Stimmen und Urteile: Der christliche Gedanke in der Gegenwart.

Professor Max Buchner, dessen Arbeit in seinen "Gelben Heften" uns von wachsender Bedeutung zu sein scheint, setzt sich im Septemberheft seiner Zeitschrift mit diesem Thema auseinander. Wir entnehmen seinem Aufsatz "Rückblick und Ausblick" folgende Stellen und empfehlen damit neuerdings die "Gelben Hefte" besonderer Beachtung.

Es scheint uns das große historische Ereignis, das seine Wellenkreise das ganze 19. Jahrhundert hindurch gezogen hat, unter dessen Einwirkung so ganz auch noch die unselige deutsche Reichstagsmehrheit während der letzen anderthalb Kriegsjahre, erst recht die Revolutionäre von 1918 sowie die Väter der Weimarer Verfassung von 1919 gestanden haben, die Französische Revolution von 1789 zu sein, wobei wir natürlich nicht vergessen, daß das geistige Fundament dieser politischen Erscheinung selber die Philosophie Englands und Frankreichs während der vorausgegangenen Jahrzehnte darstellt. Denn die letzte Frage, um die es ging, war eben doch die Frage, ob der Mensch autonom sei oder ob er sich als abhängig bekennen müsse von einem höchsten, transzendentalen Wesen — von Gott, zugleich aber auch von der von Gott und nicht vom Volke gesetzten Obrigkeit. Religiöse und kirchliche Fragen hatten zwar auch in früheren Jahrhunderten das politische Leben durchzittert — man denke an die Kämpfe zwischen aiser und Papst im hohen Mittelalter, an die Glaubensspaltung und die Verneinung einer irdischen Vermittlung zwischen Mensch und Gott seitens der Reformatoren, an die gewaltige Bewegung des Jasenismus in Frankreich (um nur einiges anzuführen) — aber die tiefste und letzte Bindung des Menschen, seine Abhängigkeit von einem persönlichen Gott, hatte doch keine der großen, politisch bedeutsamen Bewegungen — und nur um solche, nicht um die Doktrin einzelner Köpfe geht es hier — in Abrede zu stellen gewagt. Die Reformation hat die Kirchen, die sie dem Katholizismus abgenommen hatte, in evangelische Gotteshäuser umgewandelt — die Französische Revolution dagegen hat sie geschlossen, bis ihr Sohn und ihr sieghafter Bändiger, der große Korse, sie wieder öffnete — genau so, wie auch die jüngste erwachsene Tochter der Französischen Revolution, die Sowjetregierung, seit Jahren hunderte und tausende Gotteshäuser geschlossen hält oder in rein humanitäre Anstalten verwandelt hat; auch sie werden einstens dem christlichen Glauben wieder zurückgegeben. — Die Französische Revolution hat die Autonomie des Menschen verkündet, hat diese in das Zentrum gestellt, in dem bis dahin die Gottheit gestanden hatte, hat die "Humanität" und all das, was in ihren Interessenskreis gehörte, Karitas und Wohlfahrtspflege, Vervollkommnung der Technik und Fortschritt der Wissenschaft, Pflege der Kunst um des Menschen und nicht um seines Schöpfers willen, Ansammlung von Reichtümern seitens des einzelnen, von staatlicher Macht seitens der Allgemeinheit, als Götzenbilder aufgerichtet. Natürlich hatte diese Tendenz nicht sogleich alle Volksschichten erfaßt; in erster Linie waren es allzeit die Spitzen des Volkes, nicht so sehr seine großen Massen, die sich dieser Strömung hingaben. Das Dogma vom omnipotenten Staat spukte naturgemäß am stärksten bei den obersten Staatswürdenträgern selber — man denke an einen Montagelas in Bayern, an einen Hardenberg in Preußen. Gerade die Elemente auf der "Menschheit Höhen" waren den Einflüssen des vom aufklärerischen Westen ausgehenden "fortschrittlichen" Geistes am meisten ausgesetzt — Wissenschaftler und Künstler, Dichter und Gelehrte. Natürlich waren auch die Gegenkräfte noch am Leben. Ein Napoleon wußte sie zu schätzen, weil er wußte, daß es unmöglich ist, ein Volk ohne Gottesglauben zu regieren. So wurde die Religion vielfach zum Zweck — man wußte sie auch da zu schätzen, wo man sie nicht mehr um ihrer selbst willen pflegen zu müssen glaubte. Man denke auch an das Italien des Faschismus! — Natürlich ergab sich so vielfach ein gewaltiger Abstand zwischen christlichem Ideal und geschichtlicher Wirklichkeit, es ergab sich jener Zustand, den Höhe mit Recht als innere Unwahrheit, als Heuchelei geißelt. Aber es scheint uns doch eine Folge allzu idealer Sicht zu sein, wenn man dem Bestehen eines solchen Zustandes gleich ein "ehrliches Heidentum" vorzieht. Denn man übersieht bei dieser Wertung, daß ja Heuchler schließlich nur die wenigen sind, die Wasser predigen und selber Wein trinken, während doch die Millionen, die sie regieren, auch in der Aera eines mehr oder minder "geheuchelten" Christentums ehrliche und wirkliche Christen sind, ihren Herrgott nach bestem Wissen und Gewissen dienen und so den Weg zu ihm finden. Wer das Christentum für die Spitzen der Gesellschaft entbehrlich hält, hat gewiß nicht seine wahre Bedeutung erkannt, ganz abgesehen davon, daß er die Erfahrung vergißt, daß, was heute die dünnste Oberschicht für sich beansprucht und was sie für sich entbehrlich hält, morgen schon von der breiteren Mittelschicht und übermorgen von den großen Massen beansprucht oder aber über Bord geworfen wird. Er versündigt sich daher mindestens an der Zukunft seines Volkes. Wer aber den christlichen Glauben den großen Massen unmittelbar nehmen will, der begeht erst recht ein Verbrechen, ein Verbrechen schon an der lebenden Generation. Und das war ja doch die himmelschreiende Sünde jener gelehrten Herren, dß sie durch die "Popularisierung" ihrer dem christlichen Glauben scheinbar die Fundamente entziehenden "Wissenschaft" dem Volke bewußt die Religion nehmen wollten! Es braucht nicht eigens betont zu werden, daß wir die größte Hochachtung empfinden vor dem Gelehrten, der wirklich in stiller, entsagungsvoller Arbeit der Wissenschaft zu dienen sucht, daß wir auch die Tragik der Konflikte voll würdigen können, in welche er nach Umständen kommen mag ,wenn er zu Ergebnissen gelangen sollte, welche der Lehre seiner Kirche nicht konform sind. Wir wissen, daß in der Kirchen- wie in der Gelehrtengeschichte solche Konflikte nicht fehlen, obgleich kein wirklicher Gegensatz bestehen kann zwischen echter Wissenschaft und wahrer Kirchlichkeit, und obgleich daher solche Konflikte in der Regel nur darin begründet sein dürften, daß entweder die Wissenschaft oder aber die Theologie die Grenzen ihres Bereichs überschritten hat. Das letzte Urteil wird in solchen Fällen unser Herrgott sprechen. Unter den Menschen aber wird es gelten, die Spannungen zwischen Glauben und Wissen nicht unnötig zu vergrößern. Wer etwa von dem Streit über das heliozentrische Problem handelt, der sollte auch nicht vergessen, daß Kopernikus nicht, wie die kürzlich ein Redner zu behaupten sich leistete, "auf dem Scheiterhaufen", sondern als gläubiger Domherr und Bistumsverweser in Frauenburg gestorben ist. Eben das aber war die große Schuld von so manchen Gelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts, daß sie es nicht selten darauf abgesehen hatten, das Volk vom Geiste des Christentums zu "befreien", unsern Herrgott zu entthronen, um dann selbst die oberste Stelle einnehmen zu können in einer diesseits gerichteten Kultur. Es ist doch gar nicht zu bestreiten, daß die Entchristlichung unserer Kultur schon lange, lange vor dem Weltkrieg eingesetzt hatte. Natürlich mag sie infolge dieses furchtbaren Ereignisses noch ganz andere Dimensionen als vorher angenommen haben. Aber schief dürfte doch die Meinung sein, daß vor allem die Menschen, "die durch die Hölle des Weltkrieges gegangen sind, die unter dem Zeichen des Kreuzes in einen unchristlichen Bruderkrieg gehetzt wurden, denen auch das Ende des Krieges keinen gerechten Frieden" brachte, zum Motor einer Entchristlichung unserer Kultur geworden seien. Tatsächlich war es doch so: der Kriegsbeginn hatte in allen Landen die stärkste Wiederbelebung des Glaubens, des Bewußtseins des Zusammenhangs des einzelnen mit seiner Kirche, gebracht. In Deutschland insbesondere hatten die Worte, die der Kaiser bei Kriegsausbruch am 1. August 1914 zu den Volksmassen, die ihm zujubelten, vom Balkon des Berliner Schlosses aus gesprochen hatte: "Jetzt geht in die Kirchen und betet zu Gott um Segen für unser braves Heer" nicht bloß dem tiefreligiösen Sinn dieses Monarchen entsprochen, sondern auch der Stimmung, die durch unser Volk wie ein geistiges Fluidum ging und die keinen Gegensatz empfand zwischen christlichem Glauben und Kampf zum Schutze der Heimaterde. Ein frommer Priester hat es geschildert, wie er damals im Kreise seiner Mitbrüder von diesem Kaiserwort gehört habe und wie ihm und seinen Mitbrüdern durch jene Kundgebung des deutschen Kaisers "das Furchtbare, das nun seinen Lauf begonnen hatte, hinaufgehoben war in die ewige Welt Gottes, hineingestellt in das Licht des Glaubens. Die Schwere des Krieges schien gemildert und verklärt durch die vertrauensvolle Empfehlung an den Gott der Vorsehung und der Weltregierung". Wenn diese Einstellung zum Kriege bei vielen nicht in die vier langen Kriegsjahre durchhielt, dann war das zwar nicht ausschließlich, aber doch auch mit ein Erfolg der christentumsfeindlichen Elemente, die längst vor dem Krieg das Erdreich christlichen Denkens aufgelockert und ihren eingen Samen in dasselbe gestreut hatten; es war ganz besonders die Frucht der rührigen Tätigkeit derer, die schon bald nach Kriegsbeginn hinter der Front neuerdings gegen Kreuz und Krone zugleich zu wühlen begannen. Alte Gedanken wurden wieder lebendig, alte Stimmen wieder laut; man rief in den langen, langen Stunden erzwungener Muße wieder die alten Geister und suchte bei ihnen Antwort auf die großen Fragen, die natürlich nahelagen und immer wieder neu gestellt wurden, obgleich sie zu Beginn des Krieges schon in der Predigt des einfachsten Feldgeistlichen eine Lösung gefunden zu haben schienen. So entstanden — allerdings begreiflicherweise! — auch in den Reihen der Feldgrauen dem christlichen Glauben neue Zweifler. Dabei ist indes sehr zu beachten, daß diese Entwicklung nicht von der Front ausging und ihren Weg über die Etappe in die Heimat nahm, sondern daß sie umgekehrt in der Regel zuerst die Heimat und vor allem die Etappe, erst ganz am Ende die Front oder, richtiger gesagt, Teile der Front erfaßte. Denn es ist höchst beachtenswert, was ein so erfahrener Kenner der Soldatenpsyche, wie der Generalstabschef der Armee Kronprinz, Graf von der Schulenburg, er war, noch unmittelbar am Ende des Weltkrieges in entscheidungsvoller Stunde in Spaa feststellen konnte: Die Hauptbücher, die man bei den Leuten an der Front am meisten anträfe, seine die Bibel und das Gesangbuch. Hochgespanntes Pflichtgefühl und tiefe Religiosität gingen Hand in Hand.

Daß auch die Herren Politiker und Diplomaten ein gerüttelt Maß von Schuld an der Entchristlichung des Abendlandes tragen, daß ihre Politik nicht selten des christlichen Gewissens entbehrte, kann nicht geleugnet werden. Ihnen alle Schuld aufbürden zu wollen, geht aber weit über das Ziel! Was die Politiker und Diplomaten taten und tun zu müssen glaubten, war ja selbst meist nichts anderes als ein Niederschlag der Anschauungen und Lehren vom Staate und seinen Zwecken, die nicht sie selber, sondern die Männer des Geisteslebens, die Herren von der Wissenschaft aufgestellt hatten. Man denke nur an die den Staat vergötternde Philosophie eines Hegel! Wo der Staat im Dienste Gottes steht, im Dienst eines persönlichen, immanenten Gottes, da wird die Religion nie zur Magd des Staates mißbraucht werden. Dem Vater Friedrichs d. Gr., König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, war seine ganze Regierung Gottesdienst. Als dieser König zum Sterben sich niederlegt, da verfügt er u.a., daß von seinem "Leben und Wandel, auch Faktis und Personalien" kein Wort gesprochen werde, daß aber dem Volke kundgemacht werden solle, daß er selber "solches expresse verboten hätte, mit dem Beifügen, daß Ich als ein großer und armer Sünder stürbe, der aber Gnade bei seinem Gott und Heiland gesuchet. Überhaupt soll man Mich in solchen Leichenpredigten zwar nicht verachten, aber auch nicht loben." Welche Größe, welches wahre Christentum! Wenn ein Staat und sein Oberhaupt wirklich vom Geiste des Christentums durchdrungen sind, dann wird auch die Politik dieses Staates eine christliche Politik sein, werden die Gebote christlicher Gerechtigkeit und christlicher Sittlichkeit, die Pflichten christlicher Nächstenliebe und sozialen Sinnes nie aus dem Auge verloren werden.

Dabei scheint mir freilich betont werden zu müssen, daß sich der Geist des Christentums keineswegs in "Humanität" erschöpft. Unter der Flagge des Humanitätsgedankens wurde nicht selten gegen das Chistentum gewühlt, wurde dieses oft und oft verwässert und verflüchtigt. "Humanität" pflegten auch solche Kreise, welche den Menschen anstatt Gottes in das Zentrum all ihrer Bestrebungen rückten. Daher scheint uns die Pflege der Humanität den Forderungen wirklicher christlicher Gesinnung noch keineswegs voll zu genügen. Das Wesen des positiven Christentums beruht vielmehr in der unbedingten Anerkennung einer über ihm stehenden Gottheit, die in der Person Jesu Christi uns erlöset hat. Dieser Fundamentalgedanke des Christentums ist seit der Französischen Revolution im öffentlichen Leben, wenn überhaupt, so doch meist nur mehr unklar, verschwommen zum Ausdruck gekommen. Die Revolution von 1918 hat erst recht diese Grundlage der christlichen Staatsidee ins Wanken gebracht — Weimar bekannte sich zu der von der katholischen Kirche stets als Häresie gebrandmarkten Doktrin des "souveränen Volkes". Wenn die nationale Revolution von 1933 den Gegenpol hierzu darstellen und konservatives Erbgut, wie ein solches namentlich die Idee von Blut und Boden doch zweifellos bedeutet, wieder zur Anerkennung bringen will, so muß ihr Hauptziel auf die Wiedergewinnung der Kulturwelt für den christliche Gedanken gerichtet sein. Mit seiner Erhebung im Jahre 1933 hat das deutsche Volk eine Frontstellung gegen den Bolschewismus eingenommen. Die Betonung der staatlichen Totalität seitens des Nationalsozialismus bringt allein schon die Alternative mit sich, daß dieser neue Staat entweder eine bewußt atheistisch oder aber eine bewußt religiös gerichtete Gemeinschaft darstellt, wobei auf Grund der geschichtlichen Entwicklung die bestimmende Religion nur das Christentum in Gestalt seiner beiden großen Konfessionen in Deutschland, des Protestantismus und Katholizismus, sein kann.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Oktober 1935

   
 
 
 
 
 
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