| Das Werk Reinhold Schneiders |
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Von Jochen Klepper Es ist nicht leicht, Reinhold Schneiders Gesamtwerk einzuordnen; nun aber nicht um einer Ungeklärtheit willen, sondern allein seiner Fülle wegen. Denn es ist ganz Epik und ganz Historie; und nun wiederum ganz politische Geschichte und ganz — Kirchengeschichte, und zwar in der Sprache, dem Feuer, der Verdichtung, dem Symbolgehalt und der mitreißenden Wirkung der Dichtung. "Die Leiden des Camoes", "Portugal", "Philipp II.", "Fichte", "Die Hohenzollern", "Auf Wegen deutscher Geschichte", "Kaiser Lothars Krone", "Das Inselreich", "Das Werk des Malers Leo von König", "Das Erdbeben" und nun "Las Casas vor Karl V.": das ist der reiche Ertrag eines erst fünfunddreißigjährigen Lebens. Und sein Gewicht wiegt umso schwerer, weil hier, auch wenn man hochgreifende Vergleiche aus Vergangenheit und Gegenwart nicht scheut, höchste Leistung sowohl als Geschichtsschreibung wie als Dichtung vollbracht wurde. Von den Ausmaßen des Schneiderschen Werkes — von welchem gleichaltrigen Autor darf von einem Werke gesprochen werden? — zeugen die Titel der einzelnen ücher; die volle Tiefe aber erweist sich erst durch die Untertitel. "Macht und Glaube" steht unter dem Namen Philipps II.; unter dem Leitgedanken "Macht und Tragik" ist das Wirken und Leiden der drei großen Hohenzollern dargestellt, des Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen; "Gesetz und Größe der britischen Macht" wird im "Inselreich" offenbar. Man darf wohl nach reiflichem Erwägen aller Gesichtspunkte eindeutig aussprechen, daß der Schlüssel zu Reinhold Schneiders gesamtem Werk sein, wohl zweites oder drittes, Buch "Die Leiden des Camoes" ist, das Epos von dem Dichter des gigantischen Völkergedichtes der "Lusiaden" aus dem 16. Jahrhundert, in dem das Abendland in der großen Glaubensspaltung auseinanderbrach. Ganz ein Dichter, ganz ein Historiker, ganz ein Deutscher, ganz ein Katholik — und das darf hier wohl mit allem Respekt gerade von protestantischer Seite betont werden — führt Reinhold Schneider, mag ihm nun diese Gesamtkonzeption bewußt sein oder nicht, zum ersten Male wieder ein gewaltiges Völkergedicht durch: ein Epos von der Macht und Ohnmacht, dem Glauben und Unglauben der Völker und ihrer Herrscher. Jedes seiner Bücher ist eine Strophe dieses Epos. Und daß diese Auffassung nicht gewaltsam in Reinhold Schneiders Gesamtwerk hineingetragen wird, sondern wirklich zu Recht besteht, scheint mit völliger Klarheit aus einigen seiner Sonette hervorzugehen, die nach dem Entschluß dieses in allen Dingen so planvoll handelnden Dichters bis heute nur im Besitze eines nur kleinen Kreises bleiben sollen. In erster Linie wird man sich in diesem Zusammenhang des Sonettes "Europa" erinnern oder jener titellosen Strophen, die beginnen: "Mein Herz in heiße Worte zu verschließen Aber mehr als nur "redend" tut es der Dichter dieses unablässig weiter wachsenden Völkergedichtes, nämlich: das Kreuz über den Völkern weisend und bekennend; und er, dessen Phantasie unerschöpflich scheint, beschränkt sich in harter Zucht darauf, auch als Dichter Zeugnis abzulegen nur in der Darstellung gelebten Lebens, geschehener Geschichte, von Fleisch und Blut bewährten Glaubens. Denn, wo es um Glauben geht, da ist die Wirklichkeit größer als alle Erfindung; aber auch nur ein Dichter solchen Ranges kann die tiefste Wirklichkeit erkennen und aussagen. Nur dem, der sich an Tatsache und Geschichte bindet, wird das Wunder des Völkergedichtes — dessen Schöpfer Gott ist — offenbar; als exakte Geschichtsforschung mußte beginnen, was bei Reinhold Schneider schließlich in die Verse ausströmt: "Es muß in Heiligen die Geschichte münden" und vor dem Herrn des Himmels und der Erden bekennt: "So wird Dein Volk sich aus den Völkern bilden Ist in "Philipp II." die Spanienkatastrophe des großen Völkergedichtes nicht schon erklungen? Bedeutet Schneiders Buch "Las Casas vor Karl V." nicht eine Wiederholung, wo wir ungeduldig des neuen Gesanges von einem anderen Volke harren? Ist nach den um ihrer Weiträumigkeit willen Ehrfurcht gebietenden früheren Werken nun etwa ein Nachtrag, eine reizvolle oder notwendige Ergänzung gegeben? Nur der flüchtige Augenschein könnte zu solchem Urteil verführen. Gewiß, das Äußerste an Begrenzung ist in "Las Casas" geleistet: Der Dominikaner Las Casas, der "Vater der Indios", reist von Verakruz nach Sevillia, um vor dem Indienrate Kaiser Karls V. den christlichen Dienst an der Seele der "Indios" als Forderung hoch zu erheben über die bloße, gewaltsame und grausame Eroberung schätzereicher Erdteile. * Es sei nun erlaubt, die geschichtliche Situation mit den Worten des Historikers Karl Brandi knapp zu umreißen: "Das riesige amerikanische Festland begann sich mit seinen alten Reichen aus dem Ozean zu erheben. Das spanische "Indien" bestand bis dahin nur aus den Inseln, die von Santo Domingo aus verwaltet wurden — soeit davon die Rede sein kann. Denn nach der kühnen Tat der Entdeckung dieser Neuen Welt hatten sich Horden undisziplinierter Menschen mit der Überlegenheit europäischer Waffen und der Stoßkraft des Angriffs, in wachsender Habgier und mit hochmütiger Verachtung alles Nichtchristlichen auf diese Naturvölker gestürzt und sie fast schon ausgerottet. Die Ausbeutung der "entdeckten" und damit kurzerhand in Besitz genommenen Welt drohte mit den unglückseligen Völkern auch den Gewinn der Conquistadoren selbst zu vernichten, so daß die dürftigen Regelungen von Besitz und Recht einfach aus der Not geboren wurden. Die Verhältnisse dieser Privatherrschaften spotteten dauernd jeder Rechtlichkeit und Menschlichkeit, da sich offenbar alle Beteiligten gegenseitig ihre Sünden nachsahen, und die ohnehin den handfesten Conquistadoren verhaßten Letrados oder höheren Beamten über keine rechte Macht verfügten. Auch hier lastete auf der Regierung Karls die ungeheure Weite seiner Macht. Im Jahre 1515 war der Weltgeistliche Bartolome de las Casas nach Spanien zurückgekommen, um die entsetzlichen, aller Sittlichkeit Hohn sprechenden Zustände zu brandmarken. Die furchtbare Wirklichkeit illustriert neben seinen Klagen am besten die ergreifende, wenn auch etwas jüngere Bilderchronik des Indianers Guaman Poma. Da sieht man die um Erbarmen flehenden Indianer umgeben von Drachen, Puma, Jaguar, Ratten, Fuchs und Katze; das sind der Corregidor, der Obercazike, der reisende Spanier, der Geistliche und der Schreiber, gegen die alle er sich verzweifelt wehrlos sieht. Sie nahmen ihm alles, Land und Haus und Gut und Frauen und Mädchen, Gesundheit und Leben. Las Casas wünschte, in diese Hölle auf Erden das Christentum und die christliche Gesittung zu tragen. Las Casas endete bei den Dominikanern in Espanola. Sein Lebensbuch klingt mit dem Titel des "Zugrundegerichteten Indien" tief bitter aus. * Reinhold Schneiders Klage und Anklage vor diesem historischen Hintergrunde aus dem Munde des "Vaters der Indios" bei dessen letzter Spanienfahrt erklingend, den "Indios" geltend, aber allen Schmerz und alle Schuld der Erde umschließend, ist nun die erste Strophe seines Völkergedichtes, die Europas Schicksal in dem Martyrium eines von dem christlichen Europa unterworfenen heidnischen Volkes jenseits der Meere gestaltet. In dem Gleichnis von dem Papageienbaum scheint diese Klage, — die dem, der sie vernimmt, nur noch ein: Ecce poeta! auf die Lippen zwingt — zu gipfeln: "Wenn die Indios auf Kuba Papageien fangen wollen — von den grünen, die nur an der Stirn über dem Schnabel eine bunte Feder tragen und im Mai besser als Wachteln oder irgend ein anderer Vogel schmecken —, so schicken sie einen Knaben mit einem lebenden Papageien auf einen Baum. Es braucht nur ein Knabe von zehn oder zwölf Jahren zu sein; er birgt sich in den Ästen und legt sich ein Büschel Stroh oder Gras auf das Haar; dann streicht er dem gefangenen Vogel über den Kopf, so daß dieser einen klagenden Schrei ausstößt, und alsbald schwirren die Papageien von allen Seiten heran und setzen sich auf die Zweige. Es sind derer so viel, daß der Baum zu einem einzigen Vogelhaus wird; der Knabe nimmt sachte einen dünnen Stab zur Hand, an dem eine leichte Schlinge befestigt ist, und schnellt diese dem nächsten Vogel um den Hals, zieht ihn heran, dreht ihm den Hals um und wirft ihn hinab; dann fängt er den nächsten auf die gleiche Weise, und der Schrei eines jeden zieht neue Vögel herbei, wenn derer noch Platz haben in den Ästen; und wenn der Knabe nicht müde wird, kann er in seiner Arbeit fortfahren, bis unter dem Baume sich ein grüner Hügel von Tausenden von Vögeln auftürmt; denn die Papageien weichen nicht von dem Baume, so lange sie die klagende Stimme hören. So habe ich die Bäume der Völker angetroffen auf den Inseln und dem Festlande; es waren Bäume, die seit vielen hundert Jahren in ihrer Erde wurzelten; ihre Äste hatten sich mächtig entfaltet und es wimmelte in ihnen von unzähligen Geschöpfen, Volksstämmen, die alle ihre eigene Stimme hatten; denn sie sollten Gott den Herrn preisen, der sie zu seiner Freude geschaffen hatte. Ich habe noch das ungestörte Leben erblickt in den Bäumen des großen Gartens, den unser Herr inmitten des Meeres als das Wunder aller Wunder angelegt hat. Aber dann habe ich gesehen, wie die Äste leer wurden und wie der tückische Knabe mit der Schlinge nicht aufhören konnte zu morden; ich habe Tag und Nacht und Jahr um Jahr un wo immer ich ging und stand, ob ich arbeiten oder beten, ob ich schreiben oder predigen wollte, den Klagelaut der Sterbenden und Gefangenen gehört, der die Brüder in den Tod lockte oder doch den Tod der Brüder bedeutete, bis endlich die gewaltigen Bäume leer und stumm dastanden auf Haiti und Kuba und Puerto Rico, auf den Lucayischen Inseln und in Mexiko und Darien, an der Küste von Paria und auf den Eilanden, die sie umgürten; und wie lange noch, Kaiser, dann wird auch in den uralt-ehrwürdigen Wäldern Neugranadas und Perus und Chiles sich kein Vogel mehr auf den Zweigen wiegen, und die fremden, wundersamen Stimmen der Völker werden nie mehr zu hören sein. Und sie sollten doch Gottes Lob verkünden bis zum Jüngsten Tage; und die Welt wird ohne sie sein wie ein Kirchturm ohne Glocke." * Dieses an äußerem Umfang schmalere Buch unter Reinhold Schneiders großen Werken ist nun wohl die lebensvollste, glühendste und blühendste seiner Geschichtsdichtungen geworden: voller Vitalität und Dynamik, voller höchster sprachlicher und sinnlicher Schönheit bei aller Strenge und Entschiedenheit des Gedanklichen und bei aller eisernen Begrenzung des Themas. Vom Kaiser Karl V., vom Dominikaner Las Casas und den Indios ist die Rede: aber alles, was von Macht und Duldung, vom Handeln und Glauben in der Welt ausgesagt werden kann, ist in diese Dichtung eingeströmt. Die große Kunst des Technischen, die mit reicher, reifer Meisterschaft alle Mittel großer Epik einsetzt, wird Schneiders neuem Buche einen hohen Rang auch bei den Lesern erringen, die dem Stoff, den Gedanken, der Haltung fernstehen. Die Schönheit, die Vielfältigkeit, die Bedeutsamkeit und Fülle des Erzählten tragen auch ganz gewiß den geschichtsfremden Leser wie auf einem Strom dahin. Und bei immer neuen Gedanken von allgemeiner, unumstößlicher Gültigkeit, die vordem so nicht ausgesprochen wurden und die Welt mit einem neuen Licht beglänzen, wird auch der verweilen und von ihnen sich ergreifen lassen, der den Weg von Camoes zu Reinhold Schneider nicht ohne weiteres mitzugehen vermag oder bereit ist. Denn dieses Werk — unerbitterlich im Anspruch des Glaubens — ist voll edler Gerechtigkeit gegenüber allem menschlichen Recht und Unrecht, Wert und Unwert bei allen, mit denen es sich auseinanderzusetzen hat: es erkennt und anerkennt jede politische Notwendigkeit mit einer Klugheit, der der Blick gerade dadurch geschärfte ist, daß er sich über die Völker erhob. Das Buch ist nirgends Partei, und überall Kirche, die, auch wo sie das Gericht verkündet, sich der Gnade Gottes bedürftig weiß und, wo sie die Gnade verheißt, selbst dem Gerichte Gottes sich unterstellt sieht. Der Wille Gottes wird in jeder Episode, jeder Szene dieses erschütternden Dramas vor dem "Indienrate", erfragt, dem Walten Gottes Seite um Seite nachgeforscht. "Was wäre wohl," fragt Las Casas vor dem Kaiser seinen großen politischen Gegner, den Doktor Sepulveda, "am Leben eines Menschen und der Völker des Forschens wert, wenn nicht das Walten Gottes?" Und wieder hören wir in dem Priester den Dichter, wie auch in jenem bangen Ruf: "Daß Gott mich doch mit der letzten Einsicht nicht geschlagen hätte und ich das letzte Wort nicht sagen müßte!" und in der harten, aber demütigen Beugung: "Was uns auch gegeben oder verweigert wird, so ändert sich doch unsere Aufgabe niemals." Dieser Dichter geht mit einem schweren, großen Auftrag durch eine schmerz- und schuldbeladene Welt, das Walten Gottes unter den Völkern verkündend, um sein eigenes Volk zu Gott leiten zu helfen, dem Richter der Geschichte, wie er in Reinhold Schneiders Sonetten genannt ist: Der Schuld entsteigend offenbart Geschichte Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Februar 1939 |