G.A.Marklein: Die Auflösung Preußens vor 60 Jahren, Ursache und Folgen

Der alliierte Kontrollratsbeschluss vom 25.02.1947

Die Auflösung Preußens vor 60 Jahren, Ursache und Folgen


Ein Prolog

 

Man spricht wieder von Preußen. Plötzlich ist der Staat, der 1947 durch den Beschluss der Sieger­mächte des 2. Weltkrieges aufgelöst wurde, wieder in aller Munde. Wir erleben eine wahre Preußen-Renais­sance. Nach dem elementaren Kehraus von 1945 legen sich heute die Deutschen wieder die Frage vor, woher sie eigentlich kommen.

Der Staat Preußen, der Meteor am Staatenhimmel, wäre in diesem Jahr 306 Jahre alt geworden, wenn es ihn noch gäbe. Doch es gibt ihn nicht mehr. Preußen ist spät am europäischen Staatenhimmel auf- und untergegangen wie ein Meteor.

Mit der Krönung Friedrichs I. zum König in Preußen begann für die verstreuten Besitzungen des Hau­ses Hohenzollern das langsame Zusammenwachsen zu einer Ein­heit. Wie kam es dazu? Die seit lan­gem er­wo­genen Pläne, dem brandenburgischen Kur­fürsten eine Königskrone zu schaffen, wurde durch den sich abzeichnenden spanischen Erbfolgekrieg beschleunigt. Der Kaiser (Leopold I.) brauchte Ver­bün­dete. Gegen die Zusicherung eines Kontingentes von 8.000 Mann unter Leopold von Dessau und Unter­stützung des Hauses Habsburg bei der Kaiserwahl erhielt Friedrich III. im Kontraktat vom 16. Novem­ber 1700 die kaiserliche Zustimmung zur Erhebung des Herzogtums Preußen, das offiziell ja nicht dem Reichs­verband angehörte, sondern ein souveränes Gebiet darstellte, zum selbständigen Königreich. So­lan­ge jedoch noch West­preußen zu Polen gehörte, konnte Friedrich sich, wenn Polen nicht schwer ge­reizt werden sollte, nicht König von, sondern nur „König in Preußen“, nunmehr der I., nennen. Mit Sicher­heit verstärkte schon dieser Titel, „König in Preußen“, das Gewicht des Brandenburgers, aber erst Friedrich der Große sollte ab 1772 den Titel „König von Preußen“ führen. Die Königswürde war zwei­fel­los ein der Weltlage und der Mächte­gruppierung abgerungener diplomatischer Erfolg und mehr als die Befriedigung per­sön­licher Eitelkeit, wie Friedrich der Große später meinte. Der Kaiser konnte schwer­lich ahnen, dass die noch wenig bedeutenden Hohenzollern einst die erbitterten Gegner und Nach­folger des Hauses Habsburg werden würden, sonst hätte er die Rangerhöhung schwerlich durchgeführt.

Anderthalb Jahrhunderte später werden preußische Truppen die Habsburger bei König­grätz entsche­i­dend besiegen, fünf Jahre später selbst den Deutschen Kaiser stellen und Österreich zum Ausland machen. So kann’s gehen.

Sebastian Haffner, deutsch-jüdischer Journalist, für seine präzisen und scharfsinnigen Kommentare zur Zeit­geschichte berühmt, der noch als Preuße geboren wurde und 1938 nach England auswanderte, schrieb: „Das kurze Leben dieses Staates sei die Phantas­tischste Geschichte, die es gibt. Was es seinen Nachbarn lange Zeit unheimlich und manch­mal gefährlich machte, war viel weniger sein Militarismus als die Qualität seiner Staatlichkeit; seine unbestechliche Verwaltung und unabhängige Justiz, seine religiöse Toleranz und aufgeklärte Bildung.“

Es war eine rasante Karriere, diese Geschichte Preußens, und währte streng genommen nur von der Thronbesteigung Friedrich des Großen 1740 bis zur Kaiserkrönung Wilhelms I. 1871. Vorher war Preußen fast bedeutungslos, danach Teil des Deutschen Reiches.

In diesen 130 Jahren aber arbeitete der Sandstaat an seiner Unsterblichkeit, als gelte es, Friedrich Schillers Worte zu bestätigen: „Was unsterblich im Gesang soll leben, muss im Leben untergehen.“

Dabei war Preußen Staat, nichts anderes als Staat, wenn man so will, nichts als Idee. Es gab kein preußisches Volk, keine preußische Nation. Heinrich von Treitschke hat das böse Wort gesprochen, wonach „das Wesen des Staates zum Ersten Macht, zum Zweiten Macht und zum Dritten nochmals Macht ist.“ Solcher Art Staatsverständnis hat Deutschland in die Katastrophe geführt.


Preußen - Der Mythos – das langsame Sterben


Der preußische Staat war über lange Strecken seiner Geschichte mehr als ein Herr­schafts­instrument der Obrigkeit. Er war Raum einer gemeinschaftlichen Anstrengung, eines allgemeinen Leistungswillens, in dem der aufgeklärte Monarch Friedrich II. sagen konnte, er sei der erste Diener seines Staates.

Mirabeau hatte spöttisch gesagt, gemeinhin verfügten Staaten über eine Armee, Preußen jedoch sei eine Armee, die einen Staat besitze. Ich denke, Mirabeau irrte auf geistvolle Weise, doch er irrte. Nicht der Kriegsruhm, sondern seine Toleranz hat Preußen erhellt. Es war nicht der Sieg bei Fehrbellin über die Schweden, der den brandenburgischen Kurfürst Friedrich Wilhelm vor der Geschichte groß gemacht hat, sondern das Edikt von Potsdam vom 8. November 1665. Damals wagte es ein kleines, von den Schre­cken des 30jährigen Krieges zerrüttetes Land, der französischen Großmacht die Stirn zu bieten und den verfolgten Hugenotten eine Heimstatt zu geben. Aus allen Teilen Frankreichs kamen die Pro­testanten nach Brandenburg. Anfang des 18. Jahrhunderts war jeder dritte Berliner ein Franzose. Auch später öffnete Preußen seine Tore den Menschen, die um ihres Glaubens willen verfolgt wurden. Tsche­chen kamen aus dem böhmisch-mährischen Raum, salzburgische Flüchtlinge wurden in Ostpreußen an­ge­siedelt. Und Preußen war die Hoffnung vieler aus der Enge der russischen Bedrückung abwandernden Juden.

Es passte nicht recht in das Bild des Schlachten führenden Friedrich, doch es geschah wirklich, dass er sich 1740 für die Katholische Kirche in Schlesien einsetzte: „Die Reli­gi­onen müssen alle toleriert werden, und muss der Fiskal nur das Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, denn hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden.“

Wenig später beschied Friedrich der Große dem Generaldirektorium: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, so die professionieren, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peuplieren, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen. Ein jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehr­lich ist.“ Auschwitz wäre im alten Preußen undenkbar gewesen. Nirgendwo wurde Preußen als Ort der Toleranz bewegender sichtbar als bei der Behandlung der Juden. Sicher, bis zu ihrer formellen Gleichstellung durch das Edikt vom 11. März 1812 war auch für die Juden Preußen kein ungetrübtes Paradies. Sie waren geduldet, nicht gleich­auf. Moses Mendelssohn konnte Friedrich II. zwar ungeniert und mit aller Vehemenz wegen dessen mangelnder Deutschkenntnisse die Leviten lesen, doch in der Berliner Aka­demie wurde er nicht aufgenommen. Gleichwohl begann mit Moses Mendelssohn jene eigentümliche preußisch-jüdische Annäherung, die ihre eigene Innerlichkeit und ihre ganz originäre geistige Transparenz hatte. Es ist eine spezifisch preußisch-jüdische Symbiose, in die sich Walther Rathenau und Max Liebermann eingebettet fühlten und deren späterer Advokat der Historiker Hans Joachim Schoeps war.

(((Preußen war ein frommes Land. Ich glaube, die Wurzeln seiner Toleranz ruhten in einer naiven, ungebrochenen, schriftbezogenen Frömmigkeit. Gewiss, der Staat bediente sich zuweilen nicht ungern dieser Frömmigkeit. Gottesfurcht schuf Affinitäten zur Ehrfurcht gegenüber der Obrigkeit. Die kühle Staatsidee versah sich mit kirchlicher Wärme. Kirche geriet in Abhängigkeit, entwickelte sich zur Staatskirche hin. Der Hallesche Pietismus des August Hermann Franke war aber weitaus mehr als der Produzent von Feldpredigern für den preußischen König. Er war ein geistlicher Unternehmer, der im Sinne prak­tizierter Nächstenliebe gegen die Gebrechen anging, die der 30jährige Krieg hinterlassen hatte. Soll man den Pietismus schelten, weil er in seinem sozialen Sendungsenthusiasmus das Vertrauen des Menschen in die Allmacht von Schule und Erziehung überfrachtete?

Kann man überhaupt, so frage ich, eine Weise des Lebens tadeln, die ihre Redlichkeit, ihre Würde, ihre Haltung im Unglück, aus der Hinwendung zu Gott bezog?)))

Preußen war Herrschaft im Geiste der Aufklärung, religiöse Toleranz, großzügige Asyl­politik, Unbestechlichkeit der Verwaltung, keine über 200 Jahre bekannte Korruption, fortschrittliche Sozialgesetzgebung (unsere derzeitige Gesundheits-, Alters- und Unfall­ver­sicherung wurde erstmals auf der Welt unter Bismarck eingeführt) und unabhängige Rechtsstaatlichkeit.

„Unser heutiger Staat lebt weithin aus diesem preußischen Erbe“, so Schoeps, „auch wenn er es gar nicht weiß.“

Preußen war das Modell eines übernationalen Rechtsstaates. Das will, wie allgemein be­kannt, z.Zt. die Europäische Union. Dieser Staat repräsentierte eine Idee, die Menschen verschiedenster Herkunft so zu prägen vermochte, dass sie Preußen wurden. Preußen war ein Einwanderungsland und es hatte auch eine Leitkultur, wobei es hier auf die Vorsilbe „Leit“ ankommt. In Einwanderungsgesellschaften müssen Leitlinien, gewissermaßen Leit­planken, existieren. In Preußen hießen sie Staatsraison, geistige Toleranz und Rechts­sicherheit. Im 18. Jahrhundert entstand der Vers: „Niemand wird Preuße, denn aus Not, und ist er’s geworden, dankt er Gott.“

Allerdings die heutige Gepflogenheit, Einwanderung und Asyl unter dem Aspekt staats­finanzierter Fernstenliebe zu betrachten, hätte man damals für gemeingefährlich, zu­min­dest aber für verrückt gehalten. So das Edikt von 1720 des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. über „Die Vertreibung der in königlichen Landen eindringenden Armen. Bettler, Zigeuner und anderes unnützes Gesindel sind wieder auszuweisen.“

Preußens Offenheit für Zuwanderer war ideologiefrei, sie entsprang keiner Hypermoral, sondern dem Staatsinteresse an Arbeitskräften und der Zunahme der Bevölkerung.

Der Weg zu einer gerechten Wertung Preußens ist gepflastert mit Vorurteilen. Noch heute macht man im Gespräch mit jungen Menschen die Erfahrung, dass ihnen Preußen wie etwas Verschrobenes, Anti­quiertes erschien. Dabei hat Preußen oft genug an der Spitze des Fortschritts gestanden. Wenn Refor­men das Salz eines modernen Staates sind, dann kann die Geschichte Preußens ein glänzendes Zeugnis ausstellen.

Man denke nur an die Reformexplosion nach 1807, an die geistige, kulturelle, politische, wirtschaftliche und militärische Erhebung in einer Zeit des Niedergangs, in der die Hand Napoleons lastend auf dem Lande lag. Die reformerische Leuchtkraft von Namen wie Stein, Hardenberg, Humboldt, Scharnhorst, Gneisenau hat die Zeiten finsterer Restau­ration überstanden. Oder ich erinnere an die damalige Bauern­befreiung und Juden­emanzipation, an die Reform der Hochschule und des Heeres, an die neue „Ord­nung für sämtliche Städte der Preußischen Monarchie“.

In seiner nassauischen Denkschrift fordert der Freiherr vom Stein 1807: „Das zudring­liche Eingreifen der Staatsbehörden in Privat- und Gemeindeangelegenheiten muss auf­hören, und dessen Stelle nimmt die Tätigkeit des Bürgers ein, der nicht in Formen und Papier lebt, sondern kräftig handelt.“ Wie modern das klingt! Hier waltet der Geist, der heute jeder kommunalen Selbstverwaltung zur Ehre gereichte.

Fakt ist, dass der Staat Preußen das Deutsche Reich schuf, indem er immer mehr deut­sches Gebiet um­fasste und somit quasi die Schneiderpuppe lieferte, für die nur noch der Mantel eines Staatsmythos geschneidert werden musste. Die Reichseinigung 1871 war nicht „Preußens deutsche Sendung“, wie es deutschnationale Historiker später erklärten. Dieser märkische Sandstaat hatte von Anfang an nicht die Absicht auf einen ziel­gerichteten Marsch zur Reichseinigung. Es war das Werk eines einzigen Mannes: Otto von Bismarck. Am 9. Juli 1879 sagte er im Reichstag: „Ich habe von Anfang meiner Karriere an nur den einen Leitstern gehabt: Durch welche Mittel und auf welchem Wege kann ich Deutsch­land zu einer Einigung bringen und, soweit dies erreicht ist, wie kann ich diese Einigung befestigen, befördern und so gestalten, dass sie aus freiem Willen aller Mitwirkenden dauernd erhalten wird.“ Und später einmal am Vorabend seines 79. Geburtstages sagte er zu Bürgern aus Hamburg und Altona: „Die Masse zur deutschen Einigkeit war flüssig und gussbereit. Ich habe getan, was ich konnte, ohne Menschen­furcht und ohne Selbstsucht, dass der Guss rasch, sicher und glücklich vollzogen wurde.“

Für den alten Wilhelm I. bedeuteten Kaiser und Reich, wie er wörtlich sagte, den „Abschied von Preußen“. Er sagte voraus, dass der Kaisertitel, den er fortan tragen sollte, den preußischen Königstitel verdunkeln würde. Allenfalls wollte er „Kaiser von Deutsch­land“ werden, so wie er bisher König von Preußen gewesen war, - also Deutsch­land in Preußen statt Preußen in Deutschland aufgehen lassen. Wenn das nicht möglich war: „Was soll mir der Charaktermajor?“ („Charaktermajore“ nannte man Hauptleute, die bei der Entlassung einen Majorstitel als Trostpreis bekamen.) Im letzten Augenblick wollte er sogar die Kaiserproklamation vereiteln, sprach von Abdankung („Fritz soll die Sache machen. Der ist mit ganzer Seele bei dem neuen Stand der Dinge. Aber ich mache mir nicht ein Haarbreit daraus und halte zu Preußen.“) Als Bismarck ihn, wie immer, schließlich – einen Tag vor der Kaiserpro­kla­mation – zum Nachgeben brachte, sagte der König, in Tränen ausbrechend: „Morgen ist der unglück­lichste Tag meines Lebens. Da tragen wir das preußische Königtum zu Grabe.“

Bismarck hat das – in einem Brief an seine Frau – als sonderbare königliche Laune abge­tan, und ähnlich haben es später auch die meisten Geschichtsschreiber angesehen: Bes­ten­falls als die sentimentale Schwä­che eines alten Mannes für das Alte und Über­holte. So sahen es damals die meisten, auch die meis­ten Preußen. Aber der alte König hatte tiefer geblickt als die meisten. Mit der Kaiserproklamation in Versailles am 18. Januar 1871, auf den Tag genau 170 Jahre nach der Krönung des ersten preu­ßi­schen Königs in Königs­berg, begann Preußens langes Sterben.

Preußen hat im Deutschen Reich noch 75 Jahre lang, wenn auch zum Schluss nur noch schattenhaft, existiert und ist erst 1945 zusammen mit dem Reich untergegangen. Aber die Reichsgeschichte und die preußische Geschichte dieses ¾ Jahrhunderts sind nicht identisch, sie laufen nicht einmal parallel; sie sind eher gegenläufig. Das Reich blühte auf und wurde immer mächtiger; Preußen fiel ab, es wurde im Reich immer ohn­mäch­tiger. Die Geschichte des Deutschen Reiches zwischen 1871 und 1945 ist eine auf­re­gende, wild zerklüftete, großartige und schreckliche Geschichte; die preußische Ge­schichte der­sel­ben Zeit war nur noch Abgesang, Nachklang der eigentlichen Preußischen Geschichte, unaufhaltsames Absinken ins Provinzielle. Deutschland hielt, ehe es 1945 buchstäblich zerplatzte, sechs furchtbare Jahre lang die ganze Welt in Atem; für Preußen interessierte sich in diesen sechs Jahren schon längst keine Seele mehr, selbst für seine eigenen Bewohner war es nicht mehr lebendige Wirklichkeit. Es war in Deutschland aufgegangen, wie König Friedrich Wilhelm IV. schon 1848 in einem hellsichtigen Augen­blick vorhergesagt hatte.

Aber wie denn? War denn das Deutsche Reich nicht eine preußische Gründung gewesen? War Preußen nicht 1871 die deutsche Hegemonialmacht geworden? Hielt es nicht im Bismarckreich alle verfassungs­mä­ßigen Trümpfe in der Hand, so vollständig, dass man von dem damaligen Deutschland oft als von einem „Großpreußen“ sprechen konnte? Wie konnte es geschehen, dass alle diese Trümpfe schließlich nicht stachen, dass Preu­ßen, statt Deutschland zu beherrschen, sich widerstandslos immer mehr in Deutschland verlor, sich schließlich in Deutschland auflöste? Und wann ist das eigentlich geschehen?1890, mit dem Abgang Bismarcks? 1918, mit dem Ende der Monarchi? 1932, mit der Absetzung der preußischen Regierung durch die Reichsregierung (v. Papen), mit der Einsetzung der Reichsstatthalter und der Umtaufe der Länder in Reichsgaue?

Alle diese Ereignisse und Jahreszahlen bezeichnen zweifellos Stationen dessen, was man treffend die Nach­geschichte Preußens genannt hat, aber man kann nicht sagen, dass sie entscheidende Wendepunkte darstellen, an denen alles noch hätte anders kommen können. Jedes Mal wurde nur etwas schon Einge­tre­­tenes registriert; die Widerstands­lo­sigkeit, mit der das geschah, das Gefühl der Unvermeidlichkeit, das das Geschehen be­glei­tete, waren jedes Mal Beweis, dass dem preußischen Staat bereits vorher ein wei­teres Stück Lebenskraft entwichen war. Jede neue Entmachtung war nur noch ein neuer Schub in einem Prozess des langsamen, unaufhörlichen Absterbens. Und wenn wir nun fragen, wann dieser un­heimliche, unbemerkte Prozess eingesetzt und was ihn verursacht hatte, dann gibt es nur eine Antwort. Das entscheidende Ereignis, das Preußen den Lebensnerv knickte, kann nur die Reichsgründung ge­we­sen sein – dieser höchste Triumph Preußens, der Preußen scheinbar zum Herren Deutschlands machte. Auf die Dauer erwies sich, dass Preußen der Verschmelzung mit Deutschland, allem machtpolitischen An­schein und allen Bismarckschen Verfassungskunststücken und Vorsichtsmaß­nahmen zum Trotz, existenziell nicht gewachsen war.

 

 

Gewiss, die Wirklichkeit, die Bismarck 1871 in Deutschland geschaffen hatte, begüns­tigte eindeutig Preußen. Der König von Preußen war Deutscher Kaiser, Preußen be­herrschte den Bundesrat, stellte den Reichskanzler, wählte die meisten Reichstags­mitglieder und stellte nicht nur den Kern der bewaffneten Macht des Reichs, sondern reformierte auch die Armeen der anderen deutschen Länder nach preu­ßi­schem Modell. Jeder Deutsche, der seine Wehrpflicht ableistete, „ging zu den Preußen“ – eine jener volks­tümlichen Redensarten, in denen sich ein instinktives Erfassen komplizierter poli­ti­scher Zusam­men­hänge kundtut (heute geht der Wehrpflichtige „zum Bund“). In der Ver­fassungswirklichkeit war das Bismarckreich ein Mittelding von Bundesstaat und Staa­ten­bund, in dem Preußen politisch und militä­risch eindeutig dominierte.

Aber in der Vorstellung der Deutschen war das Deutsche Reich ihr langersehnter Natio­nalstaat; und darüber hinaus erweckten die tönenden Worte „Kaiser und Reich“ alte, tief verschüttete Vorstellungen von universaler Macht und Größe.

Im deutschen Allgemeinbewusstsein hatte Preußen mit der Gründung des Deutschen Reiches seine his­to­­rische Aufgabe, seine „deutsche Mission“ erfüllt. Dafür musste man ihm dankbar sein, aber damit war es auch überflüssig geworden. Es hatte keinen Da­seins­zweck mehr, es war als eigenständiger Staat über­holt, zu einem bloßen Erinne­rungs­verein, einem ruhmreichen Teilstück deutscher Geschichte ge­wor­den, das man fortan be­trachtete wie ein Museumsstück oder einen Ehrenpokal, der in die Vitrine gestellt ist.

Und diese Revolutionierung des Bewusstseins hatte nicht etwa nur im außerpreußischen Deutschland stattgefunden, sondern gerade auch in Preußen selbst. Schließlich waren ja auch die Preußen, wenigs­tens in ihrer übergroßen Mehrzahl, Deutsche; und ihr deutsches Nationalgefühl erwies sich jetzt, da es mit der Reichsgründung einen Bezugspunkt be­kommen hatte, an Kraft und Tiefe ihrer alten preußischen Staatsloyalität weit überlegen. Besonders natürlich in den neupreußischen, „musspreußischen“, Gebie­ten West- und Nordwestdeutschlands, die erst seit 1815 oder gar erst seit 1866 zu Preußen gekommen waren und die größten Zeiten der preußischen Geschichte gar nicht als Preußen miterlebt hatten, aber durch­aus auch in den altpreußischen Gebieten. Berlin zum Beispiel war jetzt stolz auf seinen neuen Titel „Reichshauptstadt“. Dass es nebenbei noch die Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Preußen war, nahm es kaum mehr zur Kenntnis. Ja, man muss feststellen, dass München, Stuttgart und Dresden – und mit ihnen die Länder, die sie repräsentierten – im neuen Deutschen Reich viel mehr landsmann­schaftliches und stammesmäßiges Sonderbewusstsein bewahrten als Berlin und Preußen.

Und das ist, wenn man einen Augenblick darüber nachdenkt, erklärlich genug: Nicht nur waren Preußen, gerade weil sie das Reich gegründet hatten und sich nun als die eigent­lichen Reichsträger fühlten, viel schneller und leichter bereit, sich mit dem Reich – „ihrem“ Reich – vollständig zu iden­ti­fi­zieren und ihre Sonderstaatlichkeit sozusagen zu vergessen. Sie waren ja auch kein Stamm wie die Bayern, Schwaben und Sachsen; ein Stammesbewusstsein, schwächer ausgeprägt als in Süddeutschland, gab es allenfalls in den preußischen Provinzen, bei den Ostpreußen, Schlesiern, Pommern und Märkern. Preußen war immer reiner Staat gewesen, ein künstliches Macht- und Vernunftgebilde, dem man durch Zufall angehörte oder auch durch einen Akt des Willens, aber nicht, weil einen die Natur zum Preußen geschaffen hatte. Wenn dieser spröde Kunst- und Ver­nunftstaat sich jetzt selbst relativierte, indem er sich mit einem zweiten, größeren Staat, eben dem Deutschen Reich, sozusagen überbaute, dann konnte er sich nicht wundern, dass das preußische Staatsgefühl seiner Bewohner hinter ihrem neuerweckten deutschen Nationalgefühl rasch zurücktrat, zumal sich die beiden Loyalitätsansprüche zueinander verhielten wie Wasser und Wein. Preuße zu sein, das war immer eine nüchterne Sache gewesen, eine Angelegenheit des Gehorsams, der Korrektheit und der Pflichterfüllung. Aber Deutscher sein zu dürfen, und nun gar Untertan eines Deutschen Kaisers und Bürger eines Deutschen Reiches, das war etwas Begeisterndes und Berauschendes. „Deutschland, Deutschland über alles“ – das Lied war da gewesen, noch ehe es Deutschland als politische Wirklichkeit gab. „Preußen über alles“ zu singen, war nie jemandem eingefallen.

Dieser Bewusstseinswandel, der nie eine „Nachricht“ war, nie ein „Ereignis“, und trotz­dem ein Epoche machender Vorgang, vollzog sich nicht etwa nur im Volk, sondern erfasste ebenso stark die staatstragenden Schichten, die Politiker, Beamten und Minister, ja sogar das Herrscherhaus. Wilhelm I. hatte ihn schon mit Schmerz bei der Versailler Kaiserproklamation vorausgesehen, und er wäre lieber ein schlichter König von Preußen geblieben. Nun wurde er trotzdem der „alte Kaiser“, und er unterzog sich seiner neuen, größeren und ungewollten Rolle mit preußischem Pflichtgefühl. Sein Sohn, der ewige Kronprinz, ging schon ganz im deutschen Kaisertum auf; als er 1888 todkrank, für kurze drei Monate doch noch auf den Thron gelangte, wollte er nur „Kaiser Friedrich“ genannt werden, nicht etwa „Friedrich III., was auf seinen preußischen Nebentitel hingewiesen hätte. Und Wilhelm II. schließlich war nur noch „der Kaiser“. Dass er auch König von Preußen war und dass Preußen im Reich und neben dem Reich noch immer ein Staat – der beherrschende Staat – sein sollte, war ihm bereits zu einer ganz nebelhaften Vor­stellung geworden. Im Sommer 1892 machte er darüber eine bezeichnende Äußerung zu seinem Günstling Eulenburg, der sie aufgezeichnet hat. Der Kaiser: „Eine Bemerkung, die Fürst Bismarck mir einmal machte, vermag ich immer noch nicht recht zu begreifen. Seine Absicht ist mir nicht klar, und hinter seinen Gedanken schlummern immer Ab­sichten. Er sagte: ‚Mit dem Deutschen Reich ist es soso, lala. Suchen Sie nur Preußen stark zu machen. Es ist egal, was aus den anderen wird.’ Ich habe eine Art Falle für mich darin gesehen.“

Es war keine Falle. Bismarck hatte, wie so oft, mit verblüffender und verwirrender Offen­heit ausge­sprochen, was er wirklich dachte und fühlte. Der Reichsgründer – er beinahe allein – war mit Leib und Seele Preuße geblieben. Für ihn war das Deutsche Reich kein Selbstzweck, sondern ein kunstvolles Arran­gement zur Erweiterung der preußi­schen Machtstellung über die preußischen Staatsgrenzen hinaus; und so gesehen, stand es mit diesem Arrangement wirklich bald „soso, lala“.

Die deutsche Geschichte wird unter Wilhelm II. bekanntlich sehr aufregend, eine hoch dramatische Ge­schichte von Glanz und Elend, Höhenflug und Absturz, aber es ist nicht die deutsche Geschichte, die wir hier betrachten wollen, sondern die preußische, und da finden wir uns, wenn das wilhelminische Zeit­alter erreicht ist, in Verlegenheit: Denn plötz­lich gibt es keine rechte preußische Geschichte mehr; was einmal preußische Geschichte gewesen war und selbst im Reich Bismarcks noch einen gewissen Kon­tra­punkt zur deutschen Geschichte dargestellt hatte, wird in der Zeit zwischen 1890 und 1914 zur be­lang­losen Provinzialgeschichte. Nicht, dass Preußen, besonders das west­deutsche Neupreußen, in dem die großen, jetzt mächtig aufblühenden deutschen Indus­trie­gebiete lagen, von der gewaltigen Macht­ent­faltung des wilhelminischen Deutschland ausgeschlossen gewesen wäre: Von der industriellen Expan­sion, vom Flottenbau, von der „Weltpolitik“. Nur hatte das alles mit Preußen, dem preußischen Staat, den preußischen Traditionen überhaupt nichts mehr zu tun. Und wenn es in diesem Zeitalter über Preußen noch Nennenswertes zu berichten gibt, dann ist es ein merkwürdiger Prozess einer heimlichen Rückbildung und inneren Aufspaltung. Die bewährte Integrationskraft des preußischen Staates ließ jetzt deutlich nach. Das westdeutsche Neupreußen machte den wilhelminischen Aufschwung begeistert mit, es fühlte sich dadurch befreit und beflügelt. Aber in „Altpreußen“, dem Preußen von 1772, dem Junker- und Bauernland östlich der Elbe, das sich plötzlich im Industriestaat Deutschland zum Status eines armen Ver­wandten zurückgestuft sah, besann man sich auf ein verjährtes Erstgeburtsrecht, begann einen Kult des eigenen Wesens zu treiben, gefiel sich in einer gekränkten, murrenden und knurrenden Verbalfronde gegen das neudeutsche Wesen, den Pomp, den Reichtum, die Großmannssucht. Auch den Kaiser, der so offenbar vergessen hatte, dass er eigent­lich ein König von Preußen sein sollte, verschonte diese Junkerkritik nicht. Ich kann sie verstehen. Es gab ja wirklich viel unschöne, parvenühafte Prahlerei und Protzerei im wilhelminischen Deutschland, von der die altpreußische Schlichtheit und Gediegenheit vorteilhaft abstach. Die preußischen Junkeroffiziere und Bauernsoldaten hatten wirklich einmal einen bemerkenswerten Staat auf die Beine gestellt, und ohne diesen Staat hätte es das Deutsche Reich, das ihn jetzt so hochmütig hinter sich ließ, nicht gegeben. Wie war es denn? Hatte nicht eigentlich der preußische Ministerpräsident nebenbei Reichs­kanzler sein sollen? Jetzt war plötzlich der Reichskanzler nebenbei preußischer Ministerpräsident, auch wenn er Bayer war wie der Fürst Hohenlohe oder ein Mecklen­burger wie Bülow oder der Spross einer Frankfurter Bankiersfamilie wie Bethmann-Hollweg, oder wieder ein Bayer wie Herfling oder gar ein Mitglied des regierenden badi­schen Hauses wie Prinz Max. Es stimmte schon, das alte Preußen, „Ostelbien“ – der Ausdruck kam jetzt auf –, war in dem Deutschen Reich, das ihm doch sein Dasein verdankte, in kurzen Jahrzehnten ein Hinterland geworden, Provinz, „flaches Land“ – und obendrein noch ein Kostgänger des Reiches; seine Getreideproduktion war nur noch durch hohe Schutzzölle rentabel zu halten, die dem westdeutschen Industriearbeiter das Brot verteuerten, und die ostelbischen Güter waren trotzdem hoch verschuldet. Armes altes Preußen.

Theodor Fontane war und ist Preußens klassischer Dichter. Eigentlich kein Deutscher, viel­mehr über­wiegend französischen Geblüts, ein Abkömmling der französischen Kolo­nie, die seit dem Großen Kur­fürsten in Preußen zu Hause war, und doch war er Preuße durch und durch. In seiner Jugend der Barde Preußens, im Mannesalter der Chronist seiner Kriege und Siege und seiner Geschichte – es gibt keinen schöneren, lesens- und liebenswerteren historischen Roman in deutscher Sprache als „Vor dem Sturm“, dessen wirklicher Held das Land Preußen ist -, wurde Fontane im Alter ein hellsichtiger, trauriger und unbestechlicher Kritiker preußischer Dekadenz. „... die Begeisterung ist tot. Eine rückläufige Bewegung ist da, längst Abgestorbenes soll neu erblühen. Es tut es nicht... Die alten Familien sind immer noch populär, auch heute noch. Aber sie vertun und verschütten diese Sympathien, die doch jeder braucht, jeder Mensch und jeder Stand. Unsere alten Familien kranken durchgängig an der Vorstellung, „dass es ohne sie nicht gehe“, was aber weit gefehlt ist, denn es geht sicher auch ohne sie; sie sind nicht mehr die Säule, die das Ganze trägt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl noch lastet und drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann.“ Das steht in Fontanes letztem und größtem Roman, dem „Stechlin“, einem Abschiedswerk in jedem Sinne. Es ist auch Fontanes Abschied von Preußen.

Das wilhelminische Zeitalter, für Deutschland eine Zeit des Frühlings und des Auf­bruchs, war für Preußen Herbst- und Abschiedszeit, es ging abwärts mit Preußen, und als 1918 die deutschen Throne zusammenstürzten – lautlos und widerstandslos -, schien es einen Augenblick schon mit Preußen ganz und gar zu Ende zu sein.

Den 1. Weltkrieg möchte ich überspringen, denn er war kein preußischer Krieg. Öster­reich, Russland, Deutschland, Frankreich, England und Amerika, die in dieser Reihen­folge in den Krieg eintraten, hatten alle ihre Kriegsgründe und Kriegsziele. Preußen hatte keine. Aber Preußen zahlte die Zeche der deut­schen Niederlage. Außer Elsass-Lothrin­gen gingen alle deutschen Gebietsabtretungen auf Kosten Preußens: Posen und Ober­schlesien, Danzig und der „polnische Korridor“, selbst Nordschleswig. Und die deutsche Revolution, die der Niederlage folgte, stellte Preußen vor die Existenzfrage.

Nicht etwa nur deswegen, weil es eine überwiegend westdeutsche Revolution war, die Berlin erst ganz am Schluss erfasste und im eigentlichen „Ostelbien“ überhaupt nicht stattfand, sondern vor allem des­wegen, weil Preußen mit der Hohenzollerndynastie die wichtigste Klammer verlor, die es bis dahin als Staat zusammengehalten hatte. Bismarck, auch darin Preuße, hat in seinen „Gedanken und Erinne­rungen“ die These aufgestellt, dass nicht die Stämme, sondern die Dynastien die Grundlage der deut­schen Sonderstaat­lichkeiten und des unvermeidlichen deutschen Föderalismus seien. Das ist, was Bayern, Württemberg, Sachsen usw. betrifft, eine höchst zweifelhafte These; aber für Preußen stimmt sie. 1918/19 zeigte sich, dass in allen anderen deutschen Ländern auch ohne „angestammte“ Dynastie ein kräftiges Eigenbewusstsein lebendig blieb. Nur Preußen wurde ohne König plötzlich sich selbst zum Problem, ja zur Verlegenheit. Es wusste gewissermaßen nichts mehr mit sich anzufangen; es war jetzt ganz bereit, sein Aufgehen in Deutschland, das sich im Bewusstsein seiner meisten Bewohner bereits in der Zeit des Kaiserreichs stillschweigend vollzogen hatte, auch formell zu ratifizieren.

Die verfassungsgebende preußische Landesversammlung, die zugleich mit der Weimarer Nationalver­sammlung im Januar 1919 gewählt worden war, zögerte lange, an ihre Auf­gabe heranzugehen. Wozu noch eine preußische Verfassung neben der deutschen? Wozu überhaupt noch ein Preußen, da man ja Deutschland hatte? Noch im Dezember 1919 – ein Jahr nach der Revolution, vier Monate nach dem Inkrafttreten der Weimarer Reichs­ver­fassung – fasste die preußische Landesversammlung mit 210 gegen 32 Stimmen einen Beschluss, dessen entscheidende Sätze lauten: „Als das größte der deutschen Länder erblickt Preußen seine Pflicht darin, zunächst den Versuch zu machen, ob sich nicht bereits jetzt die Schaffung eines deutschen Einheitsstaates erreichen lässt. Aus diesen Erwägungen heraus ersucht die Landesversammlung die Staatsregierung, sofort, noch vor der Einbringung der endgültigen Ver­fas­sung, die Reichsregierung zu veranlassen, mit den Regierungen aller deutschen Länder über die Errich­tung des deutschen Ein­heits­staates in Verhandlungen einzutreten.“

Preußen war also zur Selbstauflösung bereit, aber kein anderes deutsches Land war es, und so wurde nichts aus dem deutschen Einheitsstaat, und Preußen musste sich wohl oder übel mit seiner im Grunde bereits ungewollten staatlichen Weiterexistenz abfinden.

Wie es sich für den Schlussakt einer gut gebauten Tragödie gehört, brachte er noch einmal einen „Mo­ment der letzten Spannung“, eine trügerische Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch alles zum Guten wenden könnte. Das republikanische Preußen wurde überraschend das Musterland des repu­bli­ka­nischen Deutschland. Anders als das Weimarer Reich, das in 14 Jahren 13 Reichskanzler verbrauchte und unter seinen ständig wechselnden Koalitionsregierungen nie zur Ruhe kam, wurde das Preußen der Weimar­periode, mit einer kurzen Unterbrechung, die ganze Zeit von 1920 bis 1932 von dem­selben Ministerprä­sidenten regiert, und er regierte gut. Der Ostpreuße Otto Braun, „der letzte König von Preußen“, war ohne jeden Zweifel das stärkste politische Talent und die stärkste politische Persönlichkeit der deut­schen Sozialdemokratie in der Zeit der Wei­ma­rer Republik. Er hielt seine Partei und seine Koalition – immer dieselbe – in strenger Ord­nung, er gewann alle seine Wahlkämpfe, er machte Preußen krisenfest, und er führte einige Reformen durch, die zu ihrer Zeit epochemachend waren, wie die berühmte preu­ßi­­sche Schulreform von 1921, und, einige Jahre später, eine ebenso liberale Reform des preußischen Strafvollzugs. Weit eher als die Weimarer Republik wirkte das republi­ka­nische Preußen der Zwanzi­ger­jahre wie ein Vorklang und Vorbild der heutigen Bundes­republik: Ein erster Beweis, dass auch Deut­sche mit republikanischen Institutionen und demokratischen Freiheitsrechten vernünftig umgehen können. Ein Kuriosum ist, dass das Preußen Otto Brauns noch im letzten Augenblick eine völlig originelle politische Erfin­dung machte, die seither zu einem verfassungsmäßigen Eckpfeiler bundesre­pu­blika­nischer Stabilität geworden ist: Das konstruktive Misstrauensvotum, also die Bestim­mung, dass ein Parlament einen Regierungschef nur stürzen kann, indem er einen ande­ren wählt.

Der Gedanke war freilich aus der Not geboren, wie die meisten guten Gedanken. 1932 waren in Preußen Wahlen fällig, und es war vorauszusehen, dass sie den Natio­nal­sozi­a­listen und Kommunisten zusammen die Mehrheit bescheren würden – eine Mehrheit, die die Regierung zwar stürzen, aber keine gemeinsame Alternativregierung bilden konnte. Aus eben dieser Voraussicht führte die Regierung Braun als letzten Akt der 1932 aus­lau­fenden Legislaturperiode das konstruktive Misstrauensvotum ein, und es ist nicht un­denk­bar, dass sie mit seiner Hilfe die Naziwelle hätte überdauern können, wenn die Ver­hältnisse im Reich andere gewesen wären. Sie ist dann auch nicht vom preußischen Landtag gestürzt worden, sondern durch den „Preußenstreich“ des Reichskanzlers Papen vom 20. Juli 1932.

Dieses Datum bezeichnet das tatsächliche Ende des preußischen Staates. An diesem Tag setzte der Reichs­kanzler, mit Vollmacht des Reichspräsidenten, die preußische Staats­re­gierung ab und ernannte sich selbst zum „Reichskommissar für Preußen“. Die preu­ßi­schen Ministerien wurden durch Reichs­wehr besetzt und die Minister unter Gewaltan­drohung aufgefordert, ihre Amtsräume zu verlassen. Sie gaben der Aufforderung nach. Widerstand wurde nicht versucht. Eine preußische Klage beim Reichs­gericht hatte kei­nen entscheidenden Erfolg. Das war das Ende seiner staatlichen Eigenexistenz – das Ende Preußens.

Es ist ein trübseliges Ende, nicht nur der kurzen, aber respektablen republikanischen letzten Periode Preußens, sondern der preußischen Geschichte überhaupt. Im Grunde ging es am 20. Juli 1932 auch gar nicht mehr um Preußen. Papens Preußenstaatsstreich war nur ein Schachzug in dem Dreieckskampf zwischen Republikanern, Deutschnatio­nalen und Nationalsozialisten um die Macht im Reich. Das war die große Frage des Jahres 1932, und für die Zeitgenossen war der Fall der republikanischen Bastion Preußen vor allem ein Sieg der deutschnationalen Restaurationspartei. Mit der Schleifung der SPD-Fes­tung Preußen führte Papen einen direkten Schlag gegen die Republikaner, einen indirekten auch gegen die Nationalsozialisten, und stärkte die Deutschnationalen, die damals hofften, im Streit zwischen den rechten und linken Volksparteien der lachende Dritte zu werden und eine Oberklassenherrschaft errichten zu können.

Besonders verwirrend war dabei, dass die Deutschnationalen sich schon in der ganzen Weimarer Zeit des Wortes „Preußen“ bemächtigt hatten, als wäre Preußen immer eine deutschnationale Einrichtung gewesen, und „Preußen“ als ein Panier benutzten und als eine Keule, mit der sie auf die Republik ein­schlagen konnten. Ein groteskes Wahlplakat jener Jahre zeigte ein blutendes Herz mit der Unterschrift: „Das Preußenherz! Wer heilt es? Die Deutschnationale Volkspartei!“ Höhepunkt und Endpunkt dieses deutschnatio­nalen Preußenschwindels war der peinliche „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, die feier­liche Eröffnungssitzung des unter dem neu ernannten Reichskanzler Hitler neu ge­wählten Reichs­tags, mit der das kurzlebige und für die Deutschnationalen verhäng­nis­volle Bündnis zwischen Papen und Hitler besiegelt werden sollte. Dieses Bündnis kos­tü­mierte sich am Tag von Potsdam als ein Bündnis preußischer Tradition mit national­sozialistischer Revolution. Die Potsdamer Garnisonskirche musste als Bühnenbild dafür herhalten, der deutschnationale Stahlhelm paradierte neben der nationalsozialistischen SA, die Reichswehr stellte die Statisterie und der greise Reichspräsident Hinden­burg, der als junger preußischer Leutnant bei Königgrätz gekämpft hatte, durfte in seiner Rede an „das alte Preußen“ erinnern. Es ändert alles nichts daran, dass sich in Hitlers Reich Preußen alsbald fast spurlos auflöste. Zwar führte der Bayer Göring unter den vielen Titeln, die er sammelte, auch noch den eines preußischen Ministerpräsidenten, aber eine politische Funktion war damit nicht mehr verbunden.

Muss man noch ernsthaft auf die törichte These eingehen, Hitlers Reich sei eine Fort­setzung preußi­scher Traditionen gewesen, Hitler ein Erbe Friedrichs des Großen und Bismarcks?

Nur ein paar kurze Worte dazu. Preußen, was immer es sonst war, war ein Rechtsstaat gewesen, einer der ersten in Europa. Der Rechtsstaat aber war das erste, was Hitler abschaffte. In seiner Rassen- und Nationalitätenpolitik hatte Preußen immer eine noble Toleranz und Indifferenz walten lassen. Das extreme Gegenbild preußischer Nüchtern­heit war auch Hitlers politischer Stil, seine Demagogie und theatralische Massenberau­schung. Und wenn es für Hitlers Außenpolitik, seine gigantomanischen Erobe­rungsideen, in der deutschen Geschichte überhaupt einen Anknüpfungspunkt gab, dann war es kein preußischer, sondern ein österreichischer, Schwarzenbergs Politik von 1850, seine Vision eines mitteleuropäischen Großreichs. Hitler war schließlich ein Österreicher, und ganz unzu­treffend war das Witz­wort nicht, das im Berlin der Dreißigerjahre die Runde machte: „Hitler – Österreichs Rache für Königgrätz.“

So bleibt nur noch der Blick auf das letzte und schrecklichste Kapitel der preußischen Nachgeschichte. Es betraf nicht mehr den preußischen Staat; den gab es nicht mehr. Nicht mehr Preußen als Preußen zahlte die Zeche des verlorenen 2. Weltkrieges, wie des Ersten, aber preußische Menschen taten es, die Ost- und Westpreußen, Pommern, Neumärker und Schlesier, diese Menschen gemischten deutschen und westslawischen Geblüts, die einst den Hauptteil der preußischen Volkssubstanz gestellt hatten. Sie ver­loren jetzt das Land, das sieben Jahrhunderte lang ihre Heimat gewesen war, erst durch Massen­flucht, dann durch brutale völkerrechtswidrige Vertreibung. Damit wurde dem preußischen Baum nun auch noch die Wurzel ausgerissen, nachdem die Krone längst dahin und der Stamm gefällt war. Es war ein Gräuel; das letzte Gräuel eines an Gräueln überreichen Krieges.

Die Widersprüche und Folgen des Kontrollratsgesetzes vom 25. Februar 1947

Die Niederlage war total. Das Land lag in Trümmern. Von 250.000 Gebäuden in der Reichs­hauptstadt Berlin waren 180.000 zerstört. Von den 850.000 Wohnungen konnten 600.000 nicht mehr bewohnt werden. Insgesamt waren mehr als 5 Millionen Wohnungen in Deutschland nicht mehr bewohnbar. Im ehe­maligen Bundesgebiet waren etwa 60 % aller Wohnungen betroffen. Trotzdem lebten nach dem Kriegs­inferno in Berlin, in dieser größten Trümmerlandschaft der Erde, noch 2,8 Millionen Menschen, notdürftig zwar, aber sie lebten und krochen aus ihren Kellern. Was von den Industrieanlagen in Deutsch­land noch übrig geblieben war, wurde demontiert und abtransportiert. An eine Selbst­versorgung der Bevölkerung war nicht zu denken. Fischerboote durften nicht auslaufen, die Verteilung von Saatgut war verboten. Der von den Alliierten festgesetzte Verpfle­gungs­satz lag unter dem Existenzminimum. Etwa 3 Millionen Menschen sind in dieser Zeit nach offiziellen Schätzungen erfroren oder an Hunger gestorben.

„Es muss den Deutschen bewusst gemacht werden, dass sie die Schuld dafür tragen, was sie auf sich geladen haben. Deutschland wird nicht befreit, sondern als besiegter Feind­staat besetzt.“ So lautete 1945 der Befehl des amerikanischen Oberbefehlshabers D. Eisenhower an die amerikanischen Besatzungstruppen.

Die Siegermächte des 2. Weltkrieges verurteilten das deutsche Volk in seiner Gesamtheit zum Schul­di­gen. Das Stichwort hieß „Kollektivschuld“. Jeder, der zur deutschen Schick­sals­gemeinschaft gehörte, war betroffen, unabhängig von seinem Alter, von seiner per­sön­lichen Schuld, von seiner persönlichen Verantwortung.

Mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche vom 19. Oktober 1945, das u. a. auch von Martin Niemöller, U-Boot-Kommandant im 1. Weltkrieg, und Bischof Otto Dibelius unter­schrieben worden ist, bekannte sich die ev. Kirche für das deutsche Volk zu Schuld und Mitschuld. Auch wenn diese Demutsgeste religiös gemeint war, wurde darin ein Bekenntnis zur „Kollektivschuld“ im politischen Sinne verstanden.

Mit dem Begriff der Kollektivschuld war die Vorwerfbarkeit im kriminalrechtlichen Sinne gemeint, ob­wohl kein Rechtssystem der zivilisierten Welt juristisch eine Schuld des Kollektivs kennt. Der alliierten These von der kollektiven Schuld diente die Sippen­haftung als Vorbild. Rechtlich relevant kann jedoch nur die individuelle Schuld sein, das, was dem Einzelnen an Fehlverhalten vorgehalten werden kann. Diese Schuld ist nach­zu­weisen. Diese allgemeine Rechtstradition erklärt, dass der dem deutschen Volke gegen­über erhobene Vorwurf der kollektiven Schuld nicht von Juristen stammt, sondern von Politikern, Sozio­logen, religiösen Eiferern und Schriftstellern. Als herausgehobene Pro­ta­gonisten für die Befür­wor­tung der Kollektivschuld gelten neben den offiziellen Kriegs­pro­pagandisten der Siegermächte der bekannte Schweizer Theologe Karl Barth und die deutsch-amerikanischen Soziologen Herbert Marcuse, Theodor Adorno und Max Horkheimer, drei Soziologen, die als Repräsentanten der sogenannten „Frankfurter Schule“ gelten.

Man meinte, einer Kreuzzugsstimmung zu bedürfen, und so musste der Gegner nicht nur für den Krieg, der gerade ausgefochten war, sondern auch für die früheren, wenn mög­lich, für alle Kriege allein ver­ant­wortlich sein. Es wurde die Wurzel schicksalsschwerer Verirrungen. Wenn die Deutschen für den Ersten Weltkrieg und für einige andere Kriege ebenso verantwortlich waren wie für den Zweiten, dann war der Wunsch, sie als Groß­macht mit dauernder Wirkung zu vernichten, gerechtfertigt. Wenn der Hitle­rismus nicht ein Bruch mit der deutschen Tradition war, sondern ihre Fortsetzung, so gab es kein anderes besseres Deutschland, mit dem man sich hätte verständigen können. Ein Wider­stand im Innern konnte bestenfalls von der traditionsfreien äußersten Linken erhofft werden. Sie musste man also begünstigen, aber auch das konnte nicht den Beschluss umstoßen, die Deutschen zu einer Unterwerfung zu zwingen, zu welcher kein Volk vor seiner völligen Vernichtung bereit ist.

Indem die Westmächte Hitler als Vollender Bismarcks bezeichneten, taten sie nach dem Sieg ihr Möglichstes, um die Umerziehung der Deutschen, die sie auf ihre Fahne geschrieben hatten, zu er­schweren. Es gibt nationale Umerziehung überhaupt nur als Besin­nung auf eine bessere Vergangenheit. Von Deutschen kann man im Allgemeinen nicht erwarten, dass sie sich auf eine amerikanische oder britische Vergangenheit besin­nen. Wenn man ihnen ihre eigene Überlieferung verschandelt, haben sie gar keine.

Ich möchte die Bedeutung dieses Irrtums nicht überschätzen, denn der Einfluss fremder Umerzieher ist leider auch dort, wo er nützlich sein könnte, zu Wirkungslosigkeit ver­ur­teilt. Viel schlimmer ist, dass die Sieger, Gefangene ihres eigenen Schlagworts, dadurch einige ihrer guten Absichten durchkreuzten. Den Deutschen Föderalismus zu predigen, war nicht aussichtsreich, wenn man dabei auf das ame­ri­kanische Vorbild verwies. Viel tieferen Eindruck hätte die Erinnerung an bismarcksche Verfas­sungs­grundsetze gemacht.

Um ihrer gegen die Deutschen gerichteten Umerziehungspolitik die Krone aufzusetzen, benutzten sie Preußen, das, wie ausgeführt, nicht mehr existierte, um es als vermeint­lichen Vorläufer des rassistischen Führerstaates stellvertretend für alle Deutschen auf die Anklagebank zu setzen.

Deutschland hatte den Krieg verloren. Preußen zahlte die Zeche. Es wurde gewisser­maßen verboten. Ich würde es als einen Akt von Leichenfledderei bezeichnen.

Am 25. Februar 1947 bestimmten die Siegermächte mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 46 die Auflösung des Staates Preußen. Seit jeher sei er Träger des Militarismus und der Fortschrittfeindlichkeit (Reaktion) gewesen. Auf diese von Geschichtsunkenntnis und Unver­söhnlichkeit diktierte Anordnung reagierte die deut­sche Bevölkerung in ihrem damaligen Elend, wenn sie es überhaupt wahrgenommen hat, mit Teil­nahmslosigkeit. Die Kernlande im Osten, Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien und die Neu­mark, deren Bevölkerung von der Roten Armee ohnehin nach Kräften dezimiert, vergewaltigt und be­raubt worden war, fielen überwiegend an Polen, Brandenburg an die DDR, wo sich Ulbrichts Spreng­kommandos am architektonischen Erbe austobten. Und eine denk­würdige Allianz aus sozialistischen und „progressiven“ westdeutschen Geschichts­deutern suchten ebenfalls Preußen überwiegend den Untergang des Deutschen Reiches anzulasten.

Das klang im Osten eher primitiv „Großmachtpolitik und Chauvinismus, Aggressionsbe­reit­schaft und Durch­halteparolen. Alles auf Preußens Kraut gewachsen.“ O-Ton DDR Historikerin Ingrid Mittenzwei: Alles ließ sich mit Friedrich dem Großen rechtfertigen. „Der Weg von Roßbach und Leuthen nach König­grätz und Sedan endete, wann immer der Zug entgleist sein mag, in Versailles und Stalingrad.“ So der Herausgeber des Spiegels und Publizist Rudolf Augstein.

Der Vorwurf der deutschen Kollektivschuld blieb nicht bei der Erlebnisgeneration oder der nachfolgenden Generation stehen, sondern wurde auf die deutsche Geschichte aus­ge­dehnt. Soziologen und Historiker machten unsere Vorfahren ebenfalls zum Gegen­stand des Schuldvorwurfs, sie kon­stru­ierten eine Kausalkette, die von Luther über Friedrich den Großen bis zu Hitler führte, der allerdings selbst einen Beitrag geliefert hatte, indem er sich der Nachfolgeschaft von Friedrich dem Großen und Bismarck rühmte. Auf diese „falsche“ historische Behauptung Hitlers beriefen sich Alliierte und Sozio­logen gern, auch wenn sie Hitler und seine Ideologie sonst auf das Heftigste ablehnten. Eine solche Widersprüchlichkeit im Denken grenzt an Absurdität. So ergab sich zwangsläufig, dass Preußen als der Hauptverursacher des Nationalsozialismus umgedeutet und die von Otto von Bismarck herbeigeführte deutsche Einigung als das Hauptübel und als entscheidende Ursache für das europäische Unglück ausgemacht wurde. „Preußen ist zum roten Tuch geworden“ (Ernst Friedländer 1945). „Das große Alibi hieß Preußen, und der Nachweis, schon immer gegen Preußen gewesen zu sein, genügte häufig zur Glaubhaftmachung guter demokratischer Gesinnung“ (Friedrich Sieburg 1954). So erklärte sich, dass Preu­ßen mit einem Erinnerungsverbot belegt wurde. Eine positive Rückbesinnung auf diese er­staun­liche Staatenbildung war politisch nicht erwünscht. Sie war „politisch nicht kor­rekt“. Lediglich eine herabsetzende Darstellung oder, wie man später sagte, eine „kriti­sche“ Darstellung der preußischen Geschichte wurde akzeptiert. Hieran hat sich bis heute wenig geändert, trotz der Preußenausstellungen in Berlin (1981 und 2001) und Potsdam. Die zunehmend in geschichtlichen und journalistischen Dar­stellungen verwendete Be­zeich­nung Preußen-Deutschland war im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahr­zehnten nicht mehr anerkennend gemeint, sondern dahinter verbarg sich die Absicht, Deutschland in seiner Gesamtheit im Sinne der negativen Bewertung Preußens zu diskriminieren. Es war die poli­tisch gewollte Herabsetzung des gesamten Staates. Andererseits konnten die herausragenden Leistungen des preußischen Staates, wenn ein Historiker noch ernst genommen werden wollte, nicht vollständig übergangen werden. Um auch hierfür eine politisch annehmbare Lösung zu finden, sprach und spricht man in Zusammenhang mit Preußen von seiner Ambivalenz oder Janus-Köpfigkeit, so als wenn es irgend­einen Staat auf der Welt gäbe, der nicht ebenfalls anerkennenswerte und weniger aner­kennenswerte Leistungen aufzuweisen hätte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass keine historische Untersuchung über England, Frankreich oder die USA von der Ambivalenz dieser Staaten als eines ihrer typischen Merkmale spricht. Hinzu kommt, dass dieser Ambi­va­lenz eine geschichtliche Bewer­tung nach Maßstäben zugrunde gelegt wird, die ent­weder in den historischen Tatsachen nicht zutreffen oder sich an der Gegenwart orientieren. Beides ist wissenschaftlich unzulässig. So sehr es mancher Historiker zum politischen Selbstschutz versucht, sich so Preußen zu nähern, auf diese Weise kann er diesem Staat nicht gerecht werden.

Eine andere Schwäche dieser Betrachtung liegt darin, dass es noch immer keine sub­stan­tielle ver­gleichende Geschichtsdarstellung gibt, die eine wissenschaftlich seriöse Bewer­tung Preußens im Ver­gleich zu den anderen wichtigen europäischen Staaten ermöglicht. Die deutsche Geschichtswissenschaft hat sich dieses Themas bisher nicht angenommen. Im Gegenteil, an den hierfür besonders geeigneten Universitäten in Berlin und Branden­burg sind die Lehrstühle für preußische Geschichte eingestellt worden, ebenso sind der Historischen Kommission zu Berlin von der Stadt die Mittel fast vollständig entzogen worden. Ein ähnliches Schicksal erlitt das Institut, das Prof. Dr. Hans-Joachim Schoeps an der Universität in Erlangen nach dem Krieg gegründet hatte. Als Folge seines beispiellosen Engagements für Preußen erfuhr Schoeps in den Sechzigerjahren erheb­liche Kritik. Er wehrt sich, doch ohne Erfolg. Für die „68er“-Revoluzzer war er ein Stör­fall. Sein Institut in Erlangen wurde geschlossen. Die Studenten störten seine Vor­le­sun­gen, hinderten ihn am Vortrag und beschimpften ihn als SS-Juden und jüdischen Ober­sturmbannführer. Die von Schoeps erbetene Ehrenerklärung lehnte die Fakultät unter ihrem Dekan, dem Prof. Dr. Michael Stürmer, ab. Wer sehen wollte, konnte es sehen: Was die 68er Studenten unter Demokratie, Meinungsfreiheit und unter Toleranz gegen­über dem Andersdenkenden verstanden. Die sozialistischen Akademiker demonstrierten es an den Universitäten, für jedermann sichtbar.

Zu welchen geistigen Entgleisungen die Willfährigkeiten des Denkens durch Historiker führen konnte, lässt sich anschaulich am Beispiel des Politologen Prof. Dr. Kurt Sont­heimer zeigen. Er sagte auf einer Historikertagung im Jahre 1981, 36 Jahre nach dem Ende des Krieges, , dass er es aus umerzieherischen Gründen für unverzichtbar halte, an der These vom Preußisch-Deutschen Kaiserreich und seinen Struk­turen als Vorläufer Hitlers festzuhalten, und zwar unbeschadet der Richtigkeit dieser These. Nur dann könne der Weg zur Demokratisierung in Deutschland fortgesetzt werden. Verfälschende Geschichts­darstellung als Grundlage demokratischer Gesinnung?

Armes Deutschland!

„Wahres Preußentum heißt Synthese zwischen Bindung und Freiheit, zwischen selbstver­ständ­licher Unter­ordnung und richtig verstandenem Herrentum, zwischen Stolz auf das Eigene und Ver­ständnis für andere, zwischen Härte und Mitleid“, erklärte Henning von Treskow, der wie zahllose andere Preußen am 20. Juli 1944 für diese Idee sein Leben gab.

Günter G. A. Marklein, Bismarck-Museum Jever,

Laufen, 27.09.2008

   
 
 
 
 
 
Template by Inspiration