Grenzen und Befugnisse der Geschichtswissenschaft

Von A. Ritthaler

Ein Vortrag Hermann Onckens über die Wandlungen des Geschichtsbildes in revolutionären Epochen (Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 19/20 vom 13. Januar 1935) hat, indem er hinter eindrucksvollen Beispielen die Frage nach Aufgabe und Grenzen der Geschichtsschreibung überhaupt ahnen ließ, grundsätzliche Betrachtungen darüber in der Öffentlichkeit veranlaßt. Er wurde dabei häufig aufgefaßt als Ausdruck einer durch die Gegenwartserfordernisse überholten, weil lebensuntüchtigen Geschichtswissenschaft. Insbesondere hat Walter Frank, einen vor Jahren unter dem Decknamen Werner Fiedler begonnenen Angriff wieder aufnehmend, in weithin sichtbarer Form (Völkischer Beobachter, 34. Ausgabe, 3. Febr. 35) im Namen, wie er sagt, des geistig ringenden jungen nationalsozialistischen Deutschland gegen ihn als den Vertreter einer innerlich unwahren Objektivität Stellung genommen: es sei Selbstbetrug und Überheblichkeit, jenseits der Zeitgebundenheit der Geschichtsschreibung einen archimedischen Punkt für die Sehweise zu suchen, oder gar zu tun, als hätte man ihn gefunden; die Zeitgebundenheit sei ja gerade die erste Voraussetzung einer Mitwirkung des Historikers an den Schicksalen der Nation, jener objektive Standpunkt aber müsse mit der Relativierung aller Werte erkauft werden. Um diese letzte Behauptung zu stützen, tritt Frank den Beweis an, daß Oncken sich in Haltung und Urteil der herrschenden politischen Konjunktur angepaßt habe.

Auch wenn die Beweisstücke besser gewählt wären — es ist darunter z.B. der Waschzettel zu Onckens Cromwell-Buch, und was würde Walter Frank sagen, wenn man alle Lobeserhebungen in der Reklame für seine Bücher als von ihm stammend ausspräche! —, würde er damit die nicht überzeugen, die Onckens ganzes Lebenswerk vor Augen haben und darin die einheitliche politische Linie sehen, die vor allem in der unbedingten Überordnung der außenpolitischen Gesichtspunkte über die innenpolitischen (worüber man mit dem Politiker Oncken rechten mag), begründet ist. Aber gesetzt auch, Oncken hätte seine Gesinnung gewechselt wie ein Hemd, was wäre denn damit gegen die Auffindbarkeit des Standortes über den Dingen bewiesen? Noch nicht einmal, daß Onckens Geschichtsschreibung der Objektivität entbehre, geschweige denn, daß sie überhaupt unmöglich oder nur um den Preis des Relativismus gewinnbar sei. Dieses unmerklich verschobene Beweisthema ist von allgemeiner Bedeutung, nicht der Angriff auf Oncken selbst, denn daß erst die Lehrer die Leistung der Schüler, später die Schüler nicht ohne Freude an der roten Tinte die Leistungen der Lehrer beurteilen, liegt einmal im Lauf der Dinge.

Wer dem Geschichtsschreiber Fähigkeit und Pflicht zur Objektivität zuschreibt, leugnet damit noch keineswegs jede Zeitgebundenheit. Es kommt darauf an, worin sie bestehen und begründet sein soll. Der Eifer, womit Onckens Gegner seine Verwurzelung im Nationalliberalismus der Jahrhundertwende (die er schwerlich bestreiten wird) zu belegen suchen, zeigt, daß sie die Ursache der Zeitgebundenheit des Geschichtsschreibers in der Person des Geschichtsschreibers suchen: es sei ihm einfach menschlich versagt, sich der Brille einer bestimmten Gedankenwelt zu entledigen. Mindestens müßte man dann zugeben, daß er sie, etwa wenn tiefe Erlebnisse sein Wesen umprägen, gegen eine andere vertauschen kann. Aber in Wahrheit liegt ja die Zeitgebundenheit im Wesen der Geschichte selbst: sie besteht als Wissenschaft überhaupt nur bezogen auf die Gegenwart. Wohl können wir, unabhängig vom Geschehen der eigenen Zeit, Geschehnisse einer älteren zusammenhangslos feststellen; eine innere Beziehung unter einander gewinnen sie aber erst durch die Frage, wie Späteres aus Früherem und, zuletzt im Ganzen betrachtet, Gegenwärtiges aus Vergangenem geworden ist. Geschichte schreiben heißt: die Linien einer Entwicklung sichtbar machen, deren Fortsetzung wir selbst sind. Wie bei einem Roman, der in täglichen Abschnitten erscheint, von jedem neuen Stück Licht auf die schon beiseite gelegten fällt, sodaß manch unscheinbarer Zug, worüber man vorher achtlos hinweggesehen, plötzlich bedeutsam wird, so öffnet uns auch jedes Stück Geschichte, das wir neu dazu erleben, erst die Augen für Vorgänge und Erscheinungen der Vergangenheit, die wir ehedem übersehen oder nicht ernst genug genommen haben. Wir können garnicht anders, als im Einstigen die Ursprünge unserer eigenen Lage suchen, — aber die nächste Generation, vor der ein weiteres Stück des Gewebes aufgerollt ist, wird feststellen, wir hätten manche Fäden im Vergangenheitsgespinst für wichtiger gehalten, als ihnen zukam, nur weil wir selbst noch daran spannen, und wird einen Blick haben für andere, die uns garnicht auffielen, und Dinge betonen, die bei uns nur nebenherliefen, einfach weil sie eine lebendige Beziehung zu ihrem eigenen Leben daran entdeckt. Und jede neue sieht sich wieder neuen Problemen gegenüber und verfolgt sie zurück. Ihr Geschichtsbild wird dadurch anders als alle früheren, ohne deshalb in sich vollkommener zu sein, aber im Zusammenspiel alles dessen, was einmal dem menschlichen Geist aufgegangen ist, wird die Überschau immer klarer und vielseitiger. Schon dem einzelnen Historiker kann sich, wenn sein Leben in inhaltsreiche Jahrzehnte der nationalen Entwicklung fällt, das Geschichtsbild seiner Jugend in ein neu geoffenbartes ganz oder teilweise wandeln, so wie Ranke seine Preußische Geschichte nach der Reichsgründung mit neuen Fragestellungen und Linienführungen neu schrieb; er braucht dann nicht das Frühere zum alten Eisen zu werfen, er kann die Geschichtsbilder andererseits auch nicht mechanisch summieren, er muß eins durch das andere ergänzen und bereichern lassen. Und in diesem Sinn kann jedes Geschichtsbild von den folgenden Epochen fruchtbar gemacht werden. Daß es an seine Zeit gebunden war, die politisch inzwischen überwunden ist, macht seine Austilgung noch nicht zum wissenschaftlichen Bedürfnis; die neue Zeit mag ihm ihr Geschichtsbild, vertrauend auf seinen eigenen Wert, entgegensetzen und seine Zeitgebundenheit wird die des früheren deutlich hervortreten lassen und ihre Folgen außer Kraft setzen.

Nichts anderes ist die Mitwirkung am Gegenwartsleben der Nation, wozu der Geschichtsschreiber in dieser seiner Eigenschaft berufen ist, als: die Ansicht der Geschichte, wie sie sich ihm nach den besonderen Bedingungen seiner Zeit enthüllt, seinem Volk darzubieten als Beitrag zur Klärung seines Werdens und Wollens. Sein Wahrnehmungs- und Fassungsvermögen für die Züge der Vergangenheit wird desto größer sein, je aufgeschlossener er den Fragen seiner politischen und kulturellen Umwelt ist. Ob er daran handelnd oder beobachtend teilnimmt, darnach mag man (mit Walter Franks Ausdrücken) den "Historiker des Kampfes" vom "Historiker der Kontemplation" unterscheiden. Aber dieser Unterschied bedeutet nicht eine verschiedene Einstellung zum Beruf des Geschichtsschreibers, er führt nur häufig zu einer verschiedenen Zwecksetzung für seine Arbeit.

Die Zwecksetzung liegt hier wie überall außerhalb des Bereichs der Wissenschaft selbst. Man kann in der Geschichte forschen, um sich persönlich ein Weltbild zu erarbeiten, um in Menschenseelen einzudringen, um Staatsordnungen anzugreifen oder zu verteidigen, um dem Volk ehrwürdige Vorbilder zu zeigen, um die Verdienste der eigenen Ahnen klarzustellen, um die Vertreter und Lehren einer Kirche anzuklagen oder zu rechtfertigen, — und aus jedem dieser Motive kann eine Leistung erbracht werden, die wahrhafte Geschichtsschreibung ist. Das Verlangen, durch Veranschaulichung der Vergangenheit am politischen Willen seiner Zeitgenossen mitzuformen, war bei Treitschke zu ganz anderen Gluten entfacht als bei Ranke; aber auch dieser hat seine Geschichtsschreibung willig in den Dienst politischer Bestrebungen gestellt ohne das Gefühl, damit ihrem Wesen untreu zu werden; Oncken seinerseits ist ein Beispiel dafür, wie politischer Zeitenwandel die Zwecksetzung des Historikers verschieben kann: wenn er sich auch niemals der Förderung politischer Aufgaben durch geschichtliche Darstellung entzog, so hat doch erst nach dem Weltkrieg ein eindeutig politischer Gesichtspunkt, der Kampf gegen die Kriegsschuldlüge, die Richtung seines Forschens bestimmt.

Aber während bei den meisten anderen Wissenschaften die Zwecksetzung ohne Rückwirkung auf den Inhalt bleibt, während sich z.B. die Leistung des Naturforschers vollzieht unberührt davon, ob er eine chemische Verbindung im Dienst der Heilkunde oder der Kriegsführung erstrebt, können sich die Beweggründe, die den Geschichtsschreiber zu seinem Stoff führen, in dessen Behandlung geltend machen. Wir denken dabei natürlich nicht an den Armseligen, der sich die Tatsachen für seine Zwecke zurechtbiegt; dieser verkennt ja, daß er ihnen doch nur mit Wahrheit wirklich zu Hilfe kommt, durch Unwahrheit bestenfalls Scheinvorteile erringt, und dieser Irrtum schließt ihn aus aller Wissenschaft aus. Wir sprechen nur von jenem Einfluß der Zwecksetzung, der dem Historiker selbst kaum bewußt wird. Wenn sich, wie wir sehen, seine Blickweite und -schärfe notwendig nach der Fülle der Probleme bemißt, die seine eigene Zeit an ihn heranträgt, so wird eine Gewichtsverlegung auf ganz bestimmte unter diesen Zeitproblemen (und die ist doch in jeder Zwecksetzung enthalten) nur zu leicht auf dem Feld der Vergangenheit den Blick auf das einengen, was damit in Verbindung zu bringen ist, oder auch dazu verführen, es künstlich damit in Verbindung zu bringen. So hat Treitschke, indem seine Gedanken ständig um politische Wunschbilder kreisten, deren Erfüllung er auch mit seiner Geschichtsdarstellung unterstützen wollte, in ganze Jahrhunderte eine Zielstrebigkeit auf diese seine Ideale zu hineingelesen, die Herkunft und Tragweite der Gegenströmungen verkannt und sie nur in der undankbaren Rolle derer gezeigt, die sich dem Geist der Geschichte entgegenstemmten. Versuchungen solcher Art sind die Vorbelastung, die alle "kämpferische Wissenschaft" zu überwinden hat. Der Weg zur Überwindung, das Gegengewicht gegen die Rückwirkung der Zwecksetzung, ist eben das, was Frank "Relativismus", Oncken "das Amt des Begreifens" nennt.

Relativismus ist der Verzicht auf unbedingte Maßstäbe. Der Historiker, der ihn für alle Seiten des Lebens durchgeführt hätte, wäre untauglich zu seinem Werk; er liefe zwar nicht Gefahr, aus Zu- oder Abneigung gegen die Gerechtigkeit zu verstoßen, wie aber sollte er Kraft und Rang von Menschen und Bewegungen ermessen, die ihren Antrieb von solchen Unbedingtheiten empfingen? Onckens Tätigkeit als Politiker wie als akademischer Lehrer ist Beweis genug, daß er zu diesen Menschen ohne festen Standpunkt in den höchsten Lebensfragen nicht gehört. Seine Schüler werden bezeugen, daß er ihn dort nie verhehlt hat, wo Klarheit darüber erforderlich war. Und wenn es sonst keine Zeugnisse gäbe, würden die Kaiserrede von 1913 und die Verfassungsrede von 1929, die Frank einander als Gegensätze gegenüberstellt, ein gleichgebliebenes verfassungs- und sozialpolitisches Ideal verraten. Aber welche Rolle spielen denn für den Geschichtsschreiber die Maßstäbe der religiösen Wahrheit, des sittlichen Sollens, der nationalen oder sozialen Erwünschtheit? Die Werturteile, die sie begründen, müssen ja immer wieder gefällt werden, wenn ein Volk auf der rechten Bahn bleiben soll, aber das gehört nicht zum Beruf des Historikers, sondern er teilt das Recht dazu mit jedem, den der Besitz solcher Maßstäbe verpflichtet, sie anzulegen. Seine Aufgabe ist es, die Unterlagen der Urteilsbildung zu beschaffen, und höchstens daraus mag er ein Vorrecht herleiten, daß er sie doch noch tiefer durchschaut als jeder andere, dem seine Darstellung sie erst vermittelt. Niemand wird ihm auch wehren, die Anwendung jener Maßstäbe unmittelbar mit der Ausbreitung der Unterlagen zu verbinden, — aber wie sollten in jene bei der Aufhellung und Verbindung der Hergänge leiten können? Auch sie sind ja, indem sie ebenso wie die Zwecksetzung immer wieder bestimmte Fragestellungen in den Vordergrund rücken, eher dazu angetan, die Sehkraft und -weite über das Unvermeidliche hinaus einzuschränken als sie zu steigern. Die mißtrauische Frage, von welchem Standpunkt aus einer an die Geschichte herangetreten sei, ist gerade darum berechtigt, weil bei schwächeren Menschen die unbedingten Maßstäbe leicht zur Blickverengung führen. Sie sind eben nicht da, um die Erkenntnis zu fördern, sondern um das Erkannte zu ordnen und seinen Gebrauch zu regeln. Wir müssen uns der Grenzlinie zwischen dem Erringen der Erkenntnis und ihrer Verwertung wieder mehr bewußt werden, wie sie Ranke an der Schwelle seines Wirkens in vielberufenen und vielmißdeuteten Worten gezogen hat: "Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen. So hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht, er will bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen." Natürlich verkannte Ranke die erzieherische Bedeutung der Geschichte nicht, er war sogar so fest von ihr überzeugt, daß er glaubte, schon das rein tatsächliche Aufzeigen der geschichtlichen Entwicklung genüge, um der Gegenwart den Weg zu weisen; aber er schied sauber die Aufgaben und Verfahrensarten der Geschichtswissenschaft und der Volkserziehung.

Man ist also nicht Relativist, wenn man, solange man im Erkenntnissuchen steht — und dies bedeutet wohl das Wort "zunächst" in Onckens von Frank angeführten Sätzen — nicht jene Maßstäbe gezückt hält, sondern möglichst unabhängig davon die Erscheinungen zu verstehen trachtet: alles verstehen heßt vielleicht alles verzeihen, aber ganz gewiß nicht alles gutheißen. Wir haben gezeigt, welche Hemmungen sich für dieses Verstehen aus der wesenhaften Zeitgebundenheit der Geschichte ergeben: unser Auge sieht alles, was sich zur eigenen Gegenwart unmittelbar in Beziehung setzen läßt, ungleich plastischer als andres. Aber die Gewißheit, daß es auch solche Beziehungen aus älterer in jüngere Vergangenheit gab, die uns nicht mehr greifbar, und in die Zukunft gibt, die uns noch nicht offenbar sind, stellt uns die Aufgabe, die bewegenden Kräfte und die Träger des Weltgeschehens auf die Möglichkeiten zu untersuchen, die in sie gelegt sind, kurzum: ein inneres Gesetz der Dinge zu ergründen. Das Recht, dieser Prüfung unterzogen zu werden, erlangt in der Tat jede geschichtliche Erscheinung einfach dadurch, daß sie da ist und ferneres Dasein verspricht. Diese Betrachtungsweise ist nicht kalte Überbewertung der Macht als solcher, losgelöst von allem Inhalt, und noch weniger Anbetung des Erfolgs, sondern Ehrfurcht vor dem Wachstumsgeheimnis der Geschichte, und es kommt nicht darauf an, ob man davon in den religiösen Ausdrucksformen spricht, die Rankes Empfinden nahe lagen.

Zugegeben, daß die Forschung, wenn sie so an der Werkstatt der Geschichte selbst zu lauschen sucht, bescheiden vom Ausmaß dessen denken muß, was sie enträtseln kann, so findet sie hierin doch die Kraft, sich über die Sehstörungen zu erheben, die nicht dem Wesen der Geschichtswissenschaft entstammen, und gewinnt damit das Recht, jene Wandlungen des Geschichtsbildes, die solchen Trübungen unterworfen sind, Grenzen zu setzen und Bahnen zu weisen.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe April 1935

   
 
 
 
 
 
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