| Gedenktage: Kronprinz Rupprecht (geb. 18. Mai) |
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Die Stellung eines Thronerben ist menschlich und politisch eine der empfindlichsten und schwierigsten, die sich denken lassen. Die Geschichte deutscher Fürstenhäuser ist überreich an ernsten Auseinandersetzungen mit diesem Schicksal, an Kronprinzenträumen und Kronprinzenleid. Für solche, die den Sinn von Staatsverfassung nicht im Austragen und Überwinden, sondern im Ersticken von Gegensätzen erblicken, ist dies ein Beweisgrund mehr gegen das Erbrecht an der Staatsspitze, andere achten das Dasein eines Thronfolgers überhaupt gering, weil er kaum je dazu komme, "etwas zu leisten". In Wahrheit ist das Kronprinzenerlebnis eine Bewährungsprobe für die innere Macht der Institution, die um einen werdenden Menschen wirbt, und für den Menschen, auf dessen Leben sie ihre Schatten vorauswirft. Kronprinz Rupprecht von Bayern, der am 18. Mai seinen 66. Geburtstag begeht, ist es beschieden gewesen, ohne daß er zur Regierung kam, doch auf einem Gebiet weithin Sichtbares zu wirken: auf dem militärischen. Es hat zu den billigen Kampfmitteln des Nachnovember gehört, die Heerführung durch Fürsten im Weltkrieg als leere Form oder gar frevles Spiel, geboten von dynastischer Eitelkeit, zu verdächtigen, — als ob nicht gerade an der Westfront die Gefahr, sich mit Rückschlägen zu belasten, jahrelang viel größer gewesen wäre als die Aussicht, durch Erfolge volkstümlich zu werden. In jenen Anfängen des Krieges aber, die das echte deutsche Wesen widerspiegeln, empfand man freudig und dankbar den Willen künftiger deutscher Fürsten, die vom Schicksal zugeteilte Stellung in ihrer ganzen Tragweite auszuschöpfen. Auch Kronprinz Rupprechts Heerführung läßt, wie jede, Raum für Einwände; sie sachlich zu prüfen, ist Gegenstand der Kriegsgeschichte; mit der Veröffentlichung seines Kriegstagebuchs, das seine eigensten Gedanken über die militärischen Vorgänge enthält, hat sie der Kronprinz dem Urteil der Fachwelt unterstellt. Hätte vielleicht im Krieg selbst eine soldatische Bedeutungslosigkeit des Befehlshabers durch die Leistung der Mitarbeiter verschleiert werden können, so liegt hier sein geistiges Eigentum vor aller Öffentlichkeit — und bestätigt, was sein Generalstabschef von ihm gesagt hat: er sei auch als Feldherr eine Persönlichkeit gewesen. Von den vier Kriegsjahren jedoch abgesehen ist der Inhalt dieses Lebens bestimmt durch das Wort "warten". Das aber ist die schwerste Kunst. Nur wer ein Charakter und ein Staatsmann ist, erlernt sie. Denn warten heißt nicht: sich die Zeit vertreiben, bis das Erwünschte vom Himmel fällt; es heißt: auch in der Untätigkeit eine Verpflichtung vor Augen haben und an ein geschichtliches Wachstum zu glauben. Für das Einzelleben verliert vielleicht das Warten einmal seinen Sinn, für die Idee niemals. Darum ist es das eindringlichste Bekenntnis zu einer Weltordnung, deren Bewegkraft und Maße im Übernatürlichen liegen. Unter den Eigenschaften aber, die das Warten eines Thronfolgers erfordert, steht obenan der Takt. Wir alle haben die innere Unruhe einer Generation miterlebt, deren freier Entscheidung im geistigen Ringen des Zeitalters die vorangehende Altersschicht mehrfach vorzugreifen drohte. In ähnlicher seelischer Lage befindet sich ein Thronfolger oft noch als politisch gereifter und in die Geschäfte bis zu einem gewissen Grade eingeschalteter Mann. Kronprinz Rupprecht hat es immer verstanden, eine lebendige Anteilnahme an der politischen Entwicklung von Staat und Reich mit der gebotenen Zurückhaltung zu verbinden, ein sorgfältig durchdachtes Urteil den berufenen Ratgebern der Krone zum Ausdruck zu bringen, ohne auch nur den Schein einer Nebenregierung zu erwecken, der Gewissenspflicht zu genügen, die eigene Einflußmöglichkeit auferlegen, und doch die Entschlußfreiheit derer nicht zu beeinträchtigen, die staatsrechtlich die Verantwortung trugen. Von seiner Lebensgestaltung in der Vorkriegszeit konnte das ganze Land leidlich den Eindruck gewinnen, wie ernst es ihm um die Vorbereitung auf seinen Herrscherberuf sei: auf sie war doch all sein Tun abgestellt, auch soweit es nebenher der Erholung oder Liebhaberei diente wie seine zahlreichen Reisen. Sache des Takts ist es auch, all den Hoffnungen und Befürchtungen keine Nahrung zu geben, die sich an einen Thronwechsel selbst dann knüpfen, wenn die Wesens- und Auffassungsverschiedenheiten zwischen Vater und Sohn über das menschlich Selbstverständliche nicht hinausgehen. Man wird nicht sagen können, daß jemand einer Regierung des Kronprinzen Rupprecht mit ähnlich vorgefaßter Meinung von ihrer Richtung entgegengesehen hätte, wie sie etwa Ludwig I. vor der Thronbesteigung begleitete. Trug hierzu die politische Gesamtlage und die wohlabgewogene Regierungsweise seiner Vorgänger wesentlich bei, so auf der andern Seite doch auch das Empfinden unbedingter Sachlichkeit, das sein Auftreten allenthalben hervorrief. Bewundernswert vollends aber ist das Feingefühl, womit er die unlösbar scheinende Aufgabe meisterte, die Vorstellung von einem "gewöhnlichen Staatsbürger", die der verfassungsrechtlichen Sehweise der Nachkriegszeit entsprach, zu verbinden mit der Unabstreifbarkeit königlicher Eigenschaft, die Rolle des Privatmanns mit der in Krisenzeiten unausweichlichen politischen Bewertung durch Freunde und Gegner. Nie vom ersten Tag des Umsturzes an hat sich Kronprinz Rupprecht mit einem Wort, mit einem Schritt etwas vergeben. Dazu bedurfte es angeborener Würde, sicherer Menschenkenntnis, tiefer Einsicht in das Wesen alles Rechts, das stumpf wird, wenn es um jeden Preis geltend gemacht wird, und eines vorbildlich selbstlosen Nationalgefühls. Und damit steht der Betrachter im Mittelpunkt des politischen Systems des Kronprinzen Rupprecht, wenn von einem solchen zu sprechen erlaubt ist: Bayerns Bestimmung als Teil des Reichs. Das Vermächtnis seines Ahnherrn: "Nie Bayern zum Schaden der Deutschen" ist für ihn nicht nur, was selbstverständlich wäre, Sache der Gesinnung, sondern gedankliche Grundlage aller politischen Aufgaben, die er sich, seinem Haus und Land als aufmerksamer Beobachter der geschichtlichen Entwicklung stellen mag. Es ist jene politische Grundhaltung, die Bismarck durch seine Lösung der deutschen Frage möglich gemacht hat und die als Frucht der Mitwirkung eines Bayernkönigs an der Reichsgründung in dessen Erben sich auswirkt. A.R. Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Mai 1935 |