexion von Elsass-Lothringen 1870-71 auch einen Sinn, weil sie die Franzosen auf die Revanche festlegte. Dann wiederum hatte man seinen Erbfeind, gegen den man als Nation doch zusammenstehen müsste. Es ist kein Zufall, sondern auch von daher begründet, dass man auch innenpolitisch immer Feinde braucht, erst die „Reichsfeinde“, also die Katholiken, und dann die „vaterlandslosen Gesellen“, die „rote Gefahr“ der Arbeiterbewegung. Mit wechselnden Inhalten hat sich das fort und fort geerbt. Noch die alte Bundesrepublik und die DDR sind ja gegründet worden und aufgewachsen im Zeichen ihrer Feindbilder. Hier das Schreckbild Kommunismus, auf der anderen Seite der imperalistische Klassenfeind. Mit der Wiedervereinigung – das ist jetzt unser Problem – sind diese alten Feindbilder zerborsten. Genscher hat einmal ungewohnt witzig gesagt: „Wir sind jetzt von Freunden umzingelt.“ Womöglich hängt der Stimmungsumschwung von der anfänglichen Euphorie der Wiedervereinigung zu den Depressionen und Schuldzuweisungen auch damit zusammen. Wir brauchen Ersatz, die „Ossis“ und die „Wessis“, die Asylanten und die Fremden überhaupt. Manchmal, um es sarkastisch auszudrücken, scheint es fast, als klaube jeder aus den Trümmern der geborstenen Berliner Mauer sein rettendes Stück und trage es spazieren. Rette den Feind, wer kann, jeder den seinen! Ist also der deutsche Nationalstaat ein hoffnungsloser Fall? Müssen wir immer wieder in die Freund-Feind-Verhältnisse zurückfallen? Nein, ich denke nicht. Ich erinnere an die Bedeutung des Ursprungs eines Staates und vergleiche den Sedantag jetzt einmal probeweise mit dem 9. November 1989, dem Tag oder der Nacht, als die Mauer fiel. Dieses Ereignis war die direkte Folge einer von Woche zu Woche anschwellenden Bürgerbewegung, die mit ihrer Zivilcourage einen perfekt durchorganisierten Obrigkeitsstaat, den hoffentlich letzten auf deutschem Boden, zum Einsturz brachte. Diese Bewegung bildete den Ausgangspunkt für die Wiedervereinigung, für unsere Heimkehr zur Nation. Bis dahin – denken Sie an 1848 zurück – war die Geschichte der Freiheit in Deutschland immer wieder die ihrer Niederlagen gewesen. Jetzt endlich ist es eine Erfolgsgeschichte. Dies ist unser Gründungsakt, unsere politische Mündigkeitserklärung. Dies müssten wir nur in seiner Bedeutung, in seiner Wichtigkeit begreifen. Die Dichter und Denker sollten, statt zu maulen, davon singen und sagen. Skeptiker sagen da natürlich: „Waren denn alle Deutschen beteiligt, oder auch nur eine Mehrheit der Leute in der DDR?“ Nein, natürlich nicht. Aber ist das so wichtig? Waren etwa alle Franzosen seinerzeit am Bastillesturm beteiligt? Oder fanden den alle Franzosen toll? Dennoch ist er mit Recht zum Symbol und sein Jahrestag zum Nationalfeiertag geworden. Erlauben Sie mir, dass ich die Bosheit noch einen Augenblick fortsetze: Ich frage mich umso dringender, warum wir eigentlich – fast unwidersprochen – den 3. Oktober zum neuen Nationalfeiertag gemacht haben. Was symbolisiert er eigentlich? Dass ein Bundesinnenminister und ein Staatssekretär samt ihren Expertenstäben mit der Arbeit fertig waren und dann die Parlamente diesen Einigungsvertrag ratifiziert haben, und sei es bei kaum überschaubaren Problemen und unter hohem Zeitdruck noch so ehrenwert? Ich denke, wenig oder nichts von der Zivilcourage, die ein Regime zum Einsturz brachten, lässt sich mit dem 3. Oktober verbinden. Anders wäre es mit dem Mauerfall am 9. November: Dieser Tag hat wirklich die Herzen bewegt wie einst der 2. September, und ich denke, er tut es noch immer, wer sich nur die alten Filmdokumente anschaut. Dieser Tag hätte darum, wie der französische Sturm auf die Bastille, zum Symbol dafür getaugt, dass in Deutschland etwas Neues begann. Wenn man so etwas sagt, bekommt man immer zu hören, der Tag sei doch vorbelastet. Es ist wahr, es ist ein seltsames Schicksalsdatum unserer neuen Geschichte. Mit dem 9. November 1918 endete eine Epoche, die Republik wurde ausgerufen, und nur zu bald wurde daraus das „Novemberverbrechen“. Hitler, der sich auf Symbole verstand, hat sich zum Erlöser aus diesem Verbrechen stilisiert. Schon sein Münchner Bierkellerputsch 1923 war bewusst auf dieses Datum hin angelegt. Später hat man alljährlich den „Marsch auf die Feldherrenhalle“ in düsterem Todespomp nachinszeniert. In der Novemberprogromnacht von 1938 brannten die Synagogen, als Feuerzeichen eines Wahns, der das eingebildete Verbrechen durch das wirkliche tilgen sollte. Aber was spricht eigentlich dagegen, frage ich mich, dass sich zur Freude über das in Deutschland endlich Gelungene eine Nachdenklichkeit mischt, ein Blick zurück in die Abgründe? Umso deutlicher könnten wir im Kontrast doch erkennen, was wir jetzt gewonnen haben und was es wert ist, bewahrt und verteidigt zu werden als das Fundament unseres nun neuen zweiten deutschen Nationalstaates. Erlauben Sie mir, dass ich am Ende noch einmal auf den Ausgangspunkt zurückkehre und noch etwas von Bismarck erzähle. Nach seinem Rücktritt und noch mehr nach dem Tode seiner Frau 1894 war dieser alte Mann sehr einsam und fühlte sich zunehmend fremd unter den Menschen. Aber er fand Gefährten, die er liebte, nämlich Bäume. Einen Baumnarren hat er sich selbst genannt und behauptet: „Bäume sind Ahnen“. Bezeichnend ist sein Ausbruch gegen seinen Nachfolger, General von Caprivi, der im Garten des Reichskanzleramtes in Berlin alte Bäume fällen ließ, um mehr Licht zu haben. Er schreibt dann: „Ich würde Herrn von Caprivi manche politische Meinungsverschiedenheiten“ – die waren weiß Gott bitter – „ eher nachsehen als die ruchlose Zerstörung uralter Bäume.“ Die Bäume beruhigten Bismarck. Denn je älter er wurde, desto mehr wurde er von Ängsten geplagt. Er ahnte etwas von dem künftigen deutschen Verhängnis. Dies ehrt ihn, und es unterscheidet ihn von all den Hurraschreiern und Denkmalserbauern, die sich später unkritisch auf ihn beriefen. Die Bäume aber, so glaubt der Reichsgründer, überdauern menschliches Tun. Sie haben einen längeren Atem als wir. Um nochmals auf die Vereinsamung zurückzukommen: Sie ist wohl der Preis, der für jeden einzigartigen Aufstieg und die Fülle der Macht bezahlt werden muss. Mit Bismarcks eigenen Worten: „Die alten Freunde sterben oder werden zu Feinden, und neue erwirbt man nicht mehr.“ Was bleibt aber dann? Vielleicht nur dies: Auf einer Bank sitzen, die Hände auf den Spazierstock und das Kinn auf die Hände gestützt, um Zwiesprache mit denen zu halten, die geduldig zuhören. „Ich habe mir mit den Bäumen mehr zu sagen als mit Menschen“, hat der alte Bismarck bekannt. |