Prof. Dr. Freiherr v. Aretin: Bayerische Monarchie

Das Scheitern der Weimarer Republik, Widerstand in der bayerischen Monarchistenbewegung gegen das NS-Regime in den Jahren 1932-33; Versuche zur Wiedereinfürung der Monarchie in den Jahren 1950-52

Professor Dr. Karl Otmar Freiherr von Aretin

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

hinter diesem etwas merkwürdigen Titel verbirgt sich eigentlich die Geschichte der Möglichkeiten in Bayern wieder eine Monarchie einzurichten, die zwei mal eigentlich relativ nahe an der Verwirklichung war. Das Ende der Monarchie 1918 kam für viele überraschend. Es war zwar schon im September 1918 klar, daß Kaiser Wilhelm II. die Niederlage Deutschlands nicht als regierender Kaiser überleben würde. Dem Sturz des Kaisers im laufe der Monate November/Dezember folgten dann die Abdankungen in den deutschen Ländern und als im Januar 1919 nach neuem Wahlrecht eine verfassungsgebende Versammlung gewählt wurde, war Deutschland eine Republik.

Man gewöhnte sich nicht ganz einfach und nicht ganz schnell an diese Tatsache. Es gibt einen Augenzeugen des Attentats auf Eisner in München, der in seiner Tasche eine Opernkarte hatte, die immerhin im Februar 1919 noch immer den Aufdruck „königlich-bayerische Staatsoper München“ trug. Es dauerte wie gesagt bis alle sich daran gewöhnt hatten, daß die vielen Hofhaltungen in den deutschen Residenzstädten verschwunden waren. Der Kaiser war nach Holland ausgewichen, aber die meisten lebten noch in den Ländern oder kehrten in diese zurück, die sie vorher regiert hatten.

Eine Frage blieb freilich während der ganzen Weimarer Republik vorhanden: Ist die Entscheidung endgültig oder war diese von vielen ungeliebte Republik ein Übergang in eine andere Staatsform?

Als Generalfeldmarschall von Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt wurde, sprach man von einem „Ersatzmonarchen“. Nicht wenige Konservative glaubten damals, der alte Offizier werde Deutschland wieder die Monarchie bringen. Selbst Heinrich Brüning, der Reichskanzler während der großen Krise der Weimarer Republik, bekannte in seinen Memoiren, er habe die Monarchie wieder einführen wollen, weil sie für Deutschland „eine sichere, krisenfeste Zukunft“ verbürge. Diese Aussage war damals zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner Erinnerungen eine Sensation, denn vorher hatte Brüning über diese Dinge nicht gesprochen.

Monarchie, ja! Aber mit wem?

Bei bestimmten Anlässen zeigten sich ehemalige Offiziere in den Uniformen des Kaiserreichs. Da wurde ein bisschen Kaiserreich gespielt, aber wer sollte es machen? Der deutsche Kronprinz wohl kaum. Er war nach Berlin zurückgekehrt und tauchte in seiner schicken Uniform bei zahlreichen Veranstaltungen auf. Er war aber wegen seiner vielen amourösen Abenteuer extrem unbeliebt. Sein Bruder August Wilhelm war 1929 in Hitlers Privatarmee der SA eingetreten und nahm dort einen relativ hohen Rang ein. Hitler und seine Führungsgruppe äußerten keine eindeutigen Intensionen. In „Mein Kampf“ war Hitler wenig Schmeichelhaft mit der Hohenzollern-Monarchie umgegangen.

In den einzelnen Ländern war das Verhältnis zu den entmachteten Fürsten ambivalent. Ein von den Kommunisten 1925 gestartetes Volksbegehren zur Enteignung der Fürsten scheiterte. Aber wie weit die Sympathien für die Fürsten in den einzelnen Ländern wirklich ging, das war unklar. Mit einer Ausnahme: In Bayern.

Der kunstsinnige, schlanke, sehr vornehm auftretende bayerische Kronzprinz Rupprecht war nach dem Tod seines Vaters König Ludwig III. eine Figur der bayerischen Politik. Bei der Beerdigung von König Ludwig III. war das ganze monarchische Zeremoniell ausgespielt worden. Seit er 1922 bei der Beerdigung von Ludwig III. erklärt hatte „eingetreten in die Rechte meines Vaters“, spielte er in der bayerischen Politik eine Rolle. Damals hatten einige Leute versucht Rupprecht zum König von Bayern auszurufen. Wie das in einer Republik zu machen war, das wurde nicht diskutiert. Die Franzosen allerdings hatten sofort gesagt: „Wenn ihr das macht, wird Bayern von Frankreich besetzt“.

Das änderte aber nichts daran, daß Rupprecht im politischen Spiel in Bayern auch eine wichtige Stellung einnahm: Viele bayerische Politiker behaupteten damals in ihren Herzen Monarchisten zu sein. Die Frage, wie das Problem der bayerischen Monarchie in einer Republik gelöst werden könnte, war auch von ihnen nicht diskutiert worden. Das „Leuchtenberg-Palais“, „Schloß Neustetten“, die Wohnsitze des Kronprinzen, waren eine Chiffre, um den Einfluß Rupprechts zu benennen. Mit dem Heimat- und Königsbund gab es eine monarchistische Bewegung, ein überzeugter Kämpfer für die bayerische Monarchie war mein Vater Erwein Freiherr von Artin. Er war leitender Redakteur der größten süddeutschen Zeitung der Münchner Neuesten Nachrichten. Trotzdem verblieb die Monarchie-Idee in den 20er Jahren im Bereich der Traditionsvereine. Es war in Bayern üblich, daß die Politiker, wie der Vorsitzende der bayerischen Volkspartei Fritz Schäffer oder der bayerische Ministerpräsident Heinrich Held, immer wieder behaupteten, sie seien überzeugte Monarchisten. Das tat übrigens auch Ernst Röhm, der Führer der SA, der auch behauptete, er sei ein Monarchist.

Lange blieb die Frage im Unbestimmten und erst als die Krise der Weimarer Republik unübersehbar wurde, wurde das anders. Ende August 1929 starteten mehrere konservative Gruppen einen Generalangriff auf die Reichsregierung. Im Juli 1929 wurde auf amerikanische Initiative mit der deutschen Regierung eine Neuordnung der Reparationen angestrebt, die Deutschland im Friedensvertrag von Versailles auferlegt worden waren. Dieser nach dem amerikanischen Wirtschaftsführer Young benannte Plan regelte die Reparationsleistungen. Die Raten wurden verringert, doch dafür sollten sie bis 1988 gezahlt werden. Dieser mit der deutschen Regierung und den Regierungen von Frankreich, England und Italien ausgehandelte Plan mußte vom Deutschen Reichstag ratifiziert und dann von der Regierung unterzeichnet werden.

Gegen den Young-Plan startete der Vorsitztende der konservativen Deutsch-Nationalen Volkspartei Alfred Hugenberg zusammen mit einigen anderen Gruppierungen ein Volksbegehren. Und unter diese Gruppierungen war einmal die Organisation der Frontkämpfer „Stahlhelm“, zum anderen aber Hitler mit seiner NSDAP. Die NSDAP war damals eine kleine Splitterpartei, die 2,6 Prozent oder zwölf Abgeordnete hatte. Auch an Kronzprinz Rupprecht erging die Aufforderung diesen Aufruf zum Volksbegehren zu unterzeichnen. Der deutsche Kronprinz Wilhelm hatte sich dazu bereit gefunden, aber auf den dringenden Rat von Erwein Aretin verweigerte Rupprecht seine Unterschrift. Aretin hatte davor gewarnt sich an einer Aktion zu beteiligen, an der Adolf Hitler und die NSDAP beteiligt waren. Das Volksbegehren erhielt die vorgeschriebene Zahl der Wähler, der Volksentscheid allerdings scheiterte. In Neuburg an der Donau erschien im Oktober 1929 ein Flugblatt mit der Nachricht Kronprinz Rupprecht von Bayern habe den Aufruf zum Volksbegehren unterschrieben. Auf das Dementi des Kronprinzen hin forderte Hitler diesen ultimativ auf den Aufruf zum Volksentscheid in wenigen Tagen zu unterschrieben. Erwein Aretin veröffentlichte in den Münchner Neuesten Nachrichten das Ultimatum Hitlers und machte ihn lächerlich. Das hat ihm Hitler übrigens nie verziehen, aber das wäre ein anderes Thema ...

Darauf wurde im Völkischen Beobachter, der Zeitung der NSDAP, Schmähartikel gegen die politischen Berater Rupprechts Aretin, Josef-Maria Graf Soden und Eugen Fürst von Oettingen veröffentlicht. Die Bayerische Volkspartei stellte sich hinter den Kronprinzen und seine Politiker und auf einmal war die Frage der Monarchie eine politische geworden. Die in Bayern relativ starke monarchistische Bewegung war damit aus der Agitation gegen die Republik ausgeschieden. Sie war Teil der vernünftigen konservativen Kräfte Deutschlands.

Wie gefährlich das Spiel mit dem Agitator Hitler war, zeigen die Ergebnisse der Reichstagswahl vom 14. September 1930: Nur ein Jahr nach der Agitation gegen den Young-Plan stieg die NSDAP von 2,6 Prozent auf 18,3 und hatte statt zwölf 107 Abgeordnete, die im Reichstag meistens in SA-Uniformen erschienen. Das Spiel mit dem Young-Plan wiederholte sich. Am 11. Oktober 1931 mit der Harzburger Front. Wieder hatten sich Alfred Hugenberg und der Stahlhelm mit Hitler zusammengetan. Die Harzburger Front - wie sie sich nannte - richtete einen Aufruf an den Reichspräsidenten, den Reichskanzler Heinrich Brüning und den preussischen Ministerpräsidenten Otto Braun zu entlassen und mit nationalen Persönlichkeiten zu ersetzen.

In Harzburg war die Sache schon etwas anders. In Harzburg war nämlich Hitler die leitende Persönlichkeit, der mit seiner Privatarmee, der SA, das Geschehen bestimmte. Bei einer Parade der in der Harzburger Front zusammengeschlossenen Verbände verlies Hitler das Podium nach dem Vorbeimarsch der SA und gab damit klar zu verstehen, daß die anderen eigentlich nichts zu sagen hatten. Wieder hatte Rupprecht die Teilnahme an der Harzburger Front oder ein Grußwort verweigert. Wieder galten die bayerischen Monarchisten und der bayerische Kronprätendent als Vertreter eines gemäßigten Konservativismus. In dieser Stellung wurde die Monarchie in Bayern zu einer Alternative, zu der kometenhaft aufsteigenden Hitler-Bewegung.

Wie war die politische Lage in Bayern? Seit 1931 regierte das Kabinett Heinrich Held geschäftsführend. 1931 war der Bayerische Bauernbund aus der Koalition ausgetreten, die Regierung Held blieb aber, wenn auch nur geschäftsführend im Amt; wir haben im Moment in Hessen eine ganz ähnliche Situation. Die Gefahr der Nationalsozialisten war inzwischen aber noch viel drängender geworden. Bei den Reichspräsidentenwahlen April 1932 hatte Hitler 36,8 Prozent erhalten, das heißt er hatte noch einmal - 21 Monate nach den Reichstagswahlen - seinen Stimmanteil verdoppeln können. 1932, also vierzehn Tage nach der Reichspräsidentenwahl war der Anteil etwas zurückgegangen. Die Bayerische Volkspartei konnte sich mit zwei Mandaten vor der NSDAP als stärkste Partei im Bayerischen Landtag halten. Die verschiedenen Möglichkeiten einer Koalition wurden aber von Held nicht genutzt. Das Kabinett blieb geschäftsführend, was Erwein Aretin zu der boshaften Bemerkung brachte, die bayerische Regierung hat den „unschätzbaren Vorteil, daß sie nicht gestürzt werden kann, weil sie das nämich seit fast zwei Jahren ist.“

In diesen Monaten gewann die Idee einer Restauration der Monarchie in Bayern eine neue Dimension. Sowohl der Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei Fritz Schäffer wie Ministerpräsident Held nahmen mit Aretin Verbindung auf und erörterten das Problem der Monarchie. Heinrich Held hielt die Wiedererrichtung der Monarchie in Bayern für mögliche Lösung, wenn die Nationalsozialisten immer stärker würden. Die Monarchie blieb in Bayern im Gespräch, als die Situation in Berlin immer kritischer wurde. Zwar hatten die Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen am 6. November zwei Millionen Stimmen bzw. vierzehn Mandate verloren, aber NSDAP und KPD also, Nationalsozialisten und Kommunisten, die offen verfasungsfeindlichen Parteien, kamen auf über fünfzig Prozent. Das heißt ohne Beteiligung einer dieser Parteien war eine Regierung mit einer Mehrheit im Reichstag nicht mehr zu bilden. Die Krise der Weimarer Republik hatte eine Dimension angenommen, die mit Mitteln der Verfassung nicht mehr zu steuern war. In dieser Situation waren auch Teile der Bayerischen Volkspartei bereit mit Rupprecht als bayerischem König eine Machtergreifung der Nazis zu verhindern. Die treibende Kraft war Fritz Schäffer, der das übrigens später stark geleugnet hat, merkwürdigerweise, als er dann deutscher Finanzminister war. Auch Heinrich Held war im Januar/Februar bereit Rupprecht wenn auch nicht zum König so doch zum Generalstaatskommissar für Bayern zu ernennen. Dieser Ausweg war in der Bayerischen Verfassung vorgesehen.

Die bayerischen Monarchisten strebten die Erhebung zum König an. Für Fritz Schäffer war die Restaurierung der bayerischen Monarchie die letzte Möglichkeit eine Diktatur Hitlers zu verhindern. Diese Frage spielte bei den bayerischen Monarchisten zum Teil nur eine untergeordnete Rolle, sie wollten einfach die Monarchie. In den Nationalsozialisten sahen sie sogar einen Verbündeten im Kampf gegen die Weimarer Republik. Die Idee Schäffers die demokratischen Kräfte unter einem König Rupprecht zusammenzufassen wurde von einigen Monarchisten wie Erwein Aretin oder Eugen Fürst Oettingen-Wallerstein, aber auch von Kronprinz Rupprecht geteilt. Der strebte eine parlamentarische Monarchie an, in der die Politik von den Parteien mitbestimmt wurde. Daher war, als die Frage der bayerischen Monarchie am Jahresende 1932/33 akut wurde, die Haltung der Parteien zu Kronprinz Rupprecht so wichtig. Durch mehrere Tagungen des Heimat- und Königbundes im Dezember 1932 und Januar 1933 wurde die Diskussion um die Monarchie in die Öffentlichkeit getragen. Die Redaktion der Münchner Neuesten Nachrichten stand angesichts der Krise der Republik auf Seite der Monarchisten. Professor Paul Nikolaus Kossmann, einer der Herausgeber der Münchner Neuesten Nachrichten und der Süddeutschen Monatshefte war für die Monarchie als Rettung vor den Nationalsozialisten gewonnen. Die Süddeutschen Monatshefte spielte eine ähnliche Rolle, wie heute der Spiegel. Das Januarheft trug den Titel „König Rupprecht“.

Auch in Berlin war die Möglichkeit einer bayerischen Monarchie damals ein Tagesgespräch. Wir sind durch die Berichte des bayerischen Vertreters in Berlin Sperr und des Korrespondenten der Münchner Neuesten Nachrichten Otto von Heidebrecht davon unterrichtet. Beide berichten von Sorgen bei den bürgerlichen Ministern im Kabinett Hitler, des Justizministers Kürtner, des Außenministers von Neurath und des Finanzministers Graf Schwerin, daß Hitler eine Diktatur anstrebe. Sie sahen in der bayerischen Monarchie eine Möglichkeit die Einführung des Faschismus zu verhindern. Diese drei, zu denen noch als Vierter der Führer des Stahlhelm, der Arbeitsminister Selte kam, waren von der Dynamik tief beunruhigt, die Hitler und seine Partei nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler entwickelte. Sie hofften, daß die bayerische Monarchie den nationalen Taumel stoppen könnte. Sie glaubten, daß Hindenburg sich kaum gegen Kronprinz Rupprecht, der als Generalfeldmarschall des ersten Weltkriegs eine im öffentlichen Leben bedeutende Person war, daß er sich nicht dagegen stellen könne und eine Monarchie in Bayern zuließ. Für Hitler und die Reichsregierung war eine bayerische Monarchie höchst unbequem. Da Hitler sich so bürgerlich gab, hoffte man er könne sich eigentlich kaum dagegen stellen. Ein Gespräch Heidebrechts mit der Chefredaktion der SPD-Zeitung „Vorwärts“ brachte das überraschende Ergebnis, daß man auch dort eigentlich nichts gegen eine bayerische Monarchie hätte, weil sicherlich eine bayerische Monarchie das kleinere Übel gegenüber einer nationalsozialistischen Diktatur wäre. Fritz Schäffer hatte in der Unterredung mit Franz v. Papen, der damals Reichsvizekanzler war, und Hindenburg am 17. Februar den Eindruck gewonnen, daß in Berlin kaum eine Rettung vor einer nationalsozialistischen Diktatur zu sehen war. Die positiven Stellungnahmen von Politikern und der Redaktion des „Vorwärts“ gaben in München den falschen Eindruck man erwarte in Berlin, daß in München die Monarchie ausgerufen werde. Am 6. Februar erörterte Held im Kabinett das erste mal die Möglichkeit einer Monarchie. Und er stieß auf ein durchweg positives Echo. Es wurde freilich nicht konkret besprochen, wie man eigentlich eine Monarchie innerhalb der Republik unterbringen könnte. Es wurde auch nicht das eigentlich für mich wichtige Thema besprochen, wieso eigentlich eine bayerische Monarchie die nationalsozialistische Diktatur verhindern könne. Aber Fritz Schäffer drängte. Nach der von Hitler durchgesetzten Reichstagswahl vom 5. März war die Aktion kaum noch nach seiner Meinung durchzuführen. Als Schäffer beim Vizekanzler von Papen die Möglichkeit der Errichtung einer Monarchie andeutete, drohte dieser mit einer Aktion gegen Bayern. Die Entscheidung wurde dann im Kabinett am 21. Februar festgelegt - und das ist eigentlich eine Jugenderinnerung von mir - an diesem 21. Februar sollten zu einer bestimmten Zeit die Kirchenglocken zu läuten anfangen, weil die Monarchie in Bayern ausgerufen war.

Inzwischen war aber Held klargeworden, daß Rupprecht nicht ihn, sondern Schäffer zum Ministerpräsidenten machen würde und seine Begeisterung für die Monarchie war damit auf einen Nullpunkt gesunken. Es waren dann zwei Ereignisse, die Held an der Aktion zweifeln ließen. Er wollte wie 1923 die Münchner Garnision der Reichswehr auf Rupprecht verpflichten. Der Befehlshaber in Bayern war General Wilhelm von Leb ein Bayer, der auch Träger der höchsten bayerischen Militärauszeichnung des Max-Josef-Ordens war. Schäffer hatte angenommen, daß sich Leb nicht gegen seinen alten Befehlshaber Kronprinz Rupprecht stellen würde. Das war ein Irrtum. Leb erklärte er nehme seine Befehle aus Berlin und nicht aus München an. Und das zweite Problem war die SA. Wenn Fritz Schäffer behauptet hat, wenn ein Staatskommissar von Hitler nach Bayern geschickt würde, würde er ihn an der Grenze verhaften – die saßen bereits in München, wo die SA ihren festen Stützpunkt hatte. Am 30. Januar war in München der Triumpf-Marsch wegen Glatteis unterblieben. Und Röhm fragte daher ganz brav beim bayerischen Innenminister an, ob sie die Siegesfeier nicht an einem anderen Tag nachholen könnten. Die Demonstration wurde nach längerem hin- und her genehmigt und am Abend des 20. Februars zogen bei Fackelschein tausende SA-Männer durch die Münchner Innenstadt.

Für die am Tag darauf angesetze Kabinettssitzung, bei der Schäffer den Kabinettsbeschluß durchsetzen wollte, Kronprinz Rupprecht zum König auszurufen, war das natürlich schon eine etwas schwierige Situation. Im Leuchtenberg-Palais waren die Führer der Monarchisten um Rupprecht versammelt und warteten auf den Boten des bayerischen Kabinetts. Es dauerte sehr lange bis er mit einer Botschaft von Held kam. Der Abgesandte brachte aber nichts anderes, als die Frage, ob der Kronprinz das geschäftsführende Kabinett Held als Generalstaatskommissar oder König im Amt behalten wollte. Rupprecht, der ein Kabinett anstrebte, das im Landtag über die Mehrheit verfügte, verneinte dies. Daraufhin vertagte Held die Frage, wobei der den Monarchisten drei Fragen vorlegte: Ist das notwendige Geld für eine monarchistische Umwälzung vorhanden? Zweitens, ist die Reichswehr in Bayern gewonnen? Drittens, hat man sich der Loyalität der Beamten versichert? Das waren eigentlich alles drei Fragen, die allein Held beantworten konnte und nicht die Monarchisten. Aber damit war auf einmal klar, daß Held nicht mehr hinter dem Projekt stand. Der Kronprinz wandte sich nun im Einvernehmen mit Fritz Schäffer an Hindenburg, denn das war die einzige Möglichkeit, daß der Reichspräsident für die bayerische Monarchie gewonnen war und sozusagen diesem Unternehmen Legalität gab. Rupprecht gab Eugen Fürst Oettingen-Wallerstein ein Schreiben an den Reichspräsidenten mit. Darin teilte er Hindenburg mit, daß er die Regierung in Bayern übernommen habe und gleichzeitig in seine Rechte als König von Bayern eingetreten sei. Mit Hilfe des bayerischen Gesandten in Berlin Sperr erhielt Oettingen am 22. Februar eine Audienz bei Hindenburg. Hindernburg verhielt sich den bayerischen Plänen gegenüber so ablehnend, daß Oettingen den Brief des Kronprinzen nicht übergab. Sperr berichtete Held von Unterredungen mit Außenminister Neurath, mit Finanzminister Schwerin und Justizminister Gürnter, die alle drei rieten, den Plan einer bayerischen Monarchie nicht aufzugeben, sondern eben abzuwarten.

Ministerpräsident Held schloß sich dem an und beschloß abzuwarten, bis das Kabinett Hitler einen Verfassungsbruch beging und dann als Reaktion darauf Rupprecht zum König auszurufen. Diese merkwürdige Konstruktion ist nur zu verstehen als er sagte, wenn die Nationalsozialisten einen Verfassungsbruch begehen, ist sozusagen die Basis auf der die Weimarer Reichsverfassung geschlossen wurde gebrochen. Nun aber liefen in Berlin die Gegenmaßnahmen an. Hitler bestellte am 1. März Held nach Berlin und machte ihm wegen der monarchistischen Pläne heftige Vorwürfe. Würde Kronprinz Rupprecht zum König ausgerufen, würde Reichswehr und SA diesen Putsch beenden. Und damit war das Projekt gescheitert. Die Reichsregierung ernannte nach ihrem Wahlsieg vom 5. März am 9. März General Ritter von Epp zum Reichsstatthalter. Epp war ein bekannter bayerischer General. In einer Rede am 22. März erklärte Epp seine Ernennung habe einen monarchistischen Putsch verhindert. Das Kabinett Held trat dann am 9. März zurück und gab den Weg frei für ein von den Nationalsozialisten gebildetes Kabinett. Als in Bayern die Verhaftungswelle einsetzte und der Terror das Land beherrschte, wandte sich der Kronprinz Rupprecht noch einmal an Hindenburg. Er schrieb dem Reichspräsidenten und bat ihn, als Hüter einer großen Tradition den Ausschreitungen Einhalt zu gebieten. Er erhielt keine Antwort.

Für die Nationalsozialisten merkwürdigerweise blieben die bayerischen Monarchisten und Kronprinz Rupprecht Gegner des Regimes, die man zu beobachten hatte. In Bayern geben die Regierungspräsidenten jeden Monat einen Bericht über die Lage in ihrem Review. Dort gab es bis Ende 1945 eine Rubrik „Monarchistische Umtriebe“ merkwüridgerweise. Meistens ist natürlich diese Rubik durchgestrichen worden, aber die war bis 1945 da. Und es gab sogar eine monarchistische Widerstandsbewegung, der Harnier-Kreis, mit ihrem geistigen Führer Adolf Freiherr von Harnier, ihr Ziel war jedoch nicht die Restaurierung der Monarchie, sondern die Erhaltung der monarchistischen Idee. Freiherr von Harnier ist noch in der Haft gestorben, das aktivste Mitglied dieser Gruppe Franz Zott wurde zum Tode verurteilt und am 15. Januar 1945 hingerichtet.

Der Kronprinz und seine Familie war zu dieser Zeit in Italien. Auf Einladung des Königs von Italien reiste Rupprecht und wenige Tage später auch seine Familie im Januar 1940 nach Italien, wo er sich bis 1945 vor der Gestapo verstecken konnte. Die Rückkehr nach Deutschland wurde ihm damals verweigert, es wurden ihm die Pässe abgenommen und nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Kronprinzessin Antonie, seine Frau, mit ihren Töchtern und Erbprinz Albrecht mit seiner Familie verhaftet. Bis zu ihrer Befreiung durch die Amerikaner erlebten sie in mehreren KZ 's Entsetzliches. Die Wittelsbacher waren die einzige deutsche Dynastie, die von den Nationalsozialisten in dieser Weise verfolgt wurden. Und von daher ist es vielleicht verständlich, daß Kronprinz Rupprecht nach seiner Rückkehr aus Italien Anfang November 1945 weiterhin an eine Restauration der bayerischen Monarchie glaubte.

Der von den Amerikanern eingesetze bayerische Ministerpräsident Wilhelm Högner von der SPD hatte sich schon zehn Tage nach Rupprechts Heimkehr zu dessen Wohnsitz nach Leutstetten begeben. Aus der über eine Stunde dauernden Verhandlung gewann Rupprecht den Eindruck, daß Högner einer Restauration der Monarchie der Wittelsbacher nicht prinzipiell ablehnend gegenüber stand. Nach der Kapitulation des 10. Mai 1945 hat das Deutsche Reich aufgehört zu bestehen. Und jetzt war die Frage praktisch neu, wie sich eigentlich ein Land dazu verhalten könnte. Auf der Potsdamer Konferenz war die Frage in welcher Form Deutschland weiter bestehen sollte offen geblieben. Das politische Leben, soweit ein solches überhaupt bestand, wurde von den vier Besatzungsmächten bestimmt. In mehreren Denkschriften hatte Rupprecht der amerikanischen Militärregierung seine Ideen entwickelt. Nach seiner Meinung war nach den Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Regime die Wiederherstellung einer parlamentarischen Monarchie in Bayern der sicherste Weg, um künftige Abenteuer zu verhindern. Die Situation war nach der totalen Niederlage von 1945 anders als 1932/33. In Deutschland waren Länder entstanden, deren Umfang und deren Grenzen von den Besatzungsmächten und nicht historisch bestimmt wurden. Allein Bayern war, wenn man von der Pfalz und dem sogenannten links-rheinischen Bayern absieht in seinen historischen Grenzen erhalten geblieben.

Wenn überhaupt konnte nur in Bayern an die Zeit der Monarchie angeknüpft werden. Ein 1946 wiedererstandenes Königreich Bayern hätte sich natürlich mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, es wolle sich vom übrigen Deutschland trennen. Insofern war die Situation ähnlich, wie die vom Jahr 1870. Das heißt die deutschen Länder mußten eines Tages darüber verhandeln wie und in welcher Form sie wieder zu einem vereinigten Deuschland kommen wollten. Es mußte sich dann zeigen wie ein Königreich Bayern in dieses neue Deutschland paßte, das 1945/46 nicht einmal in Umrissen erkennbar war. Das war sozusagen die Ausgangsposition, als Kronprinz Rupprecht nach Bayern zurückkehrte.

Noch ehe er in Bayern eingetroffen war, hatte sein Hofmarschall Franz Freiherr von Rettwitz Verhandlungen zur Gründung einer monarchistischen Partei begonnen. In ihrem Programm waren die Eigenständigkeit Bayerns und die Durchführung einer Volksabstimmung zur Durchsetzung der Monarchie die wichtigsten Punkte. Projektiert war eine parlamentarisch-konstistuionelle Monarchie mit zwei Kammern, einem gewählten Landtag und einer berufsständischen Vertretung merkwüridgerweise ist in Bayern dann der Senat als eine berufsständigsche Vertretung dann tatsächlich auch verwirklicht worden. Am 16. Oktober legte Rettwitz den Antrag zur Zulassung der Königspartei der amerikanischen Militärregierung vor. Für die Amerikaner war das eine unangenehme Situation, aber am 23. Januar '46 haben sie dann die Königspartei für den Stadtkreis München zugelassen. Die Königspartei hatte in der amerikanischen Militärregierung keine Sympathien. Dort waren damals ziemlich abenteuerliche Gestalten in der amerikanischen Militärregierung bestimmend und die waren immer noch vom festen Glauben überzeugt, daß die eigentlichen Gegner der Nationalsozialisten die Kommunisten waren.

Eine Gründungsversammlung der Königspartei im Prinzregententheater unter der Leitung des Chirurgen Max Lipzsche verlief glanzvoll. Die Gründung einer monarchistischen Partei schien geglückt. Am 10. Mai 1946 wurde die Königspartei von der Militärregierung verboten. Wie stark der monarchistische Gedanke in diesem Frühjahr '46 noch in Bayern lebte, ist nicht abzuschätzen. Jedenfalls bedeutete dies das Ende aller Versuche in Bayern die Monarchie wieder einzuführen. Kronprinz Rupprecht hatte sich in diesen Monaten noch großen Hoffnungen hingegeben. In der von den Amerikanern herausgegebenen neuen Zeitung erschien am 2. Februar 1946 ein Interview mit ihm, in dem er seine Idee einer modernen parlamentarisch-konstitutionellen Monarchie erläuterte. Mit dem Verbot der Königspartei war ein Schlußpunkt gesetzt. Rupprecht blieb bis zu seinem Tod eine im öffentlichen Leben geachtete Persönlichkeit. Er war ein international anerkannter Kunstkenner. Ich habe einmal erleben dürfen, wie Rupprecht von amerikanischen Museumsleuten gebeten wurde festzustellen, ob das das Orginal oder das andere die Kopie war und da habe ich wirklich erlebt, wie Rupprecht schließlich nach einer Stunde sagte „das ist das Original“ und die Amerikaner das sofort akzeptierten und sagten „Sie sind derjenige, der das versteht.“

Er war viel auf Reisen, hat aber auch viele Termine in Bayern wahrgenommen und es bürgerte sich ein, daß jeder neu gewählte Ministerpräsident nach einer Wahl einen Antrittsbesuch beim Kronprinz in Leutstetten machte. Er war zum ersten Bürger seines Landes geworden. Bei der Nachricht von seinem Tod am 2. August 1955 unterbrach der Landtag seine Sitzung. Landtagspräsident Dr. Hans Erhard heilt eine Gedenkansprache und Ministerpräsident Dr. Wilhelm Högner verfügte, daß die in der Schatzkammer der Residenz aufbewahrte bayerische Königskrone auf Rupprechts Katafalk gelegt wurde. Mit Högner nahmen auch die bayerischen Sozialdemokraten Abschied von diesem ungekrönten König.

Ich komme zum Schluß.

Die Agitation um das Volksbegehren um den Volksentscheid gegen den Young-Plan und die Harzburger Front von 1931 waren Ereignisse, die Hitlers Talent als Redner zur vollen Entfaltung brachten. Das Wahlergebnis zur Reichstagswahl vom 14. September 1930 zeigt welche Wirkung dieser Mann entfalten konnte. An diesem 14. September war die NSDAP zur zweitstärksten Partei geworden. Die Nationalsozialisten mit ihren 107 Mandaten sahen auf Hugenberg mit seiner DNVP mit 41 Mandaten herab. Trotzdem glaubte Hugenberg er könnte den kleinen Hitler gängeln. Mit dieser Hybris sind Papen und Hugenberg die Hauptschuldigen dafür geworden, daß Hitler seine Diktatur errichten konnte. Ihr Verhalten hat konservatives Denken bis heute diskreditiert – und ich möchte fast annehmen, daß Sie mit dieser Diskreditation auch Probleme haben.

Die Hohenzollern hatten lange geglaubt Hitler werde sie an die Macht bringen. An eine Restauration der Hohenzollern hat 1945 niemand gedacht. Darin liegt die eigentliche Bedeutung der Vorgänge, die ich geschildert habe. Mit Kronprinz Rupprecht von Bayern und seiner Entschiedung gegen Hitler ist er in dieser schwierigen Zeit ein Faktor des wahren Konservativismus geworden, an den Sie vielleicht anknüpfen können. Wir wissen nicht ob die Wiedererichtung der bayerischen Monarchie wirklich einen heilsamen Schock in dieser nationalistisch aufgeheizten Stimmung im Februar/März 1933 ausgelöst und manchen zur Vernunft gebracht hätte. Diese Aktion war übrigens die einzige, die in diesen entscheidenden Monaten gegen die Diktatur Hitlers geplant war.

Ich bedanke mich.

Laufen, 26.09.2008

   
 
 
 
 
 
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