Stimmen und Urteile: Der Block von Oslo

Als im Mai dieses Jahres die Nachricht durch die Blätter ging, die sogenannte Oslo-Konvention sei außer Kraft gesetzt worden, war das allgemeine Verwundern groß. Denn diese schon im Jahre 1930 abgeschlossene Vereinbarung zwischen den vier Nordstaaten Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland, sowie den Nordweststaaten Holland, Belgien und Luxemburg war seinerzeit nicht nur als das Zeichen für den Beginn eines neuen Zeitalters der wirtschaftspolitischen Beziehungen begrüßt worden, sie hatte zuletzt auch eine gewisse politische Bedeutung gewonnen. Oslo war das Schlagwort für die Bestrebungen zur Bildung eines neutralen Blockes zwischen den beiden feindlichen Lagern Europas geworden und zwar in einem solchen Maße, daß phantasievolle Leute im vergangenen Jahr von der Notwendigkeit sprachen, Österreich an Oslo anzugliedern und daß mehrfach von geplanten Verhandlungen Amerikas mit dem Oslo-Block die Rede war.

Trotz dieser wichtigen politischen Auswirkungen war der Ausgangspunkt des Einvernehmens zwischen den sieben Nord- und Nordweststaaten doch wirtschaftlicher Art. Noch die letzte vielbeachtete Tagung der Oslo-Mächte im Haag hatte neue handelspolitische Abreden zum Inhalt, die im Haager Protokoll zusammengefaßt wurden.

Dieses Haager Protokoll nun ist vom Mai zum 1. Juli 1938 außer Kraft gesetzt worden. Damit schien zunächst auch der politische Oslo-Gedanke überholt und erledigt. Aber bald stellte es sich heraus, daß er das keineswegs war. Die sieben Kleinstaaten der Oslogruppe legten auch weiter Wert auf enge außenpolitische Fühlung miteinander. Die Befürchtungen dieser Staaten, sie könnten mittelbar in einen demnächstigen europäischen Krieg hineingezogen werden, wurde durch die Verwicklungen um die Tschechei noch verstärkt. Sie empfanden die Möglichkeit, noch einmal in eine ähnliche Lage wie während des Abessinienkrieges zu kommen, als sehr bedenklich. Das Beispiel der Schweiz, die von der "differenzierten" zur vollen Neutralität zurückkehrte, gab einen weiteren Antrieb in der gleichen Richtung und beförderte den Entschluß, auch ohne wirtschaftliche Bindungen als Staatenguppe beieinander zu bleiben.

Das Zusammentreffen der sieben Außenminister der Oslo-Staaten in Kopenhagen stand ganz im Zeichen dieser Hinwendung von den wirtschaftlichen zu den politischen Zielsetzungen. Und da die Wirtschafsvereinbarungen sich in der letzten Zeit eher als ein Hemmnis der sonstigen Beziehungen erwiesen hatten, kann sich nach deren Fortfall der gemeinsame politische Wille der sieben Länder nur um so ungestörter entfalten.

Die nordische Presse nannte die Tagung von Kopenhagen ein historisches Ereignis. Das mag uns etwas übertrieben vorkommen, wenn wir das dem Anschein nach magere und durchaus nicht aufsehenerregende Ergebnis der Tagung betrachten. Denn es ist in Kopenhagen nicht viel mehr erfolgt als die Feststellung eines gewissen Abstandes zu den Auffassungen des Genfer Völkerbundes. Man hat sich für den Fall, daß in Genf noch einmal Sanktionen gegen irgendeinen Staat beschlossen werden sollten, zwar ausdrücklich Handlungsfreiheit ausbedungen, aber damit noch nicht einmal die Teilnahme an Sanktionen für völlig ausgeschlossen erklärt.

Man kann also durchaus nicht sagen, daß die Oslo-Staaten in Kopenhagen kühn in ein unbekanntes politisches Neuland vorgestoßen wären. Trotzdem besteht die Kennzeichnung der Tagung als ein historisches Ereignis vielleicht doch zurecht. Wenn es sich nur um ein europäisches Winkelereignis handelte, wäre der ziemlich unmittelbar daran anschließende Besuch des polnischen Außenministers Beck in Oslo schwer zu begründen. Da der Oberst Beck aber für seine überaus feine politische Witterung bekannt ist, hat er den Zeitpunkt für diesen Besuch gewiß nicht ohne Bedacht gewählt.

Man weiß, daß Polen die Bildung eines Blocks neutraler Staaten zwischen dem deutschen Mitteleuropa und dem russischen Osten erstrebt. Es hofft seit langem, sich auf diesem Wege über eine derartige Blockbildung die Führung im östlichen "Zwischeneuropa" erringen zu können. Trotz seiner außerordentlcihen Wendigkeit und diplomatischen Geschicktheit ist Oberst Beck auf diesem Wege bisher nicht allzu weit gelangt. Er hat viele Erfolge errungen, aber auch manche Rückschläge erleben müssen.

Was er im Osten Europas erstrebt, ist nun mit der Umwandlung des wirtschaftlichen in einen politischen Oslo-Block im Norden und Westen gelungen, und so zögert er nicht, die bereits durch seinen kürzlichen Besuch in Stockholm vorbereitete Brücke nach Oslo zu schlagen.

Indem er so in den englischen Einflußraum hinübergreift, denkt er nicht etwa daran, Englands Kreise zu stören, er tritt im Gegenteil in die Fußstapfen der englischen Politik. Denn England sieht die Bestrebungen zur Blockbildung neutraler Staaten durchaus nicht ungern. So sehr es sich heute noch für den Völkerbund einsetzt, so ist es sich doch der Fragwürdigkeit dieser Einrichtung durchaus bewußt und hat nichts gegen den Ausbau politischer Reservestellungen einzuwenden. Es sucht sich, weiter als Frankreich schauend, alle Möglichkeiten offen zu halten, wobei sogar der kürzlich im Unterhaus erörterte Gedanke an ein erweitertes Empire als Völkerbundsersatz eine Rolle spielt. In diesen Zusammenhängen betrachtet, kann sich die Tagung von Kopenhagen vielleicht in der Tat einmal als ein Ereignis von geschichtlicher Bedeutung erweisen.

Dr. E.M.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe September 1938

   
 
 
 
 
 
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