Zur Weltpolitik: Rußland in Innerasien

Man hat vielfach aus der Nachgiebigkeit, die Sowjetrußland gegenüber dem japanischen Vordringen in der Mandschurei bewiesen hat, den völlig falschen Schluß gezogen, daß darin ein russischer Verzicht auf die zuvor mit so starkem Nachdruck verfochtene Herrschaft über Asien zum Ausdruck komme. In Wahrheit trifft genau das Gegenteil zu: indem Rußland sich aus den dem Pazifik zugekehrten Randgebieten des asiatischen Kontinents wie der Mandschurei zurückzieht, gewinnt es erst freie Hand für die für seine Existenz weit wichtigere Ausbreitung im Inneren Asiens.

Es ist wenig bekannt, daß das russische Reich in Verfolg der bolschewistischen Revolution nicht nur territoriale Einbußen — Finnland, die Baltenländer, Kongreßpolen — erlitten, sondern auf der anderen Seite auch einen ganz bedeutenden Zuwachs erhalten hat. Auf der anderen Seite im doppelten Sinne: während die Landverluste nur die Westflanke betreffen, sind im Osten, im Inneren Asiens, die großen Gewinne zu verzeichnen. Das vor dem Krieg noch unabhängige Reich von Buchara gehört heute, nachdem die von Enver Bey von hier aus versuchte Erhebung der innerasiatischen Turkvölker gegen Rußland gescheitert ist, als Usbekien zur Sowjetunion. Weiter im Osten aber sind in Tannu-Tuma und der Äußeren Mongolei, nachdem hier der baltische Baron Ungern-Sternberg einen Aufstand der mongolischen Stämme gegen Rußland organisiert hatte, bolschewistische Staaten entstanden, die bei aller äußeren Freiheit innerlich durchaus von Moskau abhängig sind.

Zwischen beiden liegt das an Umfang gewaltige Gebiet des chinesischen Ost-Turkestan. Dem Namen nach ist dieses Land ebenso wie Tibet und die Mandschurei und sogar die Äußere Mongolei noch zu China gehörig, aber diese Zugehörigkeit besteht seit langem nur noch in der Theorie. In Wahrheit ist der Gouverneur von Sinkiang (so heißt Ostturkestan als chinesische Provinz) ein von China gänzlich unabhängiger Staat, und die Frage ist weniger, ob China früher oder später seine Souveränität wieder aufrichten kann, als vielmehr, welche der angrenzenden großen Mächte hier ihren Einfluß beherrschend durchzusetzen vermag.

Als Japan seinen Kampf um die Mandschurei siegreich abgeschlossen hatte, streckte es seine Fühler nicht nur nach der Mongolei, sondern sogar bis nach Turkestan vor. Es verstand sich von selbst, daß es hier, weit entfernt von den heimatlichen Inseln, nicht mit kriegerischer Macht auftreten konnte. Darum spielte es mit dem Gedanken, sich Turkestans dadurch zu versichern, daß es ihm einen Japan ergebenen Herrscher, einen zweite Puji sozusagen, gab. Es wußte sich auch in der Person des Prinzen Abdul Kerim aus dem ehemaligen türkischen Kaiserhaus — eines Enkels von Abdul Hamid II. — einen solchen turkestanischen Puji zu sichern. Aber Abdul Kerim, der mehrfach in Tokio empfangen wurde, vermochte offenbar in Turkestan trotz mehrerer von den Japanern finanzierter Aufstände nicht recht Fuß zu fassen. Man hörte jedenfalls nicht wieder von ihm.

Auch England machte ähnliche Experimente. Von dem angrenzenden indischen Kaschmir aus unterstützte es mohammedanische Selbständigkeitsbestrebungen. Für ein knappes halbes Jahr gelang es einem englischen Abenteurer namens Scheldrake, sich zum "König von Islamistan" aufzuwerfen. Aber auch die britischen Unternehmungen in Turkestan waren zum Scheitern verurteilt.

Sieger blieb Rußland, das mit der schon aus der zaristischen Zeit bekannten Zähigkeit ans Werk ging und es tatsächlich erreichte, daß heute Ostturkestan bereits in ganz ähnlicher Weise in den Verband der Sowjetunion einbezogen ist, wie die nördlich angrenzende Äußere Mongolei. Der Gouverneur von Sinkiang ist heute von nicht weniger als fünf sowjetrussischen Beratern, darunter zwei Militäratachés, umgeben. Er hat eine russische Anleihe von zwei Millionen Dollar erhalten, die zum Bau einer Verlängerung der sibirisch-turkestanischen Bahn — bekannt unter dem Namen Turk-Sib — nach dem östlichen Turkestan dienen soll. Damit wird Sinkiang auch verkehrsgeographisch an Sowjetrußland angeschlossen, denn die Turk-Sib hat über Taschkant und Samara unmittelbar mit Moskau Verbindung. Gelänge es — was die Russen planen — darüber hinaus die neue Bahnlinie mit der in Bau befindlichen chinesischen Hung-Hai-Strecke zu verbinden, so könnte man den mandschurisch-japanischen Bahnen einen erheblichen Teil ihrer Wirtschaftlichkeit nehmen, da den internationalen Reisenden auf der neuen Strecke gegenüber der transsibirischen ein Zeitgewinn von drei Tagen in Aussicht stünde.

Noch bedeutsamer als diese wirtschaftlichen sind die möglichen politischen Folgewirkungen der russischen Durchdringung Ostturkestans. Denn in Altchina gibt es nach wie vor, trotz aller Pyrrhussiege Tschian-Kaitscheks, kommunistische Provinzen. Gelänge es zwischen diesem Sowjetchina und der ostturkestanischen Außenprovinz eine direkte Verbindung herzustellen, so erhielte der Kommunismus in China einen ganz außergewöhnlichen Auftrieb, dessen Folgen noch gar nicht abzusehen wären. In der Tat scheinen die chinesischen Sowjets im Begriff, sich in der fruchtbaren Westprovinz Sze-tschuan, die ungefähr auf dem Wege nach Sinkiang liegt, festzusetzen. Kenner haben festgestellt, daß kein Gebiet Chinas so gut für eine rote Herrschaft geeignet ist wie dieses, in dem seit dem Untergang der Mandschurei etwa fünfhundert Bürgerkriege getobt haben und in dem bereits für die nächsten 54 Jahre die Steuern eingezogen sind.

Zur selben Zeit also, da Rußland in Ostasien den gefährdeten Frieden durch erhebliche Zugeständnisse sichert — der Verkauf der Ostchinabahn dürfte hier einen endgültigen Abschluß darstellen — stößt es in Innerasien umso entschiedener vor. Und da Rußland nicht wie Japan ein See-Imperium, sondern seinem ganzen Wesen nach ein Landreich ist, so sind die Gewinne, die es fast unbemerkt hier verzeichnen kann, aufs Ende besehen bedeutsamer als die Zugeständnisse, die es heute macht, um seine östliche Außenbasion zu halten.                                 Dr. E. M.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Juni 1935

   
 
 
 
 
 
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