| Stimmen und Urteile: Geist und Geschichte |
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Unter dieser Überschrift befaßt sich D. Traub in seinen "Eisernen Blättern" (17. Jahr, Nr. 9) offen und mannhaft mit verschiedenen Auseinandersetzungen auf wissenschafltichem und künstlerischem Gebiet. Bei dieser Gelegenheit berührt Traub ähnliche Fragen, wie sie unser Mitarbeiter, Anton Ritthaler, in diesem Heft behandelt. Wir geben daher einige Abschnitte des Traub'schen Aufsatzes wieder, dessen Verdienst auch darin liegt, besonders beachtenswerte Worte Treitschkes in Erinnerung zu rufen. Auf musikalischem Gebiet gehen die Kämpfe um Furtwängler, Hindemith, Strauß weiter. Auf künstlerischem Gebiet ebenso um die Nolde, Barlach und andere. Man hat sich hier stets Kopf und Herz heiß geredet in künstlerischen Dingen, und so soll es auch bleiben, um der Kunst willen. Dabei sind wir dankbar, daß die Regierung augenblicklich alles tut, um das Gedächtnis von Händel, Bach und Schütz zu ehren. Auf engerem Gebiet geht es augenblicklich um die Namen Saller und Oncken. In Göttingen hat der Privatdozent Dr. Karl Saller seine abweichenden rassepolitischen Auffassungen, wie es heißt "in polemischer Form" veröffentlicht, und ist ihm nun vom Leiter des rassepolitischen Amtes, Dr. Groß, der Vorwurf gemacht worden, er habe mit seinen wissenschaftlichen Ausführungen rein politische Ziele verfolgt. Infolgedessen sei ihm mit Recht vom Reichsminister Rust der Lehrauftrag entzogen worden, denn "Partei und Staat könnten nicht dulden, daß gutgläubige Menschen an der Konsequenz nationalsozialistischen Denkens irre gemacht werden". Unmittelbar daneben wird gesagt, daß sich die Partei "in rein wissenschaftliche Erörterungen nicht einmische". — Wir sind der festen Überzeugung, daß kein Nationalsozialist sich fürchtet, wenn über die schwerwiegenden Fragen von Natur und Geschichte ernsthaft gestritten wird und er sich selbst und seine Weltanschauung den erkannten Gesetzen des Geschehens, die mit Politik nichts zu tun haben, nicht entgegenstemmen will, schon darum nicht, weil der Staat in seiner politischen Macht durch Fragen nicht beschwert sein will, die nicht durch politische Mittel entschieden werden können. Wenn weiter gesagt wird, daß "liberale und reaktionäre Kreise vergessen hätten, daß nicht mehr sie, sondern der Nationalsozialismus das geistige Gesicht des neuen Deutschland präge", dann fragt man mit Recht, ob das wissenschaftliche Arbeiten überhaupt als solches noch gilt; denn jedes wissenschaftliche Arbeiten braucht als unentbehrliches Lebenselement die geistige offenste Auseinandersetzung. Diese Meinung hat mit irgendeiner politischen Stellungnahme gar nichts zu tun. Wer hat z.B. den Unsinn um die Uralinda-Chronik aufgedeckt? Das waren gerade die alten wissenschaftlichen Kreise, und diese Kreise nehmen mit Recht in Anspruch, daß sie zu dem geistigen Leben in Deutschland und seiner nationalen Kraft ihr Teil beigetragen haben und beitragen. Auch die heute als reaktionär Verschrienen haben "im tiefsten Herzen nichts anderes ersehnt, als ein Deutschland der Ehre, der Freiheit und des sozialen Glücks", und haben das nicht nur ersehnt, sondern dafür auch gekämpft in all den hinter uns liegenden Jahren. Zum Schluß ein Wort von keinem Geringeren als Treitschke, den man immer mit Achtung hört. Er schreibt 1961: "Unsere Wissenschaft ist die freieste der Erde, sie duldet keinen Zwang weder von außen noch von innen; ohne jede Voraussetzung sucht sie die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Die Rechthaberei unserer Gelehrten ward sprichwörtlich, doch sie verträgt sich sehr wohl mit der unbefangenen Anerkennung der wissenschaftlichen Bedeutung des Gegners. Trotz des Kastengeistes, der auch unter unseren Gelehrten spukt, darf ein freier Kopf, der auf dem breitgetretenen Pfade der Schule, zu bedeutenden Ergebnissen gelangt, mit Sicherheit zuletzt auf warme Zustimmung zählen. Der rücksichtslosesten polizeilichen Bevormundung, welche deshalb um so schwerer drückt, weil sie im engsten Kreise und von unnatürlichen Mittelpunkten herab wirkt, ist es trotz allem nicht gelungen, den Drang des Deutschen nach persönlicher Eigenart zu brechen. Daß in allen Fragen des Gewissens ein Jeder für sich selbst allein stehe, ist eine Überzeugung, welche bereits in den untersten Schichten dieses Volkes feste Wurzeln geschlagen. In Zwergstaaten, die jedes anderen Volkes Charakter bis zum Unkenntlichen verkümmern müßten, predigt man der Jugend das Ideal freier Menschenbildung: den rücksichtslosen Wahrheitstrieb, das Werden des Charakters aus sich selbst heraus, harmonische Ausbildung aller menschlichen Gaben. Und wie notwendig Freiheit und Duldung Hand in Hand gehen, so ist auch nirgendwo die Milde gegen Andersdenkende so heimisch wie bei uns; wir haben sie gelernt in der harten Schule jener Religionskriege, welche dieses Volk zum Heile der ganzen Menschheit gefochten hat. Und auch der edelste Segen der inneren Freiheit ist uns geworden: das schöne Maß. Die verwegensten Gedanken über die höchsten Probleme, die den Menschen quälen, sind von Deutschen gedacht, aber nie findet sich bei unseren großen Denkern eine Spur jener fanatischen Verbissenheit, welche die kühnen Köpfe unfreier Völker entstellt: ein Mann, der über das Christentum das excasez l'insame gesprochen hätte, häte bei uns nie als ein Heros des Geistes gelten können. Die menschliche Achtung vor allem Menschlichen ward dem Deutschen zur anderen Natur. Darum stehen, trotz alles Ständehaders, der unser Land zerfleischt hat, die Volksklassen in Deutschland in Sitten und Gedanken einander näher als in Ländern mit freieren Staatsformen. Man sieht dem Deutschen nicht so rasch, wie dem Russen oder dem Briten, von fernher an, wes Volkes Kind er sei, aber wir sind von jeher reich gewesen an eigenartigen Charakteren. Und weil das Volk sich die Freiheit seiner persönlichen Bildung niemals hat rauben lassen, so ruht in seinen Tiefen ein ungehobener Schatz starker nachhaltiger Leidenschaft, den dann und wann ein einsichtiger Fremder, ein Capodistrias, eine Frau von Staël, bewundernd erkannte. Was deutsche Leidenschaft bedeutet, das wird jeder begreifen, der deutsche Dichtungen mit romanischen oder englischen aus der Zeit nach der Puritanerherrschaft vergleichen will: sie hat sich noch anallen Wendepunkten unserer Geschichte bewährt. Das ist der Segen der persönlichen Freiheit." Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe April 1935 |