"Travailler pour le roi de Prusse" - Gegen die Verteufelung Preußens und der preußischen Tugenden in unserer Zeit

Von Julius H. Schoeps

Meine Damen und Herren,

zunächst muss ich Sie warnen. Das Thema, mit dem wir uns heute Abend beschäftigen, wird seiner Sperrigkeit wegen von vielen als antiquiert und vorgestrig angesehen. Der Referent, der vor Ihnen steht, ist sich dessen sehr wohl bewusst, behauptet aber trotzdem, dass man Preußen und den „Preußischen Tugenden“ auch heute noch durchaus positive Bezüge abgewinnen kann.

Bevor ich für diese Behauptung in die Beweisführung eintrete, möchte ich allerdings die gängigen Vorstellungen von Preußen etwas genauer unter die Lupe nehmen und fragen, o das Bild, das wir von Preußen und dem Preußentum haben zutreffend ist oder nicht. Das ist sicher keine neue Frage, aber sie zu stellen ist notwendig, wenn wir uns mit der Frage der Aktualität der „Preußischen Tugenden“ auseinandersetzen wollen.

Bereits 1914 hat man versucht, in einer damals renommierten Kulturzeitschrift Antworten auf die Frage zu geben, welche Bilder und Vorstellungen über Preußen und Preußentum im Umlauf sind:

Die einen stellen sich vor: Junker mit Reitstiefeln und Hundepeitschen, die jährlich nur ein Buch kaufen, den Kalender. Polnische Zuckerrübenhacker, elende Schulhäuser, hungernde Lehrer. Leutnants mit schnarrender Stimme, schnauzende Unteroffiziere, schneidige Staatsanwälte. Pastoren, die an einen leibhaftigen Teufel mit Schwanz und Pferdefuss glauben. Jeder zweite Einwohner ein Schutzmann. Siegesalle, Himmeldonnerwetterpolitik. Und wenn man Münchener ist: das Land, von dem viele Sachsen kommen.

Die anderen: Pünktliche Eisenbahnen, saubere Strassen, flottes Geschäft, stramme Haltung, aufgeweckte Jungen und Mädel. Lustige Militärmusik. Prompte, wenn auch schnoddrige Zungenfertigkeit, unternehmenslustig zupackende Hände, kräftige Ellenbogen.

Die dritten: Mannentreue gegen den gnädigsten Kurfürsten und Herren. Doktor Martin Luthers Bibel in schwieliger Bauernhand. Roggenbrot und dicke Milch im Schapp. Eisener Fleiß, der Land und Moor in fruchtbare Felder verwandelt. Treu in den hergebrachten Ständen dahinlebende Menschen. Landwehrmänner, die im Kampfesmut mit dem Kolben dreinschlagen, einer gegen zehn.

Die vierten: Das Vaterland Friedrich des Große und Kants. Bekannt ist beispielsweise der Brief des York Das erwählte Vaterland Fichtes und Arndts. Das Land, wo Minister zu Füßen Hegels saßen. Die Kirche, in der Schleiermacher predigte. Die Universität, an der Jakob Grimm, Treitschke, Mommsen lehrten. Schlüters und Schinkels Bauten und Denkmäler. Chodowieckis Stiche, Menzels Bilder, Scharnhorsts, Clausewitzens und Moltkes Heer.

Jeder hat seinen Vorstellungskreis von Preußen. Wer hat den richtigen? Eine Wirklichkeit ist nie mit einem Blick erschöpft. Nehmt alles in allem, so habt ihr die Wirklichkeit.

Dieser Beschreibung Preußens und des Preußentums ist heute nicht viel hinzuzufügen. Allerdings, und das ist der Unterchied zu 1914, das Preußen von ehedem existiert nicht mehr; es ist, wie so vieles von der Landkarte Europas verschwunden. Wenn wir heute von Preußen reden, dann sprechen wir im Grunde von einem historischen Phänomen, von einer abgeschlossenen Epoche. Am 27. ebruar 1947 ist Preußen durch den Alliierten Kontrollratsbeschluß 46 aufgelöst worden. Die offizielle Begründung damals lautete, der Staat Preußen sei seit jeher der „Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland“ gewesen.

Es fragt sich, ob die damals erhobene Behauptung zutreffend ist? Sicher ist, dass ein solches Verdikt in dieser Pauschalität irreführen ist. Das Bild Preußens ist sehr viel differenzierter zu zeichnen, als es die Alliierten damals taten. Säbelrasselnde Militaristen und Monokel tragende Junker gab es zwar zugegebenermaßen in der preußisch-deutschen Geschichte, aber es ist eine geschichtsferne Legende, das Preußen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als die zentrale Brutstätte des Militarismus in Europa zu bezeichnen.

Der Historiker Heinrich von Sybel hat einmal festgestellt, dass Preußen im Vergleich zu anderen europäischen Staaten an den wenigsten Kriegen beteiligt war. In allen zwischen 1701 und 1933 geführten Kriegen, so behauptete Sybel, ist Frankreich mit 28 Prozent, England mit 23, Russland mit 21 und Preußen-Deutschland mit 8 Prozent involviert gewesen ist.

Mag sein, dass dies eine schönfärberische Behauptung ist. Jeder weiß, dass Berechnungen dieser Art problematisch sind. Fest steht allerdings, dass es fast so etwas wie eine preßische Maxime gegeben hat, Konflikte friedlich am Konferenztisch zu regeln. Einen Krieg zu führen, entschied man sich erst dann, wenn jede andere Möglichkeit ausschied. „Ulitma ratio regis“, so lautete die Inschrift auf preußischen Kanonen, was kurz und bündig etwa so viel hieß wie: Der Waffengang ist der letzte Ausweg.

Dass Preußen die Verkörperung des Militarismus gewesen sein soll, ist eine der Mythen, die zum Zerrbild erstarrt scheint. Dieses Bild verkennt, was preußisches Militär und Soldatentum tatsächlich gewesen ist. Nachweislich haben Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz anderes gewollt und verwirklicht als Gamaschendienst und Griffekloppen auf dem Kasernenhof. Die großen Gestalten der preußischen Militärgeschichte sind Rebellen gewesen, die wussten dass es Situationen geben kann, wo Ungehorsam gerechtfertigt ist.

Bekannt ist beispielsweise der Brief des York von Wartenburg vom 3. Februar 1813 aus Tilsit an Friedrich Wilhelm III., in dem er sich seiner Eigenmächtigkeit vor dem König verantwortete. Zu Ihrer Erinnerung: Aus eigenem Entschluss hatte York das preußische Korps aus dem Zusammenbruch des napoleonischen Russlandfeldzugs herausgelöst und dadurch die politischen Konstellationen entscheidend verändert.

Der Brief an den König, der als ein „preußisches“ Dokument gilt, verdient es, immer wieder zitiert zu werden: „Der Schritt, den ich getan“, so heißt es da, „ist ohne Befehl Eurer Majestät geschehen. Die Umstände und wichtige Rücksichten müssen ihn aber für die Mit- und Nachwelt rechtfertigen, selbst dan, wenn die Politik erheischt, dass meine Person verurteilt werden muss ...“

Nicht bestritten werden kann, dass es zu Auswüchsen innerhalb der Militärausbildung in Preßen-Deutschland gekommen ist. Die Militarisierung des zivilen Sektors ist im Rückblick nicht zu leugnen. In der Epoche des Wilhelminismus wurde das Reserveoffizierspatent und der Reserveoffizier zum Wert an sich. Bürgertum und Adel gefielen sich in einer „naiven Selbstbewunderung des preßischen Wesens“, was u.a. dazu führte, dass es zu einer mentalen Verformung kam, einem Bewusstein, das die folgenden zwei Weltkriege nicht bewirkte, aber doch in gewisser Weise den Boden bereitete.

Der Vorwurf, dass es durch die Überhöhung des Militärischen zu einer Militarisierung der Gesellschaft kam, ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wenngleich, das sei hier deutlich gesagt, eine Reduzierung Preußens und seiner Tugenden allein auf den Militarismus eine unhistorische Verengung des geistigen und politischen Blickfeldes bedeuet. Preußen war schließlich mehr als nur eine Militärmaschinerie. Das Preußen, von dem ich spreche, das andere Preußen, ist auch das Preußen einer funktionierenden und unbestechlichen Verwaltung, das Preußen, das sich demokratischer Werte verpflichtet fühlte.

Die Geschichte der Mythen, die sich um Preußen ranken, beginnt am 18. Januar 1701, als der Kurfürst von Brandenburg im Schloss zu Königsburg sich eigenhändig die Krone aufs Haupt setzte und sich somit zum König krönte. Das damals im Entstehen begriffene Preußen war zu diesem Zeitpunkt noch ein territorial weitgehend zerrissenes Staatsgebilde. Die Selbstkrönung in Königsberg steht am Anfang einer Mythengeschichte, die bis in die Gegenwart reicht.

Am Anfang stand der Wille eines absoluten Herrschers, aber keinesfalls die Wünsche der Bevölkerung im neu entstandenen Staat. Preußen war damals noch nicht das, was es später werden sollte. Die Verbindung seines Zentrums Brandenburg-Pommern mit dem Osten wurde es erst durch die polnische Teilung 1772 hergestellt, die mit dem Westen bekanntlich erst 1866 durch die Bismarckschen Annexionen (Hannover, Hessen-Nassau mit Frankfurt und zwei Jahre zuvor Schleswig-Holstein). Noch in der Weimarer Republik zählte Preußen neben seinen zehn großen Provinzen zwischen Rhein und Memel zahlreiche Exklaven, die in den Gebieten anderer Länder zerstreut lagen.

Preuße war man nicht durch Geburt sondern durch Bekenntnis und Lebenseinstellung. Einer der Gründe dafür, wie bereits angedeutet, hing unter anderem mit der sich ungleichzeitig und in Sprüngen vollziehenden terrritorialen Entwicklung zusammen. Ein preußisches Staatsvolk im eigentlichen Sinne hat es wegen dieser Entwicklung nicht geben können. Die Menschen begriffen sich in erster Linie als Niederländer, Friesen, Polen, Pommern oder Märker, sprachen deutsch, polnisch, litauisch, oder wallonisch, bekannten sich aber zu Preußen und der damit verbundenen übernationalen Staatsidee. „Preußentum“, meinte Oswald Spengler einmal, „ist ein Lebensgefühl, ein Instinkt, ein Nichtanderskönnen“.

Einer der Gründe für die Sympathien, die der preußischen Staatsidee entgegen gebracht wurde, war der, dass das alte Preußen ein Rechtsstaat gewesen ist. Mit guten Grund konnte der konservative Abgeordnete Hermann Wagener am 19. März 1870 im Norddeutschen Reichstag feststellen: „Ich mag gewesen sein, wo ich wollte, stets habe ich schon von weitem den schwarz-weißen Schlagbaum in meinem Herzen mit Freuden begrüßt und habe stets das Gefühl der vollkommenen Rechtssicherheit gehabt, sowie ich meinen ersten Schritt durch diesen Schlagbaum hindurch gemacht habe. Nicht England und nicht Frankreich, kein anderes Land kann sich von Anbeginn mit unserem preußischen Vaterlande in bezug auf die Handhabung des Rechts messen und vergleichen“.

Hermann Wagner spielte mit seiner Bemerkung auf das spezifische in Preußen herrschende Rechtsverständnis an. Das von Friedrich II. angeordnete und vom Geheimen Oberjustizrat C.G. Svarez unter der Ägide des Großkanzlers von Carmer vorbereitete „Allgemeine Preußische Landrecht“ von 1794 beispielsweise drückte die allgemeinen Prinzipien des Rechtsstaates in der Einleitung so aus: „Die Gesetze binden alle Mitglieder des Staates ohne Unterschied des Standes, Ranges oder Geschlechtes. Jeder Einwohner des Staates ist Schutz für seine Person und sein Vermögen zu fordern berechtigt“.

Mit diesem Rechtsverständnis war Preußen Ende des 18. Jahrhunderts eine der modernsten Staaten der Erde. Das Landrecht war fast gleichzeitig mit der Annahme der amerikanischen Verfassung unter George Washington im Jahre 1787 verkündet worden und stellt somit den preußisch-deutschen Beitrag zur „Declaration of Droits des Hommes“ dar. In diesem Zusammenhang darf ich daran erinnern, dass der bürgerlich-rechtliche Teil des Allgemeinen Landrechts blieb bis 1900; das Verwaltungsrecht sogar bis 1931 in Kraft, bevor es in ein moderner gefaßtes Gesetz übernommen wurde. Eine der schwierigen Hypotheken des preußischen Erbes ist der Sachverhalt, dass die sogenannten „preußischen Tugenden“, die wir Pflichtgefühl, Pünktlichkeit, Sparsamkeit beziehungsweise das Maßhalten können, Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit nennen, im Hitler-Deutschland pervertiert worden sind.

Womit hing das zusammen? Zum einen, dass in der NS-Zeit die Form über den Inhalt gestellt, zum anderen damit, dass unter der Decke der äußerlichen Disziplinierung die eine oder die andre in Preußen hochgehaltene Tugend nach 1933 in ihre Gegenteil verkehrt wurde. So konnte es geschehen, dass aus Selbstbewusstsein Überheblichkeit, aus Ordnungsliebe kleinliche Pedanterie und aus Pflichtgefühl pure Unmenschlichkeit wurde.

Es ist viel darüber geschrieben wurden, wie es zum Formenverlust und zu den Deformationen der Inhalte gekommen ist. Am einleuchtendsten sind jene Erklärungen, die von einer Auflösung des „preußischen Stils“ ausgehen. Angeblich fällt dieser Prozeß mit dem Ende Preußens zusammen, mit dem Aufgehen Preußens in Deutschlands also.

Das 1871 entstandene Deutsche Reich, so heißt es, hätte nur noch wenig mit dem alten Preußen zu tun gehabt, insbesondere nicht mit dessen Geist und dessen Staatsidee. Arthur Moeller van den Bruck, einer der Weimarer Jungkonservativen, von dem der Begriff „Preußische Stil“ stammt, bemerkte einmal: „Preußen wurde das Opfer von Deutschland. Der Zusammenbruch begann mit der Selbstentfremdung, mit seiner völligen Verkennung der eigenen Werte“.

Die häufig gebrauchte Metapher von der Doppelgesichtigkeit, die bei der Beschreibung des Phänomens Preußen benutzt wird, will besagen, daß in Preußen hell und dunkel eng beieinander lagen. Preußen konnte abgrundtief reaktionär, aber auch modern und fortschrittlich sein. Es gab die obrigkeitlich-militärisch-bürokratische Tradition, daneben aber auch das liberal-demokratische Bekenntnis, das Preußen der Verweigerung, des Nichtmitmachens. Zahlreich sind die Namen jener, die ethische Maximen für wichtiger erachteten als angepaßtes Verhalten und Gehorsam – nicht selten gaben sie für diese Maxime ihr Leben hin.

Der Widerstand gegen Hitler zum Beispiel, dem Männer mit sehr preußischen Namen wie York und Witzleben, Moltke und Schulenberg angehörten, legt Zeugnis für dieses andere Preußen ab. Seine Vertreter hatten sich einer sittlichen Idee verschrieben und ihr Handeln und Tun entsprechend ausgerichtet. Sie verkörperten eine Haltung des Widerstands, für die ein Satz des Generalfeldmarschlls Hellmuth Graf von Moltke zutreffen könnte. „Überhaupt“, bemerkte er einmal in einem Gespräch mit dem Historier Heinrich Friedjung - „Gehorsam ist Prinzip, aber der Mann steht über dem Prinzip“.

Ich möchte an dieser Stelle meinen Vater zitieren, Hans Joachim Schoeps, der in seinem berühmten Preußen-Buch den 20. Juli 194 als das Datum bezeichnet, an dem das alte Preußen zum letzten Male sichtbar wurde: „Es war ein letzter Ausklang der sittlichen Idee dieses Staates. Die Männer der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus – Offiziere, Beamte, Gewerkschaftsführer – die des Glockenspielmotivs der Potsdamer Garnisionskirche halber aufstanden, sind Blutzeugen des wirklichen Preußentums in unserer Generation geworden“.

Ein rennomierter Historiker-Kollege glaubte kürzlich, in einer Debatte sich abfällig über Preußen und die sogenannten „preußischen Tugenden“ äußern zu müssen. Begriffe wie Pflichtgefühl, Pünktllichkeit, Sparsamkeit beziehungsweise das Maßhalten können, Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit nannte er herablassend „Säkundärtugenden“. Sie würden, so argumentierte er, nicht mehr in unsere Zeit passen. Er sprach es zwar nicht aus, aber ganz offensichtlich war er der Ansicht, die genannten Begriffe seien durch die NS-Zeit ein für allemal entwertet worden. Bei seinen Einlassungen dachte er vermutlich an denunzierende Blockwarte, prügelnde Polizisten und folternde KZ-Aufseher.

Zweifellos sind manche der „preußischen Tugenden“ in Hitler-Deutschland pervertiert worden. Das heißt aber nicht, dass die „preußischen Tugenden“ überholt sind und deshalb, wie manche meinen, auf den Müllhaufen der Geschichte gehören. Der Bundesrepublik Deutschland, insbesndere in der jetzt schwierigen Phase des Zusammenwachsens der westlichen und östlichen Landesteile, stünde es gut an, sich mehr als bisher an Geist und Ethos des nicht mehr existierende Preußens zu orientieren.

Denn das, was wir gegenwärtig im Prozeß der noch immer andauernden Vereinigugn erleben, macht deutlich, daß die eigentlichen Probleme nicht so sehr wirtschaftlicher Natur sind, sondern daß es fast mehr der Mangel ethischer Maßstäbe und Orientierungen ist, der uns beunruhigt. Das gilt für den Osten wie für den Westen gleichermaßen. Man den ke nur an die etwas eigenartige Dienstauffassung mancher Verwaltungsbeamter, die sich beispielsweise Trennungentschädigungen anweisen lassen, die ihnen nicht zustehen. Oder man denke an jene Beamte, die für die Erteilung einer behördlichen Genehmigung sich bestechen lassen, ohne dass sie dabei ein Unrechtsbewußtsein haben. Die Selbstbienungsmentalität, die aus einem solchen Verhalten spricht, schadet mehr als die verspotteten „preußischen Tugenden“, die vielleicht in der Tat manchmal etwas altmodisch anmuten, für ein funktionierendes Gemeinwesen aber lebensnotwendig sind.

„Travailler pour le Roi de Prusse“ haben es die Franzosen genannt, wenn einer eine Sache um ihrer selbst willen tat ohne Aussicht auf Belohnung. Das heute in unserer Gesellschaft fordern zu wollen, dürfte „vergebene Liebesmüh“ sein. Mit einer solchen Forderung würde man sich heute geradezu lächerlich machen, denn zunehmend gilt als erste Bürgerpflicht zu konsumieren und sich die Taschen vollzustopfen. Uneigennützige Dienstauffassung, gewissenhafte Pflichterfüllung und Unbestechlichkeit sind Einstellungen, die in unserer hedonistischen Gesellschaft nicht mehr sehr gefragt sind. Sie müssen geradezu zwangsläufig auf Unverständnis und Kopfschütteln stoßen.

Häufig wird übersehen, dass auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland im Ansatz die preußischen Staatstugenden verankert sind. Das Leitbild, an dem sich Staatsbeamte zu orientieren haben, kan als ein durchaus „preußisches“ Leitbild gelten. Der Artikel 33 des Grundgesetzes zum Beispiel fordert, „uneigennützige Hingabe an den Dienst, ein hohes Maß an Nüchternheit und Sachlichkeit in der Urteilsbildung, eine gewissenhafte Pflichterfüllung und absolute Unbestechlichkeit“, kurzum die selbstlose Hingabe an Amt und Staat.

Tugenden, heißen sie nun preußische oder nicht, wie die hier schon genannte uneigennützige Pflichterfüllung, die Beschiedenheit, die Sparsamkeit, die Disziplin, die Opferbereitschaft werden auch und gerade in schwierigen Zeiten immer wieder beschworen und von Staat und Gesellschaft gleichermaßen vermisst. Demzufolge ist der Wunsch auf die Rückgewinnung beziehungsweise Wiederbelebung dieser Tugenden vielerorts groß und auch durchaus verständlich.

Kommen wir aber zum dabei entstehenden Problem. Tugendhafte Eigenschaften allein sind noch mit keinem Wert, keinem Inhalt besetzt, sondern erhalten diesen erst durch den Charakter des Staates, durch den sie entwikelt uwrden und auf den sie bezogen sind. Dadurch entsprechen sie einer ganz bestimmten historischen Situation und Aufgabenstellung. Ein Blick zurück in die Geschichte belegt, dass tugendhafte Eigenschaften ihrem Inhalt nach zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich verstanden worden sind – im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und eben auch in der Zeit des Nationalsozialismus.

Dessen ungeachtet, können wir feststellen, dass jede Gesellschaft, wenn sie fortbestehen und eine Zukunft haben will, von ihren Bürgern und Dienstträgern bestimmte Haltungen abverlangen muss. Auftretende Herausforderungen bedürfen bestimmter Einstellungen der Bürger, sonst sind sie nicht zu bewältigen. Das gilt auch für das Deutschland unserer Tage. Die Frage stellt sich allerdings, ob dafür das Bewusstsein beziehungsweise die dafür notwendige Einsicht in der Bevölkerung überhaupt vorhanden ist. Es scheint, dass dies nur bedingt der Fall ist. Wer will schon in dieser Gesellschaft sich für etwas einsetzen, wenn er sich davon keinen Vorteil versprechen kann?

Was nun die Frage angeht, ob die „preußischen“ Tugenden und Prinzipien von ehedem noch in unsere Gegenwart passen, kann man unterschiedlicher Ansicht sein. Uneigennützige Pflichterfüllung, Fleiß und Sparsamkeit sind zweifellos „Säkundärtugenden“, aber das heißt nicht, daß ein Bekenntnis zu diesen Werten ein grundsätzliches Manko ist. Es mögen nachgeordnete Werte sein, aber es waren Lebensmaximen, an denen sich die Generationen vor uns orientiert haben. Sie sind dabei so schlecht nicht gefahren. Fehlentwicklungen hat es dabei zugestandenermaßen gegeben, aber daraus eine grundsätzlche Verurteilung des „preußischen“ Tugendkataloges zu konstruieren, geht nach Ansicht des Referenten entschieden an der Sache vorbei.

Die Tugenden, von denen wir hier sprechen, sind auch heute noch vermittelbar, selbst wenn sie i dem einen oder anderen Fall etwas aus der Mode gekommen zu sein scheinen. Aber Lebensmaximen, sollte man den Kritikern entgegenhalten, die vielleicht etwas altmodisch daherkommen, sind deshalb, weil sie nicht ganz in die Zeit passen, noch lange nicht abwegig der falsch.

Die hier verhalndelten Begriffe aus dem „preußischen“ Tugendkatalog mögen bürgerliche Werte einer längst untergegangenen Welt sein Das aber ändert nichts an der Tatsache, daß diese Werte nach wie vor existieren. Sie heißen heute nur nicht mehr so sondern anders. Die namen haben sich geändert, die Inhalte sind dieselben geblieben. Wir sprechen heute von Solidarität und Toleranz – und meinen damit den Wert einer sitlichen Haltung, die Fähigkeit also, Gesinnung auf moralischer Grundlage zu entwickeln und dementsprechend zu leben.

Die Forderung nach uneigennütziger Pflichterfüllung, Fleiß oder Sparsamkeit mag heute bei jüngeren Menschen vielleicht nicht mehr so ankommen wie in früheren Zeiten. Das sollte uns aber nicht hindern, ernsthaft die Frage zu stellen, ob bürgerliche Wertvorstellungen in ihrer gelebten Form nicht doch helfen können, besser mit den Problemen unserer Gegenwart fertig zu werden. Wir müssen dabei manche Begriffe vielleicht nicht unbedingt „preußische“ Tugenden nennen. Lebensmaximen sind sie für diejenigen, die sich zu ihnen bekennen und ihr Leben danach ausrichten, jedoch allemal.

Wir müssen uns der Frage stellen, weil zunehmend viele von uns das ungute Gefühl beschleicht, dass in unserer Gesellschaft irgendetwas aus dem Lot geraten zu sein scheint. Die „preußischen Tugenden“, oder sagen wir besser, die bürgerlichen Tugenden von ehedem, sind ganz offensichtlich nicht mehr so vermittelbar wie in früheren Zeiten. Kann aber, so müssen wir uns fragen, eine Gesellschaft wie die unsere ohne sittliche und ethische Fundamente überhaupt existieren? Wir sollten anfange, verstärkt darüber nachzudenken, ob das geht oder nicht. Es dürfte in unserer aller Interesse sein.

   
 
 
 
 
 
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