Was kann Geschichte uns sagen?

Zweifel am Wert der Geschichte sind nicht neu. Der englische Philosoph John Locke schrieb 1693 in seinen „Gedanken über Erziehung“: „Alles, was man von der Geschichte sagt, kommt aufs Schlachten und Morden hinaus. Die Ehre und den Ruhm, den sie den Eroberern beilegt, welche meistenteils nur die Henker des Menschengeschlechts waren, bringt den heranwachsenden Jüngling vollends auf den Gedanken, dass Menschenmord das rühmlichste Geschäft und die größte Heldentugend sei.“ „Die Geschichten und Völker der Staaten“, so heißt es in der 1827 erschienenen Schrift „Der Narr im weißen Schwan“ von Ludwig Börne, „haben den Geschichtsschreibern und Buchhändlern, die ihre Werke verlegen, etwas Geld eingebracht. Was sie sonst noch genützt, das weiß ich nicht.“ Zwei Jahre später klagte Christian Dietrich Grabbe in „Don Juan und Faust“, dass die Geschichte die „Menschheit nie gebessert“ habe. Als Nietzsche in den Jahren 1873 und 1874 seine Abhandlung „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ zu Papier brachte, ging er noch härter mit der Geschichte ins Gericht. Die historische Bildung, so meinte er, schwäche die schöpferischen Instinkte der Persönlichkeit, denn die praktische Kraft beruhe auf dem Vergessen und Schlafen können. Die Übersättigung in Geschichte fördere den Epigonenglauben und erziehe den einzelnen Menschen zur Zaghaftigkeit. Die Geschichte, so urteilte er, „wird nur von starken Persönlichkeiten ertragen, die schwachen löscht sie vollends aus.“ Sie verwirre Gefühl und Empfindung, wo diese nicht kräftig genug seien, „die Vergangenheit an sich zu messen.“

Viele Äußerungen unserer Zeit sind den alten ablehnenden Urteilen ähnlich! „Geschichte“, so urteilt Rolf Hochhuth, „das ist leider weitgehend Kriminalgeschichte.“ „Geschichtsschreibung ist der Klatsch der Professoren“, höhnte John Osborne. „Was wir Geschichte nennen“, ein anderer, „ist nichts anderes als die Science-Fiction der Historiker“, oder, „Wir lernen aus der Geschichte immer wieder, dass wir nichts lernen.“

Ist es nicht in der Tat so, dass trotz der stets zunehmenden Menge der abschreckenden Beispiele, die die Geschichte uns liefert, weder Fehler noch Laster weniger werden? Wer diese Frage nüchtern zu beant­worten versucht, findet die pessimistischen Aussagen nur teilweise bestätigt. Wo immer in der Geschichte der Völker Staatsmänner mit tieferem geschichtlichen Wissen Politik machten und wo dieses geschichtliche Wissen nicht durch eine ideologische Wunschbrille gefiltert wurde, häuften sich die Epochen des Aufstiegs, des Wohlstandes und des Friedens. Dabei ist geschichtliche Erfahrung nicht im Sinne von Patentrezepten zu sehen. Auch nicht in dem Sinne, dass die vielfältigen Erscheinungen der Politik vergangener Jahrhunderte auf ein großes und einziges Prinzip zurückzuführen seien. Weder die Versuche, in der Veranlagung der Rassen, noch die Bemühungen, in den wirtschaftlichen Bedürfnissen und daraus erwachsenden „Klassenkämpfen“ die entscheidenden Triebkräfte zu sehen, sind schlüssig. Weder der Versuch einer schwerpunktmäßigen Deutung der Geschichte aus den prägenden Einflüssen großer Persönlichkeiten, noch die Vorstellung, technischer Fortschritt oder geographische Lage bildeten die Haupttriebkräfte der Geschichte, sind ohne Verzerrung der Quellen zu beweisen. Das ist es ja gerade, was unvoreingenommene Geschichtsbetrachtung so schwierig macht, dass die Geschichte so vielfältig und widersprüchlich ist, wie die Menschen, die sie machen! All die genannten Triebkräfte wirken miteinander oder gegeneinander, können sich gegenseitig vervielfältigen oder aufheben. Die Wechselbeziehungen der unterschiedlichsten Kräfte machen geschichtliche Entwicklung aus! In mathematische Regeln oder theoretische Konstruktionen lässt sich die Historie nicht einpassen!

Der Wert der Geschichte als Erfahrungsschatz liegt in erster Linie darin, dass sie den Charakter der Menschen und die Eigenschaften von Völkern und Nationen enthüllt. „Eines freilich hat noch niemand zu bestreiten versucht“, meint Johannes Haller in seinem Aufsatz über den „Bildenden Wert der neueren Weltgeschichte“ aus dem Jahre 1918, „dass man in der Geschichte den Menschen kennen lerne, dieses sonderbare Geschöpf, das heute einem Engel, morgen dem Teufel zu gleichen scheint, in dem alle Widersprüche sich vereinen und alle Gegensätze sich vertragen, die Krone der Schöpfung und der Auswurf der Hölle.“ Den Menschen kennen und einschätzen zu lernen, so, wie er seit Jahrtausenden in seinen Grundcharakterzügen sich zeigt, das ist das Hauptziel geschichtlichen Wissens!

Natürlich kann der Einblick in die ungeheure Vielfalt menschlichen Tuns, menschlicher Möglichkeiten und Lebensformen schwächliche Naturen orientierungslos machen, aber der Starke wird die Vielfalt der Vergangenheit mit seiner eigenen Weltschau vergleichen und die Möglichkeiten und Grenzen des Fortschritts daran zu messen lernen. So kann der Staatsmann z.B. in Zeiten, wo sich große Mengen von Trümmern einer vorangegangenen Epoche abgelagert haben, an Hand von historischen Erfahrungen abwägen, was behauptet und was erneuert werden muss. Er kann in Zeiten des Niedergangs am Beispiel ähnlicher Epochen des Abstiegs in der eigenen und in der Geschichte anderer Völker Mittel und Kräfte zur Selbstfindung und Regeneration suchen. Er kann durch die Kenntnis der eigenen Geschichte die Vorzüge und Schwächen seines Volkes ebenso kennen lernen wie die Tugenden und Untugenden der anderen. Er kann die Geschichte zu seinem Lehrmeister machen, „aber nicht“, wie Theodor Mommsen treffend sagte, „in dem gemeinen Sinn, als könne man die conjunctura der Gegenwart in den Berichten über die Vergangenheit einfach wieder aufblättern und aus denselben der politischen Diagnose und Receptierkunst die Symptome und Spezifica zusammenlesen, sondern sie ist lehrhaft einzig insofern, als die Beobachtung der älteren Kulturen die organischen Bedingungen der Zivilisation überhaupt, die überall gleichen Grundkräfte und die überall verschiedenen Zusammensetzungen derselben offenbart und statt zum gedankenlosen Nachahmen vielmehr zum selbständigen Nachschöpfen anleitet und begeistert.“

Insbesondere, um Gefahren vom eigenen Volke fernzuhalten ist für den Staatsmann die Verwertung geschichtlicher Erfahrungswerte unverzichtbar. Zu den bleibenden Erkenntnissen, die die Geschichte uns vermittelt, gehören z.B.:

  • dass Träume von Freiheit und Recht ohne Macht sehr schnell von denen zerstört werden, die Macht ohne Freiheit und Recht akzeptieren;
  • dass, wo die Ausgewogenheit von Freiheit und Ordnung verloren geht, über zu viel Freiheit der Weg in Anarchie und Untergang, über zu viel Ordnung in die Tyrannei führt;
  • dass innere Zersplitterung und innerer Unfrieden in Völkern schnell zu außenpolitischer Ohnmacht führt; dass blutige Revolutionen, wo immer sie stattfanden, auch das Gute der alten Zeit zerstörten, während der Fortschritt durch Reformen den Völkern das Positive der vorhergegangenen Epochen zumeist zu erhalten vermochte;
  • dass alle ideologischen Versuche, den Menschen für eine Staatsform und nicht die Staatsform für die Menschen zu gestalten, keinen neuen Menschen, sondern nur Leid und Chaos für Millionen gebracht haben;
  • dass der Begriff der Toleranz in der Politik – wie im menschlichen Leben - oft nur ein anderes Wort für Gleichgültigkeit darstellt;
  • dass große Staaten und Nationen sich nie auf dem Altar der Vertragstreue opfern;
  • dass Demokratie ohne Elitebildung und aristokratisches Element über längere Epochen nicht lebensfähig ist;
  • dass in der Politik nur jene Dinge wirklich erstrebenswert sind und Opfer rechtfertigen, die sich als bleibend richtig und notwendig erweisen;
  • dass in den auswärtigen Beziehungen selbst für eine Weltmacht gilt, die Lebensvorstellungen anderer Völker zu akzeptieren, wenn echte Partnerschaft mit ihnen entstehen soll; dass ideologisch oder religiös verwurzelte Diktaturen ein viel größeres Beharrungsvermögen zeigen als Militärregime und Diktaturen ohne solche Fundamente;
  • dass Aggressoren durch leichte und von den Betroffenen akzeptierte Landgewinne nicht friedlich werden, sondern sich ihr „Appetit“ erhöht.

 Diese und viele andere Erkenntnisse kann jeder politisch Handelnde, der sich mit Geschichte befasst, verarbeiten und daraus Schlüsse für die eigene Politik ziehen. Mit der Geschichte, so sagte schon Polybios (griech. Geschichtsschreiber, geb. um 200 v. Chr.), können wir „Erfahrungen auf Kosten anderer machen.“ Wo immer aber solche Erfahrungen verdrängt oder verneint wurden, wo sie den Herrschenden gar nicht Teil eigenen Wissens waren, häuften sich die Fehler und Versäumnisse! Einige Beispiele seien zur Verdeutlichung gebracht: Vom 17. Jahrhundert bis weit in unser Jahrhundert hinein betrieb England gegenüber dem Kontinent eine Politik der „balance of power“, nicht um im begrenzten kontinentalen Sinne eine Vorherrschaft über Europa auszuüben, sondern um die eigene herausragende Weltstellung zu behaupten. Die Friedensschlüsse von Utrecht 1713 und Paris 1814 oder – mit Einschränkung – Versailles 1919 tragen die Handschrift dieser Politik, die für Kontinentaleuropa bedeutete, dass die jeweils stärkste Macht bekämpft und die weniger starken bei durchaus flexibler und unterschiedlicher Bündnispolitik gestützt wurden. Bismarck wusste, dass nur ein Verzicht auf ein einiges Deutschland und seine Stellung als Großmacht das Reich vor dieser Gegnerschaft bewahren konnte, und setzte sich deshalb so stark für das Russlandbündnis ein. Wilhelm II. dagegen schätzte seine dynastischen Gemeinsamkeiten und verwandtschaftlichen Bindungen mit England so hoch ein, dass er die eigentlichen machtpolitischen Grundlagen der Politik „balance of power“ übersah. Die englische Politik vor Beginn des 1. Weltkrieges wurde jedoch von der Eigenmacht der Dynastie nur noch sehr begrenzt beeinflusst. Englands Weltkriegsteilnahme 1914 an Seiten Frankreichs und Russlands war eine logische und durchaus vorausschaubare Konsequenz seiner Politik, geboren aus einem jahrhundertealten Prinzip, das England erst nach 1945 wirklich aufgegeben hat, oder besser aufgeben musste, weil es zu einer Mittelmacht herabgesunken war. Deutschland hat für diese Fehleinschätzung seines Kaisers und einer Reihe seiner Diplomaten teuer bezahlt!

Die England-Politik Hitlers ist ein zweites Beispiel für das Übersehen der eigentlichen politischen Triebkräfte des Inselreiches. „Nur mit England allein“, so schwärmte er schon in „Mein Kampf“, könne „der Rücken gedeckt“ und der „neue Germanenzug“ im Osten begonnen werden. Hitlers Enttäuschung über die Kriegserklärung Englands im Jahr 1939 war echt! Seine Vorstellung oder deutlicher, seine unhistorische Idee von der Gemeinsamkeit der Völker gleicher „Rasse und Artung“ hat Deutschland völlig andere Bündniskonstellationen eingebracht, als sie angestrebt wurden. Die Folgen sind bekannt. Dabei hat Hitler immer wieder betont, wie wichtig historisches Denken in der Politik sei. „Man studiert aber nicht Geschichte“, so ist in „Mein Kampf“ ebenfalls nachzulesen, „um dann, wenn sie zur praktischen Anwendung kommen sollte, sich ihrer Lehren nicht zu erinnern oder zu glauben, dass nur die Dinge etwas anders lägen, mithin ihre urewigen Wahrheiten nicht mehr anzuwenden wären, sondern man lernt aus ihr gerade die Nutzanwendung für die Gegenwart. Wer dies nicht fertig bringt, der bilde sich nicht ein, politischer Führer zu sein; er ist in Wahrheit ein seichter, wenn auch meist sehr eingebildeter Tropf, und aller gute Wille entschuldigt nicht seine praktische Unfähigkeit.“ Hitler aber hat selbst nie versucht, Geschichte im Sinne Rankes zu verstehen, nämlich, wie es „eigentlich gewesen“ ist, sondern sie hauptsächlich durch die ideologische Brille seiner absurden Rasseideen erblickt. So blieben ihm wichtige Antriebe der englischen Politik völlig verschlossen.

Johannes Hallers markantes Wort: „Politische Bildung ist geschichtliche Bildung; ohne Kenntnis der neueren Geschichte kein politisches Urteil.“ – scheint in dieser Ausdrücklichkeit übertrieben. Und doch ist der Kern dieses Anspruches richtig. Hätte wohl die amerikanische Außenpolitik der Angliederung Südtirols an Italien nach dem 1. Weltkrieg zugestimmt, wenn der amerikanische Präsident Wilson auch nur die Hauptwesenszüge der europäischen Geschichte überblickt hätte? Hätte die amerikanische Politik während des 2. Weltkrieges in den Konferenzen von Teheran, Jalta, London und Potsdam den Sowjets den Weg nach Mitteleuropa geebnet, wenn die Männer um Roosevelt sich intensiv mit den Grundlagen und der Entwicklungsgeschichte des Marxismus – Leninismus befasst hätten? Oder um aktueller zu werden, hätte ein Politiker wie Willy Brandt den Moskauer Vertrag mit gleichem Inhalt abgeschlossen, wenn er die historische Erfahrung verarbeitet hätte, dass Vorleistungen gegenüber imperialistischen Diktaturen sich nie auszahlen? Die Reihe dieser Fragen könnte noch lange fortgesetzt werden.

Zu den anschaulichsten Beispielen, wohin Geschichtslosigkeit führt, gehört die Behandlung des Gastarbeiter- und Asylantenproblems in der Bundesrepublik Deutschland. Das Hauptschlagwort dieser Politik heißt Integration! Wenn wir das Wort Integration deuten als „einigenden Zusammenschluss“, als „Verschmelzung“ und diese Zielsetzung liegt den Maßnahmen zugrunde, so ist sie ein typisches Kind geschichtsfernen Denkens, ihr Scheitern ist vorprogrammiert! Alle geschichtlichen Erfahrungen zeigen, dass ethnische Minderheiten nur dann assimiliert werden können, wenn sie dem gleichen Kulturkreis angehören, in Sitte, Brauch, Religion keine zu großen Unterschiede aufweisen und wenn ihre zahlenmäßige Größe gering bleibt. Selbst in einem Lande wie den USA, die nach der weitgehenden Ausrottung der Urbevölkerung ein staatliches Leben ohne die „Lasten“ von Traditionen entwickeln konnten, integrierten sich die Volksgruppen durchschnittlich nicht, sondern sie separierten sich! Der weite Raum ließ die Reibungen der Nationalitäten bis jetzt in Grenzen bleiben. Ein gemeinsames Staatsgefühl formte sich durch wirtschaftliche und militärische Macht.

Die über viele Jahrhunderte gewachsene Tradition und die ethnische Geschlossenheit der Bevölkerung eines Landes wie der Bundesrepublik Deutschland hat von Natur aus weniger Integrationskraft als staatliche Neugründungen wie die USA. Aber der dicht besiedelte Raum macht bei uns selbst ein Nebeneinander in multinationalem Sinne kaum möglich. „Muss es nicht nachdenklich stimmen“, so meinte schon vor Jahren Dr. Jürgen Schilling als Generalsekretär des DRK, „dass ein Land wie Großbritannien, das sich ernsthaft bemüht, die eingewanderten Commonwealth-Bürger zu integrieren, Rassenkrawalle erlebt, tiefgreifende soziale Konflikte, die sich bis zu Hassgefühlen gesteigert haben, obwohl die Einwanderer der englischen Sprache mächtig sind und obwohl ihnen die Briten ihre Teilhabe an einem wesentlichen Stück gemeinsamer Geschichte und eine gewisse Anwartschaft auf Integration zugestehen? Auch die französischen Erfahrungen bei der Aufnahme ethnischer Algerier vermögen nicht zu überzeugen, so wenig wie die isolierte Existenz der Molukker in den Niederlanden oder der Einwanderer aus Puerto Rico in den Vereinigten Staaten. Alle diese Minderheiten werden mit Mühe erduldet, erlitten, und der Freiraum, den sie finden, ist regelmäßig von Absetzbewegungen der einheimischen Bevölkerung gekennzeichnet, die eher ihre Wohnviertel aufgibt, als sich mit den Neusiedlern abzufinden. Resignation statt Integration.“ Konflikte, wie sie in England und Frankreich, ja selbst in den USA in den letzten Jahrzehnten immer heftiger wurden, könnten für Deutschland ebenfalls zum Problem werden, wenn es sich zum Einwanderungsland macht.

Ein typisch unhistorisches gegenwärtiges Traumgebilde ist die Vorstellung von einer „Welt ohne Grenzen“, die Ideologie der „One World“. Staatliche Grenzen werden von dieser Ideologie als „engstirnig“ oder „nationalistisch“ gebrandmarkt. Der „multikulturellen Weltgesellschaft“ gehöre die Zukunft, so ist mannigfaltig zu lesen.

Was sagt die historische Erfahrung? Schon die einzelnen Menschen bzw. die Familie grenzen sich in Wohnungen oder Häusern ab. Diese werden bereitwillig für Verwandte, Freunde, Nachbarn und Gäste geöffnet. Aber „Herr im eigenen Haus“ möchte man sein und bleiben. So wie der private Lebensbereich abgegrenzt wurde und wird, sieht es auch mit den Lebensräumen der Völker aus. In friedlichen Zeiten waren und sind Grenzen durchlässig. Wer heraus will, darf heraus. Wer aber hinein will, den schauen sich die Einheimischen an. Dass jeder hinein kann, weil die Grenzen einfach aufgehoben sind, ist ein Zustand, der bisher historisch nur in Zeiten der Anarchie belegbar ist.

Für Deutschland bedeutet dieser Zustand, dass die Mehrheit der Asylanten auf unserem Kontinent infolge der guten finanziellen und sozialen Ausstattung für Asylsuchende in unser Land strebt. Es bedeutet aber auch, dass eine auf Hunderttausende zu bemessende Zahl von Zuwanderern über die offenen Grenzen geschleust wird oder einfach einsickert, was zu immensen Zuwachsraten von Schwarzarbeit und Kriminalität führt und schon in wenigen Jahren zur Folge haben wird, dass einzelne Viertel in unseren Großstädten verelenden. In Berlin z.B. sind untrügliche Anzeichen von Slumbildung nicht zu übersehen.

Wie realitätsfremd die Ideologie von der „Welt ohne Grenzen“ ist, lässt sich auch daraus ablesen, dass überall auf der Welt in den letzten Jahrzehnten neue Nationalstaaten mit eigenen Grenzen entstanden oder wieder entstanden sind und just in dieser Zeit Serben und Albaner ihre Territorien stärker als je zuvor eingrenzen und mit Zähnen und Klauen verteidigen. Und das nur einige hundert Kilometer von Deutschland entfernt.

Doch nicht nur aus der politischen Geschichte können wir viele Einsichten sammeln. Das gleiche gilt für den heute so aktuellen Bereich von Mensch und Umwelt. Obwohl die Möglichkeiten, Natur zu zerstören, sich infolge der modernen Technik und der Bevölkerungsexplosion in diesem Jahrhundert vervielfältigt haben, gibt es auch in der Vergangenheit viele Beispiele, was aus einer Landschaft werden kann, wenn der Mensch nicht mit der Natur, sondern gegen sie lebt.

Was heute im Amazonasgebiet oder in zentralafrikanischen Staaten mit den tropischen Regenwäldern praktiziert wird, bringt Gefahren für die ganze Menschheit mit sich. Im Mittelmeerraum sind uns solche aus Gewinnsucht, nach-uns-die-Sintflut-Denken und Bevölkerungsdruck entstehenden Naturzerstörungen, die am Ende immer den Menschen als Besiegten zeigen, schon aus dem Altertum bekannt. Man denke nur an die griechischen Karstgebiete oder jene trostlosen Zonen Nordafrikas, die durch Menscheneinfluss unwirtlich wurden. Auch in unserem Lebensumkreis finden wir sichtbare Warnungen! Noch im 16. Jahrhundert war die Kurische Nehrung mit einem prächtigen Walde bedeckt. Ortsnamen wie Lattenwalde oder Stangenwalde bestätigen dies ebenso wie alte Aufzeichnungen. Zur Zeit des Ritterordens waren die Wälder noch von einer solchen Dichte, dass sie den Kampf mit den heidnischen Ureinwohnern stark erschwerten. Die Ordensritter begannen die Wälder zu lichten und befestigte Burgen und Plätze – anfangs aus Holz – zu errichten. Zu Zeiten des Großen Kurfürsten wurden die Wälder insbesondere für den Aufbau der aufstrebenden Stadt Königsberg schon stärker genutzt, als es die Regenerationskraft der Natur erlaubte. Katastrophal wirkten die Einflüsse der Russen während des 7-jährigen Krieges auf die Nehrungswälder. „Aus Übermut“, wie es in einer alten Chronik heißt, „setzten sie größere Strecken in Brand oder versuchten aus dem Fichtenholz Teer zu schwelen.“ Aber auch die Bewohner selbst verstärkten das Vernichtungswerk. Um 1820 fielen noch viele Hektar Wald der Axt zum Opfer, und was blieb, waren endlich nur jene kümmerlichen Waldoasen bei Rossitten, Nidden und Schwarz­ort, die noch heute vorhanden sind.

Der unbedachte Eingriff der Menschen wurde durch die Natur verstärkt. Als die Waldbestände an der Nehrung unter die Axt kamen und der Vorstrand der schützenden Bäume beraubt war, entstanden durch die Ausrodung der Wurzeln große Lücken in der Narbe des Waldbodens. Der Sturm fegte hinein und blies immer mehr Sandboden frei. Der durch die Wellen am Haff aufgeworfene Sand vereinte sich im Sturm mit dem freigelegten Sand, der früher vom Waldboden festgehalten wurde, zu immer größeren Sanddünen. Über Jahrhunderte entstanden große Dünenbewegungen, die auch jene Waldteile bedrohten, die der Mensch verschont hatte. Unter dem ständigen Aufprall der scharfen Sandkörner starben die Bäume langsam ab, andere wurden allmählich verschüttet. Schließlich verschwanden ganze Dörfer, wie Karweiten, Kunzen oder Lattenwalde, unter den Dünen. Pillkoppen musste in 200 Jahren viermal verlegt und neu aufgebaut werden, weil es jeweils von den Dünen bedroht wurde. Von der Frischen Nehrung ist Gleiches bekannt.

Ähnliche historische Erfahrungen mit ökologischem Hintergrund – um im deutschen Sprachraum zu bleiben – begegnen uns in der Lüneburger Heide. Die herrlichen Mischwälder dort, von denen uns in vielen alten Sagen und Zeugnissen berichtet wird, wurden in den Jahrhunderten der Salzgewinnung im buchstäblichen Sinne des Wortes verfeuert, und die Aufforstung im 19. Jahrhundert erbrachte jene eintönigen feuer- und schädlingsanfälligen Kiefern- und Fichtenschonungen, die heute diese Region prägen. Wie wenig manche heute führenden Politiker in Deutschland solche Erfahrungen in der Lage oder willens sind, zu verarbeiten, sehen wir an der hemmungslosen Erschließung der Alpenregion, der das ökologische „Aus“ droht, wenn die Umgestaltung zur „Touristenlandschaft“ auch nur noch ein Jahrzehnt weiterbetrieben wird.

Zu den wichtigsten Erkenntnissen aus der Geschichte gehört die Notwendigkeit, Utopien daraufhin zu untersuchen, ob sie von einem „neuen Menschen“ ausgehen. Alle Versuche in der Vergangenheit, den „neuen Menschen“ zu schaffen, endeten in Blut und Tränen. In diesen Utopien lebte der Grundfehler, zu glauben, der Mensch wäre nur ganz wenig von seinen Anlagen geprägt. Allein entscheidend für seine Entwicklung sei die Umwelt. Die Überschätzung des Einflusses äußerer Verhältnisse, der Zustände in den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Einrichtungen, verführte immer wieder Utopisten dazu, revolutionäre Veränderungen in der Gesellschaft durchzusetzen, um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu verwirklichen. Am erfolgreichsten war unter allen Lehren dieser Art der Marxismus. Nach Millionen und Abermillionen von Opfern - das „Schwarzbuch des Kommunismus“ enthüllte 1997 wissenschaftlich exakt das ungeheure Ausmaß des Terrors -, welche die Durchsetzung dieser Lehre im politischen Alltag forderte, kehren die betroffenen Völker derzeit schrittweise zu einer Ordnung zurück, die von einem Menschenbild ausgeht, wie es ist und nicht wie es sein sollte! Freiheit und Gleichheit ließen sich nicht miteinander verbinden. Die Menschen sind nicht nur ungleich in Geschlecht und Alter, Rasse und Volk, sondern auch nach Begabung und Willenskraft. Gleichheit musste also eine Einschränkung der Freiheit für Millionen bedeuten. Gleicher Lohn für alle, das hieß, dass die Fleißigen begannen, sich an der Arbeitsleistung der Faulen zu orientieren. Wo kein Anreiz zur Leistung mehr war, musste der Leistungswille sinken. Und auch der Glaube, auf die schöpferische Kraft des Unternehmers verzichten zu können, verstärkte den wirtschaftlichen Abstieg. Unfähige und oft sachunkundige Bürokraten und Ideologen nahmen die Wirtschaftslenkung in die Hand und ihre Planung hinkte ständig hinter den wirtschaftlichen Notwendigkeiten her. Das Ergebnis war, dass der erzielte Mehrwert, der an das Volk weiterverteilt werden sollte, gar nicht mehr auftauchte. Der ungleichmäßigen Verteilung des Reichtums in der alten Gesellschaft folgte die gleichmäßige Verteilung des Mangels in der neuen. Allein, damit wollten sich die marxistischen Funktionäre nicht abfinden. So gaben sie sich selbst jene materiellen Möglichkeiten, die sie an den alten Oberklassen für so unmoralisch gehalten hatten.

Herrschaft von Menschen über Menschen hatten die marxistischen Utopisten überwinden wollen. Aus der Sicht historischer Erfahrung eine Absurdität! Als wenn Herrschaft nur im Sinne ihres Missbrauchs bewertet werden dürfte! Herrschaft hat doch auch den Zweck, die Bedürfnisse anderer Menschen, insbesondere der Alten, Kranken und Schwachen, befrieden zu helfen. Deshalb sagen Demokraten mit Recht: Herrschaft von Menschen über Menschen kann nicht überwunden werden. Aber sie kann kontrollierbar, ablösbar gestaltet und an Grundrechte gebunden werden. Da eine Gesellschaft ohne Herrschaft zur totalen Unordnung, zur Anarchie, führt, schafften die Marxisten Herrschaft auch nicht ab, sondern nur ihre Kontrolle, ihre Ablösbarkeit und ihre Bindung an die grundlegenden Menschenrechte. So gebar eine Utopie, welche die Freiheit auf ihre Fahnen geschrieben hatte, eine der unfreiesten und unmoralischsten Staats- und Gesellschaftsformen der Weltgeschichte.

Genauso falsch und weltfremd war die kommunistische Verelendungstheorie. Marx glaubte, die Ausbeutung der Arbeiter durch die Kapitalisten werde so zunehmen, dass die Ausgebeuteten zur Waffe greifen und sich von ihren Peinigern befreien würden. Nicht ideologisch verblendete Sozialwissenschaftler haben frühzeitig vorausgesehen, was später eintraf: Wenn die Kapitalisten auf die Dauer wirklich verdienen wollen, dann werden sie ihren Arbeitern und Angestellten so viel Lohn geben müssen, dass es ihnen möglich ist, die selbsthergestellten Produkte auch zu kaufen. Henry Ford war einer der ersten Unternehmer, der mit einer solchen Lohnpolitik begann und dessen wirtschaftlicher Aufstieg auf dieser Erkenntnis beruhte. Millionen Unternehmer in allen Industrieländern folgten ihm. Viel kann aus der Geschichte in Bezug auf die deutsche Frage und die europäische Einigung gelernt werden. Völker und Nationen sind keine Gebilde, die auf die Schnelle geboren oder zerstört werden können. Sie sind nicht durch Erlasse zu schaffen oder zu beseitigen. Hat ein Nationalbewusstsein eine gewisse Intensität entwickelt – wie z.B. das deutsche mit dem 1. Weltkrieg -, ist es auch Krisensituationen und Teilungsbestrebungen gewachsen.

Deshalb war die Vorstellung der Sozialdemokratie in der Bundesrepublik Deutschland seit den 70er Jahren, die Deutschen hätten sich mit Trennung, mit Mauer und Stacheldraht abgefunden, von Grund auf falsch. Ebenso falsch wie die Vorstellung, eine Annäherung an die kommunistischen Machthaber in der DDR würde dort die Politik „menschlicher“ machen. Erzwungene Diktaturen fallen gerade dann, wenn sie beginnen, den Menschen Freiraum zu gewähren!

Was sich 1989 und 1990 in der DDR abspielte, wird in wenigen Jahren auch die Wirklichkeit eines anderen geteilten Volkes auf unserem Erdball sein: des koreanischen. Auch dort wird auf die Dauer die Ideologie des Kommunismus nicht über die länger als ein Jahrtausend gewachsene Idee der Einheit siegen können!

Noch mehr an Lehren kann aus der Geschichte für den Aufbau des vereinten Europa gezogen werden. Im letzten Jahrhundert starben die großen übernationalen Reiche: Das Osmanische Reich, der Vielvölkerstaat der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie, das britische, französische, belgische, hollän­dische, portugiesische Kolonialreich und alle ähnlichen Gebilde. Das letzte große Kolonialreich, die Sowjetunion, versäumte es, sich föderalistisch zu organisieren und den einzelnen Unionsmitgliedern sprach­liche und kulturelle Autonomie einzuräumen. Die Sprengkraft des nationalen Eigenständigkeitsgedanken war auch hier so stark, dass der Staat schließlich während der Abdankung der kommunistischen Herrschaft auseinanderbrach. Auf dem ehemaligen Territorium der Sowjetunion beginnen nun wieder nationalstaatliche Strukturen zu wachsen. Selbst kleine Völker wie die Tschetschenen streben nach absoluter Unabhängigkeit. Deshalb ist es auch ein Irrglaube zu meinen, in Europa sei der Nationalstaat am Ende. Das stimmt nur in dem Sinne, als dass der autarke, völlig selbständige, sich von seinen Nachbarn abgrenzende Nationalstaat überholt ist. Die Nationen, Völkerschaften und Minderheiten kämpfen hingegen stärker als bis­her um ihr sprachliches, kulturelles und geistiges Überleben. In Belgien melden die Flamen, in Spanien die Basken, in Großbritannien die Schotten sich stärker als je zu Wort und fordern Autonomie ein. Sie wenden sich gegen den Einheitsbrei eines Coca-Cola oder McDonald-„Paradieses“. Die Summe der Menschen, besonders auch der Führungsschichten in Europa, möchte eine gegliederte europäische Föderation, in der jeder einzelne Nationalstaat alle Bereiche in der Hand behält, die nicht in die Hände der Brüsseler Bürokratie gehören. Die Bürokraten von Brüssel jedoch stört dies wenig. Sie reden von Subsidiarität und betreiben in ihrer politischen Arbeit das Gegenteil. Sie versuchen, immer neue Bereiche der Politik den Nationalstaaten zu entziehen. Man nehme das Beispiel des Lebensmittelrechts. Deutschland hat das strengste Lebensmittelrecht aller EU-Staaten. Das Nebeneinander, der Wettbewerb, verschiedene Gesetzgebungen auf diesem Gebiet führen in allen Mitgliedsländern schrittweise zu den notwendigen strengeren Gesetzen. Kaum hatte Brüssel die Dinge in die Hand genommen, einigten sich die Bürokraten nicht etwa auf das am weitesten entwickelte deutsche Lebensmittelrecht, sondern auf ein „Querschnittsrecht“ aller europäischen Länder, das nunmehr zahlreiche, für die Menschen schädliche Zusatzstoffe in der Nahrung bis hin zur radioaktiven Bestrahlung europaweit erlaubte. Das Nebeneinander verschiedener Organisationsstrukturen, Verwaltungsideen und Gesetzgebungen in Europa war ein Wert an sich. Durch gegenseitige Beobachtung und Übernahme der jeweils erfolgreicheren Methode der Nachbarländer war ein ständiger Fortschritt garantiert. Der Vereinheitlichungswahn von Brüssel hebt die Dynamik des Fortschritts auf. In manchen Feldern erinnert die Brüsseler Unbeweglichkeit und Gleichmacherei bereits an das zusammengebrochene zentralistische Moskauer System.

Wenn Europa seine Verteidigung, seine Rohstoffbeschaffung, die Außenpolitik gegenüber den Supermächten gemeinsam betreibt, ist dies eine Notwendigkeit. Die Ausweitung in alle Bereiche der Politik, inzwischen auch auf die bisher ausgeklammerte Kultur der Mitgliedsländer (Entwurf gemeinsamer Lehrpläne) ist jedoch ein europäisches Verhängnis.

Mit anderen Worten: Die Idee des Europas der Vaterländer Charles de Gaulles ist nach wie vor äußerst lebendig! Sie wird sich umso eher durchsetzen, umso mehr Nationen sich um Assoziation oder Mitgliedschaft bemühen.

Ungeschichtlich war immer die Formulierung von den „Vereinigten Staaten von Europa“, die aufgebaut werden müssten. Die Vereinigten Staaten von Amerika konnten für Europa niemals Vorbild sein. Denn dort wurden koloniale Verwaltungseinheiten zusammengefügt, ohne gewachsene Völker, Sprachen, Nationalkulturen. Die Ureinwohner weitgehend ausgerottet! Europa war immer Einheit in Vielfalt! Und wenn es heute Politiker gibt, die am liebsten hätten, dass selbst die Nationalsprachen abgeschafft, eine einheitliche Kultur und Bildungspolitik verfügt würde, dann leben solche Männer und Frauen an der europäischen Wirklichkeit vorbei. Die Vielfalt der Strukturen war es, die den europäischen Fortschritt möglich machte. Wer diese Vielseitigkeit durch Zentralismus auslöscht, nimmt Europa seine Zukunft!

Nichts ist geregelt, was nicht gerecht geregelt ist. Diese bedeutende historische Erfahrung hat Europa in jüngster Zeit erneut machen müssen. Zum Beispiel mit dem Thema: Vertreibung von Menschen und Volksgruppen. Im Verlaufe der letzten Kriegsmonate des 2. Weltkrieges flohen aus den deutschen Gebieten jenseits von Oder und Neiße Millionen Menschen vor den heranrückenden marodierenden sowjetischen Truppen. Das gleiche gilt für deutsche Minderheiten aus Polen, Jugoslawien, Ungarn, Rumänien und der Tschechoslowakei. In der Potsdamer Konferenz wurde in Beschlüssen vom 2. August 1945 die „Rechtsgrundlage“ für die Vertreibung der noch verbliebenen Deutschen in Ost-Westpreußen und Danzig, Ostbrandenburg, Schlesien und Sudetenland gelegt. Insgesamt wurden von der Flucht- und Vertreibungswelle etwa 17 Millionen Menschen erfasst, von denen rund 2,5 Millionen umkamen. Die schrittweise Eingliederung der von Flucht und Vertreibung erfassten Menschen in den ersten 15 Jahren der Bundesrepublik Deutschland zählt zu den größten politischen Leistungen der Nachkriegszeit. Der Verzicht der Vertriebenen auf Rache und Vergeltung in der „Charta der Heimatvertriebenen“ vom 5. August 1950 war nach dem 2. Weltkrieg der erste große Schritt für eine Verständigung zwischen den Staaten, Völkern und Volksgruppen unseres Kontinents.

Nicht zuletzt das schlechte Gewissen der Vertreiber führte dazu, dass diese größte Bevölkerungsvertreibung der Weltgeschichte weitgehend zu einem Tabuthema wurde. Eine vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte erarbeitete vielbändige „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa“ blieb lange Zeit der breiteren Öffentlichkeit verschlossen. In Schulbüchern und Medien spielte das Thema fast keine Rolle. Es gibt bis heute zum heutigen Tage kein würdiges großes deutsches Mahnmal zu diesem Thema. In den Vertreiberstaaten war das Thema jahrzehntelang absolutes Tabu, solange dort kommunistische Regierungen herrschten. Erst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus begann darüber – zaghaft – eine Debatte. Als 1999 besonders die USA und Großbritannien im Kosovo-Konflikt die Vertreibungspolitik des jugoslawischen Staatschefs Milosevich gegenüber den Moslems im Kosovo geißelten und schließlich mit militärischen Mitteln beendeten, tönte es aus Belgrad: Beide Länder sollten den Mund nur ja nicht zu voll nehmen, denn sie hätten nach dem 2. Weltkrieg viel größere Vertreibungen zu verantworten als sie in Jugoslawien je möglich seien. Unrecht lebt als gefährlicher Stachel zwischen den Völkern weiter. Nur gerechte, ausgleichende Lösungen schaffen wirklichen Völkerfrieden. Das Gedächtnis von Völkern und Nationen ist lang – auch das ist eine bedeutende Lehre der Geschichte.

Die Ursachen für die häufige Missachtung historischer Erfahrungen liegen nicht in erster Linie darin, dass Generationen von Politikern mit ideologischen Scheuklappen gelebt hätten, auch nicht darin, dass ihr politischer Blick von schändlichen Leidenschaften wie Hass oder Neid getrübt gewesen wäre, sondern darin, dass ihnen die Geschichte als Lebenselement fremd blieb. Für alle Berufe wird in den Kulturstaaten, nicht erst seit den letzten Jahrhunderten, den Menschen theoretisches Wissen an die Hand gegeben, wird die Beherrschung des Handwerks zur Ausübung desselben vorausgesetzt. Nur in dem Beruf, der das Ganze entscheidend beeinflusst und lenkt, ist dies in vielen Staaten über die Jahrhunderte bis zu unserer Gegenwart hin gar zu oft dem Zufall überlassen worden, wurde selten gefragt, ob Politiker die Grundlage ihres Handwerks verstehen. Man schaue sich die Lebenswege vieler Politiker an, vieler „Staatsmänner“ aus Vergangenheit und Gegenwart, die diesen Namen kaum verdienen, um zu begreifen, dass sie zwar die Wege zur Erlangung der Macht beherrschten, dass daraus aber noch lange nicht die Fähigkeit, einen Staat zu führen, erwuchs. Freilich gibt es auch in der Politik die Genies, gibt es Idealisten und Autodidakten, die zu staatsmännischem Format gefunden haben. Weder im Bereich des Ärztewesens noch im Bereich der Rechtskunde und schon gar nicht im Bereich der modernen Technik würde jemand jedoch auf den Gedanken kommen, die Ausbildung dem Zufall und der Hoffnung auf idealistische Einstellung gegenüber der Aufgabe zu überlassen. In der Politik jedoch, von der alles abhängig ist, wird dieser Fehler immer wieder gemacht. Bei vielen Völkern und zu allen Zeiten finden wir ihn wieder. Wenn also geschichtliches Denken eine unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiches politisches Handeln ist, warum – so muss die Frage auch ganz aktuell laufen – leisten wir uns führende Politiker, denen tiefere Kenntnisse der Geschichte völlig fremd sind?

Hier hört der Verfechter besserer Qualifikation und Ausbildung in der Politik oft den Einwand, dass gerade der Demokratie eine politische Elite-Bildung widerspreche. Auch das ist eine geschichtliche Erfahrung, dass, wo immer Eliten in Frage gestellt wurden, nicht der Glaube im Vordergrund stand, ohne sie auskommen zu können, sondern der Wunsch dahinter stand, bei der Bildung einer neuen Elite einer höherwertigen Platz einzunehmen! Der Kampf gegen Eliten ist also nichts als ein Teil des Kampfes um die Macht. Die Demokratie freilich braucht keine Eliten kraft Geburt oder Standes. Sie braucht Eliten kraft Könnens. Wer historisches Verständnis in der Politik nicht den Fügungen des Schicksals überlassen will, kann sich deshalb der Notwendigkeit, neue Auslesesysteme zu entwickeln, nicht verschließen.

In seiner vor einem Würzburger Hochschulring am 26. Februar 1924 gehaltenen Rede über die „Politischen Pflichten der deutschen Jugend“ hat Oswald Spengler die Problematik einer Elitebildung für die Politik eindrucksvoll aufgegriffen, ohne allerdings ein System dafür anzubieten: „Wenn ich heute durch die Straßen deutscher Städte gehe und sehe, was für Versammlungen und Umzüge stattfinden, was für Zettel an den Häusern kleben, was für Abzeichen getragen werden, was gesungen oder geschrieen wird...“, so formulierte er fast resignierend, „so möchte man verzweifeln.“ Wir müssten uns wieder, so meinte er schon damals, entschließen, „Politik als Politik zu betreiben, so wie man sie von jeher verstanden hat, als eine lange, schwere, einsame und wenig volkstümliche Kunst, und nicht als Rausch oder militärisches Schauspiel.“ Dabei zu viel Leidenschaften zu entwickeln, sei gefährlich, denn sie machten „blind, wütend“ und „jedem Verständnis der Situation unzugänglich.“ Politik erschöpft sich nicht im Organisieren, Agitieren oder in der „bloßen Lösung von Wirtschaftsproblemen“. Die moderne Politik setzt ein „außerordentlich hohes Maß von Übung und Wissen voraus“, und das „vermisse er in der Jugend genauso wie den ernstlichen Willen, sich für größere Aufgaben zu erziehen“. „Niemand“, so klagt er vor den Studenten, „studiert die Praxis großer Staatsmänner wie Bismarck, Gladstone, Chamberlain, ihre Art, in der kleinen zähen Arbeit des Tages unscheinbare Erfolge zu erzielen, deren Gesamtergebnis dann doch im Schicksal ihres Landes Epoche macht.“ Und dann rät er den Studenten das, was auch heute als wertvoller Ratschlag in Universitäten hineingetragen werden müsste, nämlich die „Programme und Parteischriften aus der Hand zu legen“ und statt dessen „planmäßig die diplomatischen Akten der letzten Jahrzehnte zu studieren ... die Schriftstücke zu vergleichen, sich über Zwecke, Mittel und Erfolge ein Urteil zu bilden und so in die moderne staatsmännische Praxis einzudringen“.

Seit dieser Warnung Spenglers ist die Politik noch wesentlich komplizierter geworden. Heute müssen wir nicht nur die Geschichte der europäischen Völker beherrschen, sondern die weltweiten Zusammenhänge erfordern, sich vermehrt auch mit der Historie der Völker außerhalb der abendländischen Kulturkreise zu befassen. Eine falsche Reaktion aus historischer oder politischer Unwissenheit kann einen unverzichtbaren Rohstoffpartner dem eigenen Lande entfremden oder gar ins Lager des Gegners oder Konkurrenten treiben. Geschichte kann einen ästhetischen Genuss für den Menschen bieten, kann Denkwürdiges, Rätselhaftes, Spannendes als Unterhaltung bieten, am wichtigsten ist sie für uns als Lehrmeister geworden. Die Ereignisse in ihrem Fluss, ihrer oft nur bei tieferer Beschäftigung mit Handlungen und Geschehnissen sichtbaren Verkettung zu erkennen, die Gegebenheiten von Hunderten von Völkern und Staaten ebenso zu verstehen wie ihre politischen Prinzipien und machtpolitischen Voraussetzungen, und alle diese Erkenntnisse den heute und in Zukunft handelnden Persönlichkeiten verständlich und eindringlich zu vermitteln, das ist die Aufgabe der Geschichtsschreibung! Diese Wissensvermittlung so zu organisieren, dass die führenden Kräfte von heute und morgen überhaupt von ihr erfasst werden, ist Aufgabe des Staates.

Welche mächtige Kraft in der Geschichte selbst verankert ist, wird uns bei näherer Betrachtung der Epoche der klassischen Literatur bewusst. Obwohl die Klassik anfangs durchaus nicht sehr stark geschichtsbewusst war, sich im Gegenteil von der Gegenwart und Vergangenheit fernhielt, um sich den „einsamen wie höchsten Werten“ zu widmen, richtete sie sich doch im Laufe der Zeit in wachsendem Maße an einem geschichtlichen Ideal aus: Dem Griechentum, das sie nach eigenen Vorstellungen und Wünschen idealisierte. Die Klassiker entwickelten, wie Friedrich Meinecke es einmal so treffend aussprach, „einen mächtigen plastischen Instinkt, der sich nicht der Vergangenheit unterwarf, sondern sich die Vergangenheit unterwarf und zum Hebel seines Lebenswillens umformte.“ Diese Schau der Klassiker war es, die die Vergangenheit wieder mit einem neuen, eigenen Leben erfüllte und der Geschichtsforschung neue Impulse und Antriebe gab. Die historischen Dramen von Shakespeare oder Goethe, die geschichtlichen Darstellungen Schillers sind die besten Beispiele.

Literarischer und historischer Impulse hätten die Deutschen nach der Kata­strophe von 1945 besonders bedurft. Aber in der Literatur wurde zu viel bewältigt und entstanden zu wenig Visionen einer besseren Zeit! Die Geschichtsschreibung verkümmerte jahrzehntelang entweder in Selbstanklagen oder in einem soziologischen Fachstil, der jeder Volkstümlichkeit entbehrte. Und die wenigen Erfahrenen der Zunft wie Theodor Schieder, Michael Freund, Hans Joachim Schoeps oder Georg Ritter schienen Relikte einer längst vergangenen Zeit zu sein.

War und ist in vielen westlichen Ländern technokratisches Denken, der Glaube an die absolute Überlegenheit der eigenen Zivilisation gegenüber zurückliegenden Epochen, der entscheidende Grund für eine wachsende Abkehr vom geschichtlichen Denken, so kam in der Bundesrepublik Deutschland die Abkehr von der Geschichte auch durch Verunsicherung und Umerziehung zustande. Wenn der Geschichtsunterricht nach 1945 in Bezug auf die deutsche Geschichte fast zu einem Gruselkabinett des Verbrechens und Versagens von Martin Luther, über Friedrich den Großen zu Bismarck und Hitler herabgewürdigt wurde, so nahm es nicht wunder, dass eine sehr große Zahl von Jugendlichen sich ganz von der eigenen Geschichte abwandte, entweder nur noch für den persönlichen Genuss des Tages lebte oder in marxistischen Idealen eines revolutionären Neuansatzes die Überwindung einer verfehlten Vergangenheit anstrebte. Heute ist der Geschichtsunterricht in einer Reihe von Ländern der BRD als selbständiges Fach verschwunden. Geschichte wurde mit Gegenwartskunde und Geographie verschmolzen. Was im neuen Fach Gesellschaftslehre oder Sozialkunde an Zeit für die Geschichte übrig bleibt, wird oft nur genutzt, Argumente und Fakten aus der Vergangenheit zur Unterstützung eigener Vorstellungen herbeizuziehen. Diese Methode ist sehr nahe der marxistischen, welche die Geschichtsbetrachtung in vielen Bereichen auf das Heraussuchen von historischen Belegstücken zur Unterstreichung der Richtigkeit der eigenen Weltanschauung reduziert hatte. Schon am 10. Februar 1973 warnten die Verbände der Geschichtslehrer und Historiker vor dieser Entwicklung: „Mangel an historischem Wissen und Denken fördere Orientierungsschwäche und Realitätsverlust. Er mache anfällig für die kritiklose Übernahme pseudowissenschaftlicher und undemokratischer Ideologien. Dadurch würden gerade die positiven Ansätze zur Bildung eines selbständigen historisch-sozialwissenschaftlichen Aufgabenfeldes in den Schulen ernsthaft gefährdet.“

Indes: Solche Stimmen verhallten ungehört. Im Gegenteil, in einigen von der CDU getragenen Kultusministerien wurde der Geschichtsunterricht als selbständiges Fach aufgelöst. Da ging es angeblich darum, die Vermittlung von „Abfragewissen“ und das „stupide Auswendiglernen historischer Zahlen und Fakten“ auszuschalten und die Schüler mehr zur „Kritikfähigkeit“ zu erziehen. Der Lehrer, so hieß es, sei von dem „Parforceritt“, von der Steinzeit bis zum Ende des Vietnam-Krieges, zu befreien. Eine orientierungslose Kultusbürokratie, berauscht von der Schnelligkeit sich überschlagender „Reformen“, hat bis zum heutigen Tage nicht einmal begriffen, zu wessen Werkzeug sie sich degradieren ließ.

Mit dem Abbau des historischen Fachwissens ging für viele Schüler das Verständnis für Erfahrungen und Vorstellungen anderer Zeitalter, ging wichtiges Wissen um eigene und fremde Kultur verloren. Was für sie blieb, sind Restbestände – zugeschnitten oft nur auf die blutleeren theoretischen Prinzipien moderner Soziologie und Politologie. Der in diesem Sinne orientierungslos dastehende junge Mensch griff in den 60er und 70er Jahren um so leichter nach der ideologischen Kletterstange des Marxismus, die ihm dann die geistige Orientierung des Einäugigen verschaffte, der nicht mehr sehen konnte, was neben der „einzigen wissenschaftlichen Weltanschauung“ noch Bestand haben sollte. Dem gleichen Ziel diente auch die Zerstörung des Faches Geographie und die Umfunktionierung des Faches Deutsch in einer Reihe von Bundesländern. Förderung der Sprachästhetik, die Klassiker mit ihrem unersetzlichen Schatz an Weisheit und Erfahrung, der Besinnungsaufsatz, wurden von den „Reformern“ zur Strecke gebracht oder auf weniger als das Notwendigste reduziert. Die „Befreiung“ von der „bürgerlich-kapitalistischen Tradition“ und ihrer „Herrschaftssprache“ hat als Bildungsergebnis dann jene Studenten der Politologie und Soziologie, der „fortschrittlichen“ Pädagogik oder der „emanzipierten“ Theologie hervorgebracht, die einst freie Universitäten zu Hochburgen der Intoleranz und Manipulation machten. Eine Entwicklung, die erst in den achtziger Jahren abklang.

Einen systematischen Geschichtsunterricht an allen deutschen Schulen wieder einzuführen ist deshalb ein Gebot der Stunde. Ebenso muss in den Massenmedien, insbesondere im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der Geschichte wieder eine gebührende Rolle eingeräumt werden. Solche Regeneration der Geschichte in unserem Lande hat aber nur Sinn, wenn ideologische Engstirnigkeit vermieden wird. Geschichtsbewusstsein entwickeln heißt das Große, das erhabene, das bleibend Gültige und Wertvolle der eigenen Geschichte zu erkennen und weiterzuentwickeln, heißt die Lehren aus den Verfehlungen und Entartungen der Geschichte des eigenen und anderer Völker zu ziehen. Gerade im Zeitalter der Demokratie, der Mitwirkung des Volkes an den politischen Geschicken ist historische Bildung und die allgemeine verständliche Darstellung historischen Wissens für eine breite Öffentlichkeit unverzichtbar. Denn, um mit den Worten Rankes zu sprechen, „ein Volk, das seine Geschichte nicht kennt, wird erleben, dass ihm eine schlechte Geschichte gemacht wird.“

„Das Leben der Früheren gereicht den Späteren zu einer Lehre, auf dass der Mensch die Lehren, welche andern zuteil geworden sind, schaue und dieselbige beherze, dass er die Geschichte der vergangenen Völker und ihrer Ergebnisse studiere und sich warnen lasse. Preis darum Ihm, der die Geschichte der früheren für spätere Geschlechter zum Exempel aufgestellt hat.“ Max Henning im Vorwort der Märchensammlung „Tausend und eine Nacht“, Bd. 1, 9-15. Jahrhundert.

Günter G. A. Marklein,

Juni 2008

   
 
 
 
 
 
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