Bücher deutscher Geschichte: Philosophiegeschichtliches.

Vielgerühmt, aber allzu oft mißverstanden oder willkürlich gedeutet ist Meister Eckhart, dem dem böse Zungen behaupten, er erfreue sich in weieren Kreisen deshalb einiger Beliebtheit, weil ihn die Käufer mit Scheffels Ekkehard verwechselten. Da ist denn eine Einführung in sein Werk, wie sie Alois Dempf in einer ungeachtet des schwierigen Stoffs recht verständlichen Sprache gibt, (Meister Eckhart. Eine Einführung in sein Werk. Leinen RM. 5,50. Verl. Jakob Hegner in Leipzig) nur begrüßenswert. Niemand sollte seine Schriften ohne diesen Leitfaden zur Hand nehmen. Aus der unglaublich dürftigen Kunde, die wir vom Leben des Meisters besitzen, erwächst hier zwischen philosophischen Erläuterungen und dankenswerten Hinweisen auf Wesen und Formen der Mystik ein eindrucksvolles Bild des ernsten Mannes und des Mittelalters. In der Benutzung der Textunterlagen waltet große Gewissenhaftigkeit.

Der gleiche Verlag macht sich um die Verbreitung philosophiegeschichtlicher Kenntnisse auch durch das Buch "Das alte Wahre" von Karl Thieme ("Das alte Wahre. Eine Bildungsgeschichte des Abendlandes." Leinen RM. 4,50, kart. RM. 3,—) hochverdient. In bewundernswerter Verdichtung des Gegenstandes führt es uns auf nicht ganz 200 Seiten von der griechischen Weisheit über das Urkirchentum, die Schöpfungen des Mittelalters, die großen Reformatoren, ihre Widersacher und Nachfahren zu den Strömungen unserer Zeit. Der Verfasser schreibt vom katholischen Standpunkt aus, aber mit dem Einfühlungsvermögen und der Achtung fremder Überzeugung, die der Reihe erlesener Autoren würdig ist, denen er sich geistig zu Dank verpflichtet weiß. So werden gerade die Reformationskapitel zu Höhepunkten des Buches. Nur bei Behandlung der "Persönlichkeit" scheint allzu ausschließlich die negative Seite gesehen, gar der Name Ranke wird hier als Kronzeuge angeführt, der besser als Vertreter des berechtigten, der Gemeinschaft eingebauten Persönlichkeitswertes stünde; daraus ergeben sich dann voreilig günstige Schlußfolgerungen für die Verneiner dieses Wertes. Jedenfalls aber gehört das Werk zu den anregendsten, die man sich denken kann.

Kommt man von solche durchgeistigter Betrachtungsweise her, so mutet einen der Rückfall in die Naturwissenschaft als Unterlage von Sittlichkeit, Volk und Staat, wie ihn das Buch von Bruno H. Jahn: "Sinn und Sittlichkeit des Nationalismus" (236 S., Gr.-Okt., in Kartonband RM. 3,50. Verl. der J. G. Cotta'schen Buchhandlung, Stuttgart und Berlin) enthält, doppelt befremdlich an. Es scheint Thiemes Satz zu widerlegen: "Die Menschen sind auf der Welt, um in ihrem Volke Gott zu dienen; das ist die Grundeinsicht, die heute vor allem andern wieder bei uns feststeht". Was soll man sagen zu Lehren wie diese: "Der Mensch ist ein Gesellschaftstier". "Gut und böse bedeuten nichts anderes als nützlich und schädlich für die Gemeinschaft." "Das Gewissen ist nichts anderes als das seelische Umbehagen, das entsteht, wenn der einzelne sich nicht in Übereinstimmung fühlt mit dem Gesamtempfinden seiner natürlichen Gemeinschaft, wenn sein Tun und Lassen also in Widerstreit gerät mit den Forderungen seines Gesellschaftstriebes," "Die Verknüpfung des Göttlichen mit dem Sittlichen brachte erst das Christentum aus dem Osten." "Überhaupt hat eine kinderlose Ehe keinen Anspruch auf den Schutz der Gemeinschaft." Brauchbarer, weil von dieser Grundlage weitgehend unabhängig, ist die zweite Hälfte des Buches, doch macht sich auch hier Dilettantismus bemerkbare.

Als Kind verwandten Geistes kennzeichnet sich Roman Hoppenheits Versuch, die Umwälzung der Gesinnung zu beschreiben, die die politische Machtergreifung und die Schaffung einer neuen Ideologie durch den Nationalsozialismus ergänzen soll (Band 1 der Reihe "Kampfschriften für deutsche Weltanschauung", Verl. für Kulturpolitik, Berlin). Auch ihm ist es denkbar, daß das minder Ethische das Gemeinschaftsförderliche sein könnte. Das Ganze ist beherrscht von dem überbetonten Gegensatz zwischen einzelnen und Gemeinschaft, für den nirgends der natürliche Ausgleich in der gegenseitigen Entfaltung und Steigerung gesehen wird. Manche erstaunliche Behauptung ("Gott, das ist ein abstrakter Begriff; der deutsche Gott dagegen das kann eine klare Vorstellung sein") muß man wohl der unscharfen Ausrucksweise zugute halten.

Arthur Zweininger ("Spengler im Dritten Reich. Eine Antwort auf Oswald Spenglers 'Jahre der Entscheidung'". Kart. RM. 1,80. G. Stalling, Oldenburg i.O.) tritt den Beweis an, daß Spengler eigentlich Nationalsozialist sein müßte, wenn er folgerichtig dächte, und daß er "Überall in Gegensatz zu sich selbst tritt oder seine eigenen Voraussetzungen richt bis zum Ende des Gedankenprozesses durchhält, wo er abweicht oder ablehnt". Was wird Günther Gründel dazu sagen, der Spenglers Lehren psychoanalytisch aus krankhaften Machtkomplexen erklärt? Und wie, wenn Spengler den Beweis angetreten hätte, daß Zweininger eigentlich Spenglianer sein müßte, wenn er nur bisweilen unter einem Wort dasselbe verstehen wollte wie Spengler? Gerne liest man darnach die Auseinandersetzung Ernst Oorneffers mit Spengler ("Oswald Spengler, wie ich ihn sehe." Heft 6 der Reihe "Zeichen der Zeit". 40 S. RM. —,90. Fr. Fromanns Verlag, Stuttgart), der, ohne sich zu ereifern wie Zweininger und ohne anmaßend persönlich zu werden wie Gründel, an die wirklichen Schlüsselprobleme des Spenglerschen Weltbilds rührt. A.R.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe September 1936

   
 
 
 
 
 
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