Harmonie der Gegensätze

Die gesamtdeutsche Geschichtsbetrachtung, die eine Voraussetzung des gesamtdeutschen Reichs ist, verlangt an vielen Stellen, wo bisher ein "Entweder-Oder" stand, ein "Sowohl-als auch". Die materialistische wie individualistische Geschichtsauffassung wollen beide des nicht wahr haben. Der Materialist glaubt, daß Weltgeschichte zwangsläufig abrolle, der Individualist, daß sie willkürlich bestimmbar sei. Darum kennt jener überhaupt keine Wertung geschichtlicher Vorgänge, dieser nur eine solche nach einzelmenschlichen Maßstäben. In Wahrheit empfangen die großen Lebewesen, die wir Völker nennen, das Gesetz ihres Verhaltens doch nur zum kleineren Teil von den Menschen an ihrer Spitze, zum größeren liegt es in ihnen selbst, in ihrer seelischen Artung und in den äußeren Umständen, die ihnen von Natur beschieden sind. Die Rolle staatsmännischer Persönlichkeiten ist es, diese innewohnende Gesetzlichkeit zu ahnen, ehe sie andern offenbar ist, und ihr zum Durchbruch zu verhelfen auch gegen die Menge und den Zufall. Als Vollstrecker unausweichlicher Daseinsforderungen der Nation können leidenschaftliche Gegner gleichmäßig "recht haben", können beide einen "deutschen Beruf" erfüllen, wenn die gesamtnationale Entwicklung einen Punkt erreicht hat, wo sie nach zwei Seiten hin vorangetrieben sein will.

Es gibt Leute, die sich gern darüber den Kopf zerbrechen, was geworden wäre, wenn Friedrich der Große und Maria Theresia sich — geheiratet hätten. So banal diese Fragestellung ist, so spricht daraus doch das Bedürfnis, auch diesen nächst der Reformation einschneidensten Gegensatz unserer Geschichte in ein Zusammenwirken sich verwandelt zu denken. Sollte das aber nicht auf eine minder naive Art möglich sein?

Je vollständiger der österreichische Staat die Idee verwirklicht hatte, in der er begründet war, Bollwerk und Ausfallstor des Reichs nach dem Südosten zu sein, desto mehr war er aus dem Reich hinausgewachsen, war für sich allein zur europäischen Großmacht geworden, die ihren eigenen Bedürfnissen statt denen des Reiches zu folgen hatte. So wesentlich die Dienste waren, die er auch jetzt noch Gesamtdeutschland leistete, es mußte dort, wo er die Nation nicht schützen, ihre frischen Kräfte nicht zur Betätigung führen konnte, im Norden und Nordosten, ein neues Kraftzentrum entstehen. Auch einem so tüchtigen, mit außerordentlichen Begabungen gesegneten Fürstengeschlecht wie dem der Hohenzollern wäre es versagt geblieben, seinen Staat emporzubringen, wenn nicht gerade an dieser Stelle eine Sendung für Mitteleuropa zu erfüllen gewesen wäre, wichtig genug, den Lebensinhalt einer Großmacht zu bilden. Als der jüngere Staat mußte Preußen seinen Aufstieg auf Kosten des mächtigen Nachbarn vollziehen; aber gerade dadurch wuchs es nicht wie Österreich aus dem Reiche hinaus, sondern in das Reich hinein.

Eine Gefahr drohte auf diesem Wege: daß durch das Anwachsen des einen, das Beschneiden des andern der Großstaaten und durch Beutebeteiligung der kleineren vier oder fünf annähernd gleich starke politische Gebilde entstünden, die das Ausland mühelos gegeneinander ausspielen konnte. Nichts haben die Franzosen vom Westfälischen Frieden bis zum Ruhreinbruch inbrünstiger ersehnt, als ein solch mehrseitiges innerdeutsches Kräftegleichgewicht, da sie zu Schiedsrichtern in Mitteleuropa machen mußte. Als die junge Erbin Karls VI. den Thron bestieg, glaubte sich Kardinal Fleury, hierin einer der geistigen Vorfahren Poincarés, nahe am Ziel.

In der Verhinderung dieses französischen Wunschbildes hat Ranke die historische Rolle Friedrichs des Großen gesehen. Aber muß man nicht dieselbe Bedeutung Maria Theresia zubilligen? Da die beiden doch einmal nicht Verbündete sein konnten, so war der österreichische Widerstand gegen die Koalition des ersten und zweiten Schlesischen Krieges kaum minder notwendig zur Verhütung jenes Übels als die Selbstbehauptung Preußens nachher im Siebenjährigen: ohne die Gegenwehr Österreichs wäre unter Mitwirkung Bayerns der Süden Deutschlands dem französischen Ideal angenähert worden, ohne das Durchhalten Preußens unter Beteiligung Sachsens der Norden.

Maria Theresia ragte nicht wie ihr Gegner zur Genialität empor; desto erstaunlicher ist, wie sie ihrer historischen Aufgabe gerecht ward.

Es war das Gefühl der Verbundenheit mit der Lebensarbeit der Ahnen, wie es eine uralte Krone verleiht, was in der jungen Regentin den zähen Willen zum Widerstand schuf. Es war der Geltungsdrang eines in mühevoller Erziehungsarbeit geweckten Staatsgedankens, was Friedrich gegen sie ins Feld führte. Indem sie miteinander rangen, wandelten sie die alten Formen des Reichs, die Kräfte wurden neu verteilt, die Grundrisse anders gelegt. Aber es blieb, da keiner den andern ganz überwältigte, ein von innen heraus, durch deutsche Großmächte beherschtes Feld statt eines von außen bestimmbaren Kräftespiels, wie es sich Frankreich erträumte.

Haben wir hier das anschauliche Beispiel eines politisch fruchtbaren Gegensatzes vor uns, so ist die Bekenntnisspaltung in der Reformation dasselbe nach der seelischen und geistigen Seite hin. Ihre Auswirkung hat Erich Marcks, der bekannte Biograph Colignys und Bismarcks, einmal gekennzeichnet: "Die Gegensätze rieben sich schmerzhaft, aber Reibung erzeugt Wärme. Es war eine Kraft der Vielheit, störend und manchmal zerstörend, aber zugleich belebend; es wurde uns Deutschen besser und schlimmer zugleich als dem einheitlichen Frankreich, das auch den protestantischen Sondertrieb zuletzt aus seinem Dasein ausmerzte und dessen unbedingte Einheit so großartig war und doch eine Gefahr des Todes, der Starrheit in sich barg. In Deutschland kennen wir es anders: viele Ströme, die gegeneinander stoßen, aber Mannigfaltigkeit und Eigenart überall."

Der Reibung verdanken wir die geistige Höhenlage beider Bekenntnisse in Deutschland: der Grad der Gemütstiefe, Gewissensstrenge und Durchdringung, die etwa den deutschen Katholizismus vom romantischen abhebt, ist zwar schon im deutschen Wesen als solchem begründet, wäre aber doch ohne die ständige Notwendigkeit der Auseinandersetzung und Bewährung nicht denkbar. Die Bestätigung dieser Behauptung erbringt jeder Blick in das Leben der beiderseitigen Diaspora.

Der Spaltung verdanken wir ferner den doppelten deutschen Kulturstrom, desgleichen wohl kein Volk sonst aufzuweisen hat: in unlösbarer Verflechtung mit stammlicher und landwirtschaftlicher Besonderheit bringen katholische und protestantische Art wesensverschiedene, aber gleichwertige Blüten der bildenden Kunst, der Dichtung, Musik und Philosophie zur Entfaltung. Hätten wir Bach ohne streng protestantische, Mozart ohne ausgesprochen katholische Gläubigkeit?

Der konfessionellen Teilung verdankt endlich das deutsche Volk eine zweifache geistig-politische Aufgabe und Wirkungsmöglichkeit. Im katholischen Weltbild wurzelte das mittelalterliche Reich, das Deutschland zum Mittelpunkt einer gesamteuropäischen Ordnung machte. Als es dann seinen universalen Sinn und damit fortschreitend auch seine Machtstellung verlor, traten auf dem Boden des Protestantismus die staatsildenden Kräfte hervor, die eine neue Machtansammlung ermöglichten. So sind Moritz von Sachsen und Frundsberg, der Große Kurfürst und Prinz Eugen, Friedrich der Große und Maria Theresia nicht unversöhnliche Gegensätze, sondern gleich unentehrliche Seiten unserer geschichtlichen Entwicklung. Wenn nun auch der preußische Staats- und der deutsche Reichsgedanke seit dem Feldherrn von Stein und dann vor allem in Bismarck sich zu verschmelzen begonnen haben, so bleiben doch bis heute beide Linien der Vorstellung von der künftigen Gestaltung unserer nationalen Lebensformen wirksam. Weder auf die vom mächtigen Staat noch auf die vom Reich können wir verzichten.


Auch von dem Wahne müsse wir uns freihalten, daß ein Vergangenes, Abgelaufenes sich, wie es war, herstellen lasse. Aber wer eine lebendige Anschauung der Zeiten besitzt, wer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Eins zu sehen weiß, wird solchen Wahn nicht hegen, sondern nur ein organisches Hervorbilden der letzteren aus den beiden ersteren meinen, welches vom Nachahmen weit entfernt ist.

J. v. Görres

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe September 1934

   
 
 
 
 
 
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