Bücher der Geschichte: Weltkrieg und Propaganda

Von Hermann Wanderscheck, Berlin 1936, Verlag E. S. Mittler u. Sohn, 260 S.

Je mehr die Souveränität des geistigen Wertes in der neueren Geschichte zurückgedrängt wurde zugunsten tiefer liegender Werte und an die Stelle des Ideals einer geschichtlichen Gemeinschaft und sozialaristokratischen Fühertums die demokratische Ideologie die Masse und die Fiktion einer Führung trat, die nur vollziehende Gewalt beanspruchen wollte, desto mehr gewann die politische Propaganda an Bedeutung, bis sie schließlich im Bolschewismus die eigentliche Staatsidee überdecken half. Es ist nicht Zufall, wenn diese Entwicklung parallel läuft zu jener erschütternden Verkehrung der Wertskala, die letztlich Recht und Billigkeit nach Macht und Erfolg beurteilt und dadurch der Revolution zu einer permanenten Rolle im politisch-weltanschaulichen Leben verhilft. Will Propaganda mehr sein als nur die unedle Mutter unklarer Gefühle und gedanklicher Kurzschlüsse, dann muß sie eng verbunden sein mit dem Zweck objektiver Aufklärung und Erziehung, ohne jedoch dabei eine im liberalen Sinne neutrale Haltung einzunehmen. Daß die Weltkriegspropaganda unserer Gegner nicht mehr als eine moralfreie, aber doch nach der Seele der Völker greifende Zielstrebigkeit besaß, bezeugt ihre Verwerflichkeit, bezeugt aber auch das Maß der Erziehungsarbeit, die an der Deutschen Nation noch geleistet werden muß: denn dieser Propaganda und ihren falschen weltanschaulichen Voraussetzungen ist der Deutsche in den letzten Kriegsjahren und nachwirkend in den folgenden Zeiten unterlegen.

Es ist deshalb verdienstlich und wertvoll, wenn Hermann Wanderscheck, ein Vertreter der jungen Zeitungswissenschaft, in seinem Buche "Weltkrieg und Propaganda" diese und speziell die englischen Methoden einer eingehenden Untersuchung unterzieht. Es wird dabei eindeutig festgestellt, daß die englischen und alliierten Propagandabedürfnisse es waren, die die Lüge von der deutschen Kriegsschuld in die Welt setzten. Interessant ist, daß der Schöpfer der englischen Propaganda, Lord Northcliff zuerst im Einvernehmen mit führenden englischen Politikern einer Zertrümmerung des österreichisch-ungarischen Donaustaates abgeneigt war, dann aber keinesfalls eine Atomisierung der Donauländer wollte; den Deutschen in Österreich sollte es freistehen sich dem Deutschen Reiche anzuschließen. Daß die englische Propaganda, der Tausende von Mitarbeitern in aller Welt zur Verfügung standen, sich mit der Arbeit an der Front und in Heimat nicht begnügte, sondern in geschickter Weise gleichzeitig den britischen Führungsanspruch, die britische Sendung, die stets zu mehrende Pax Britannica dank der Überlegenheit des eigenen Nachrichtendienstes proklamierte, beweist die fein ausgebildete außenpolitische Fähigkeit des Inselvolkes. Indem die englische Propaganda durch moralische Entlastungsoffensiven und Genugtuungen über die imperialistische Niedertracht der Gegner die eigenen Schatten klug verdeckte, konnte sie sich ebenso im persönlichsten Interesse an die unmündigen, nicht zur Herrschaft in der Welt zugelassenen Völker richten und an ihr ethisches Gewissen appellieren. Und es könnte auch die allgemeine Teilnahme der nicht-staatlichen Öffentlichkeit daran nicht besser bewiesen werden als dadurch: erst 1917 wurde der riesige Propagandaapparat staatlich zusammengefaßt. Aber auch dann wurde daraus keine befohlene Propaganda, wie sie etwa durch eine Bindung der Presse an die Regierung hätte bewirkt werden können, sondern sie blieb gestaltet aus innerer Freiheit heraus, aus innerer Unabhängigkeit, aus reinster Liebe to the little sweet home.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Februar 1939

   
 
 
 
 
 
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