| Stimmen und Urteile: Großdeutschland in der Paulskirche |
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Von Heinrich Ritter von Srbik. Als am 18. Mai 1848 die erste deutsche Nationalversammlung in Frankfurt zusammentrag, da erfüllte der deutsche Glaube und die deutsche Hoffnung die Brust der Abgeordneten. Wohl war die Revolution über die Jugendtage bereits hinausgewachsen und hatte viel von ihrem ersten Zauberglanz verloren; aber die Zuversicht, daß das mündige, einige deutsche Volk sich seine Lebensform schaffen werde, beseelte die Versammlung. Und doch war die Zukunft völlig in Dunkel gehüllt — auch in der Frage der Leitung des ersehnten nationalen Staates. Offen waren noch die drei Möglichkeiten der österreichischen, der preußischen Spitze und des wechselnden Präsidiums mit Beteiligung des dritten Deutschlands. Nach dem Erbkaisertum im geschlossenen Bundesstaat, dem wenn möglich auch die österreichischen Budnesländer angehören sollten, hatte der Verfassungsentwurf der Siebzehn gezielt, der Dahlmanns Feder entsprang; wobei der Urheber und die gleichgesinnten Norddeutschen an Preußen, die Österreicher Schmerling und Sommaruga an Österreichs Reichskrone dachten. Das Direktorium hatte Bayerns Gegenentwurf erstrebt, der den Bund zu einer kräftigen völkerrechtlichen, wehrhaften und wirtschaftspolitischen Persönlichkeit erheben, allgemeine Staatsbürgerrechte einführen, Österreich im Bund erhalten und die preußische Hegemonie vermeiden wollte. Die preußisch-hegemonische Strömung hatte mittlerweile an Kraft gewonnen, aber sie hatte ebensoviel an Ansehen durch das Berliner Blutvergießen, durch das außenpolitische Versagen verloren, und der universalistisch gefesselte dynastische Ehrgeiz Friedrich Wihelms IV. wünschte nach wie vor die Erneuerung des römischen Kaisertums Habsburg, dem er "den Steigbügel halten" und das silberne Waschbecken als Kurfürst von Brandenburg reichen wollte und dem allein er das Recht auf die Reichskrone zuerkannte. Doch sollte diese Kaiserwürde kaum mehr als ein Ehrenprimat und die Regierungsgewalt durch Verantwortlichkeit des Reichsministeriums eingeschränkt sein. Die militärische Führung Deutschlands außerhalb Österreichs war wieder dem Erbfeldherrn Preußen zugedacht; Wehrherzogtümer und Reichsherzöge, ein Reichstag, bestehend aus einem fürstlichen Oberhaus mit Königs-Kolleg, Fürsten-Kolleg, mediatisierten Fürsten und Grafen und gewählten Beisitzern und mit einem Unterhaus, dessen Natur noch unentschieden blieb — so sah das seltsam phantastische Bild des geistvollen Konstrukteurs aus, der im Mai dem Historiker Dahlmann schrieb, er wollte nicht über einen Rumpf herrschen: "Teutschland ohne die österreichischen Erbstaaten ist aber ein Rumpf oder vielmehr zwei Drittel eines Rumpfes, denn das jetzt kopflose Teutschland ist nicht anders zu bezeichnen." — Das erste gesamtdeutsche Parlament versammelte sich in der alten Wahlstadt der Kaiser an der Zentralstätte des Deutschen Bundes. Neues und Altes reichten sich gleichsam symbolisch die Hand. Der Staats- und Freiheitswille eines großen Volkes, das sich seiner Einheit wieder bewußt geworden war, und das nach dem Wort des ersten Präsidenten seiner Nationalversammlung aus der "Souveränität der Nation Beruf und Vollmacht zur Schaffung einer Verfassung für Deutschland, für das ganze Reich" schöpfte, erhob den Anspruch, die deutsche Gegenwart und Zukunft rein darzustellen. Der Tagungsort und die Andauer der Bundesversammlung aber sprachen von den alten Mächten deutscher Geschichte, von Deutschlands Vergangenheit, die dem Drang nach neuer Lebensform als Tod galt und gleichwohl als lebendige Schicksalskraft sich bewähren sollte. Die Versammlung wurde von einer Fülle bedeutender Köpfe und reiner Herzen auf eine stolze Ebene der Geistigkeit und des Ethos erhoben und war von vaterländischem Sinn getragen, aber dieses Parlament spiegelte die soziale Struktur des deutschen Volkes nicht getreu wider, und sein Glaube an die Macht der Idee traf bald auf die harten Realitäten des Lebens. Er traf auf die lebenswilligen Gestalten der Einzelstaaten, in deren Händen die Macht lag, auf das monarchistisch-partikulare Denken einer jahrhundertealten deutschen Überlieferung, auf den europäischen Charakter der beiden Führungsmächte und ihre Gegensätzlichkeit im deutschen Lebensraum. * Das Janusantlitz Österreichs in seinem Verhältnis zu Deutschland war in dem Sonderungs- und Schutzbedürfnis des altösterreichischen Teils Istriens und der Stadt Triest, also deutschen Bundesgebiets, deutlich zu erkennen: in dem Verlangen der deutschen Abgeordneten des Landes und der Stadt, ihre Besonderheit gegenüber dem allgemeinen Verfassungswerk der Nationalversammlung zu wahren, in dem Appell deutscher Volksvertreter aus Österreich, die deutsche Ehre und den deutschen Handel im deutschen Triest zu schützen, als die Gefahr der Bombardierung durch Sardinien drohte, und in der Erwirkung des einstimmigen Beschlusses, gemäß der Wiener Schlußakte einen Angriff auf Triest als Kriegserklärung gegen Deutschland anzusehen ... Schützte die Nationalversammlung den einzigen südlichen Hafen des Deutschen Bundes, so konnte sie Welschtirol noch weniger fallen lassen, die Vormauer Deutschlands. Im italienischen Tirol, in Trient und Rovereto vornehmlich, hatte sich eine irredentistische Bewegung entsponnen, die das Ausscheiden der beiden südlichen Kreise Tirols aus dem Einheitsland und aus dem Deutschen Bund und ihre Vereinigung mit Lombardo-Venetien, dann wenigstens ihre autonome Verwaltungs- und Landtagssonderung von Nordtirol zum Ziel hatte. Hinter diesem Streben stand das Verlangen der italienischen Revolution nach der Brennergrenze und der Greze bei Finstermünz. In Deutschtirol aber erhoben sich angesichts der Gefährdung durch den welschen Feind das Deutschbewußtsein und der Wille, das ungeteilte Land auch in seinem italienisch besiedelten Süden bei Österreich und dem Bunde zu erhalten, zu begeisterter Abwehr durch freiwillige Schützenkompanien, und Hermann von Silms Worte "Wir sind Deutschlands Grenzsoldaten, seiner Freiheit Gemsenwacht" gewannen lebendigen Klang wie die Nachdichtungen des Beckerschen Rheinliedes. Der konservative katholische Geistliche Beda Weber, der in Südtirol den Kampf des deutschen Volkstums an der Sprachgrenze mitgekämpft hatte, dieser Abgeordnete Merans, blieb seinem Wahlausruf treu: "Tirol und Österreich in innigem Anschluß an Deutschland, ein großes, einiges, starkes Deutschland, das kühne Wort unsers vielgeliebten Erzherzogs Johann soll der leitende Gedanke unsrer deutschen Herzen an der Grenzmark von Italien sein." (Aus: Köln. Zeitung vom 20. März 1938) Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe April 1938 |