| Sichtweisen zum Konservativismus aus dem Russland von heute |
Was gibt es Neues aus Russland?Bemerkenswert - neben dem eigentlichen Thema - ist das Neuaufblühen des orthodoxen Glaubens in Russland. Wichtigster Grund dafür sind freilich die Verfolgungen, mit denen die kommunistischen Herrscher den Glauben auszurotten suchten. Sie schafften es nicht: Über die gesamte Zeit hinweg gab es neben der offiziellen Kirche, die unter „Patriarch“ Sergius I. ab 1927 zu einem Außenposten des Geheimdienstes geworden war, auch die sogenannte Katakombenkirche, die ihre Gottesdienste im Verborgenen feierte. Ihre zu Märtyrern Gewordenen aus Laien- und Preisterstand werden heute als Heilige verehrt. Vieles, was uns bei der Beschäftigung mit der russischen Geisteswelt von heute extrem erscheint, findet hier seinen Grund: Wenn etwa die Russische Orthodoxe Kirche in ihrer im Juli 2008 beschlossenen Grundlagenlehre über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte die Grundpfeiler des orthodoxen Glaubens klar über „die“ Menschenrechte stellt (Diese Sichtweise vertreten übrigens auch namhafte römisch-katholische Theologen: Barbara Hallersleben, Vergauwen G., Nikolaus Wyrwoll in Zur Ambivalenz der Menschenrechte: Missverständnisse der „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa", Juni 2009), dann speist sich der Impuls für dieses Beharren zweifellos aus der bitter erfahrenen staatlichen Willkür gegenüber Priestern und Gläubigen. Nun sind wir als Deutsche Monarchistische Gesellschaft seit etwa einem Jahr in Kontakt mit dem Russischen Reichsbund Orden. Seit seiner Gründung durch „weisse“ russische Offiziere im Exil in einem Pariser Cafe im Jahre 1929 hatte er sich für die Restauration der Monarchie eingesetzt - heute vereint er russische Legitimisten in 30 verschiedenen Regionen Russlands und steht er für Ihre Kaiserliche Hoheit Großfürstin Maria Vladimirowna. Durch diesen Kontakt kam ich an ein Buch, das eine neue Sicht auf die Geschichte lehrt und an dem auch Mitglieder des Russischen Reichsbund Ordens mitgewirkt haben. Es nennt sich „Nationales Manifest“ und wurde erst im Mai 2009 veröffentlicht. Um mir seine Inhalte zu erarbeiten habe ich den Text ins Deutsche übersetzt und möchte Ihnen nun kurz schildern, welches die Kerninhalte sind. Als Grundgerüst dient Aristoteles' Lehre von den Staatsformen, in der gut- und schlechtgeartete Staatsformen als Archetypen einander gegenüber gestellt werden: Der Monarchie gegenüber ist die Tyrannis – wir kennen das als Führerdiktatur; der Aristokratie gegenüber die Oligarchie – die Herrschaft der unedlen Wenigen; der Republik gegenüber die Demokratie – verstanden als Herrschaft Pöbels oder des Lumpenproletariats, wie Karl Marx es formuliert hätte. Darauf aufbauend folgern die Autoren anhand einer eingehenden Analyse der Grundannahmen von Liberalismus und Sozialismus über die Natur des Menschen, daß diese Ideologien der Tradition per se feindlich gesonnen sind und daher eine starke Affinität zu eben diesen schlecht gearteten Staatsformen haben. Als kurze Zusammenfassung dieser Analyse könnte man sagen, daß die Tradition im Schoße des philosophischen Idealismus wohnt, wohingegen Liberalismus und Sozialismus im Materialismus gründen. Drittens stellen sie fest und weisen nach, daß beiden Ideologien die Tendenz den Nationalstaat abschaffen zu wollen innewohnt und begründen daher mit diesem Manifest den Nationalismus als genuine Gegenideologie - in der Absicht die Souveränität Russlands zu verteidigen und dabei auf die Vorzüge der Monarchie hinzuweisen. Erörterung des Nationalen Manifests aus deutscher SichtAus deutscher Sicht fragt man sich, wie man überhaupt noch eine Ideologie vertreten kann? Wir kennen Ideologien als etwas, was grundsätzlich abzulehen ist: Ideologisches Denken ist etwas, was man dem politischen Gegner unterstellt und selbst bestreitet. Politikinhalte werden bei uns nicht ideologisch, sondern „wissenschaftlich“ begründet. Nicht so in Russland: Das Manifest spricht selbst unbefangen vom Nationalismus als Ideologie! Grund hierfür kann nur ein anderes Verhältnis zum Ideologiebegriff sein. Um meine Erklärung für dieses andere Verhältnis zu illustrieren, will ich eine kurze Passage aus dem Buch Welt vor dem Abgrund des in Russland heute hochgeschätzten Religionsphilosophen Iwan Iljin aus dem Jahre 1930 zitieren; Iljin hatte 1922 aus Russland fliehen müssen und floh dann 1938 aus Deutschland in die Schweiz, wo er dann bis zu seinem Lebensende 1954 blieb. Es geht an der Stelle um die fatalen Auswirkungen der kommunistischen Propaganda auf die Moral unter männlichen Jugendlichen: Für die entsprechenden Ansichten der kommunistischen Jugend sind die Resultate einer Rundfrage, welche in Petersburg im Jahre 1927 an den technischen Hochschulen vorgenommen wurde, bezeichnend. In dieser Rundfrage wurde unter anderem auch die Frage gestellt, ob eine ideelle Gemeinschaft bei sexueller Gemeinschaft notwendig sei. 36 Prozent der Studenten beantworteten diese Frage mit einer Gegenfrage: — "Was hat das mit der Ideologie zu tun?" —, und 20 Prozent antworteten: "Mit Ideologie ist's gut, es geht aber auch ohne." Einer der Studenten schrieb: "Ich kümmere mich wenig um die Ideologie; ich möchte, daß die Frau gesund und bereit ist, mich zu befriedigen. Ich fordere von ihr nur eine Sache, die mit Ideologie nichts zu tun hat." Das verdeutlicht, daß das Reden über die Ideologie offenbar Bestandteil der alltäglichen Unterhaltungen war. Meine Vermutung ist daher, daß man in Russland wohl gar keine Politik machen kann, wenn man keine Ideologie vorweisen kann. Es scheint der Wähler fragt geradezu danach, weil er sonst ja nicht wissen kann, für welche Inhalte eine Partei steht. Nun kann man freilich sagen, daß eine Ideologie ja nicht mehr als eine Weltanschauung oder eine Ideenlehre ist. Die Grundfrage ist damit aber nicht beantwortet: Kann man, darf man, soll man schädliche Ideologien mit Gegenideologien bekämpfen? Begibt man sich nicht schon dadurch, daß man eine in sich geschlossene Weltanschauung vertritt, in eine abgeschlossene Welt? Ich weiß es nicht. Auch wenn mir dieses Manifest insgesamt doch recht ausgewogen erscheint und es nur wenige Stellen gibt, denen ich ihre Berechtigung in Gänze absprechen würde, so bin ich hier doch sehr skeptisch. Letzter Grund für meine Skepsis ist die Warnung, die der Apostel Paulus der griechischen Gemeinde in Kollosea ins Stammbuch schrieb: Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus. (Kol. 2, 8) Meine Folgerung daraus ist, daß dieses Manifest zur Inspiration gut sein kann, aber doch Gefahren in sich bergen mag, wenn es als harte politische Ideologie im klassischen Sinne begriffen wird. Im Folgenden nun ein Versuch, ein paar Grundzüge in diesem Manifest auf unsere Situation in der Bundesrepublik von heute zu übertragen. Zum Dreh- und Angelpunkt wird dabei die Frage: Was wollen wir als Deutsche Tradition gelten lassen?Dieser Frage müssen wir uns ohnehin stellen, wenn wir die Monarchie als Hüterin der Tradition glaubwürdig bewerben können wollen. Sie findet ihren Niederschlag bereits in der Uneinigkeit zum Gottesgnadentum als Legitimation für den royalen Herrschaftsanspruch: Römisch-katholische Traditionalisten beantworten sie zumeist mit einem klaren Ja, weil für sie ein Königtum anders gar nicht denkbar ist. Demgegenüber neigt man in protestantischen Kreisen hier eher zu Skepsis und tendiert zu einem Nein, das dann demokratisch beschlossen wird - der ihm zueigenen Tradition gemäß. Die Kluft zwischen diesen ja vollkommen gegensätzlichen Traditionen läßt sich kaum schließen. Eine Überbrückung sollte aber gleichwohl möglich sein. Wie diese Brücke beschaffen sein kann, lehrt uns unsere Geistesgeschichte: Immanuel Kant, dessen Werk Denken und Glauben wiederversöhnte und so die Aufklärung maßgeblich beeinflußte, war ein Kind des Protestantismus. Ebenso Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der zum Vater des Deutschen Idealismus wurde; beide entstammten übrigens einem pietistischen Elternhause. Das rege Geistesleben im preußisch dominierten Zweiten Kaiserreich, auf das wir heute mit Wehmut zurückblicken, war in seiner fortschrittlichen Dynamik der Gegenpol zum Beharren auf die ehrwürdige Tradition für die das Papsttum stand. Trotz der scharfen Gegensätze in der Zeit des Kulturkampfes hatten die Protestanten aber ja den selben Feind wie der ultramontane Katholizismus: im damals aufstrebenden Liberalismus witterte Reichskanzler Otto von Bismarck ebenso eine Gefahr, wie sein Antipode Papst Pius IX. in seinem Syllabus Errorum, dem Verzeichnis der Irrtümer von 1864. Und auch in der Auseinandersetzung mit dem Sozialismus kämpfte man den gleichen Kampf. Der Unterschied war allein, daß diese vornehmlich zu Philosophie und Politik griffen – zu den Waffen der Welt also, während jene mit geistlichen Mitteln Widerstand leisteten. Das ist die Brücke zwischen den zwei christlichen Traditionen, für die Deutschland steht! So suchten beide ihrem HERRN zu dienen. Die einen als Könige - die anderen als Priester. Und dies ist auch die Brücke, die in Kant die Philosophen der Aufklärung mit dem christlichen Glauben verband. Als Hegel diese Bücke dann aber für den Deutschen Idealismus noch schöner ausgestaltet hatte, wurde sie besetzt; von Feinden. Rebellion gegen Gottes OrdnungIwan Iljin hatte sich acht Jahre lang, von 1908 bis 1916, in das umfangreiche Werk Hegels versenkt. Nicht aber nur in sein Werk, sondern auch in Hegel selbst, indem er jede Nuance an Bedeutung darin in zeitlicher Abfolge in sich aufnahm, um sie zwischen Herz und Verstand zu wiegen. Im Vorwort des erst 1946 auf Deutsch erschienen Buches Die Philosophie Hegels als kontemplative Gotteslehre schreibt Iljin: Hegels Philosophie, wie auch jede andere große Philosophie, will vor allem richtig geschaut und begriffen werden. Denn sie ist nicht aus leerer und eitler Grübelei, aus willkürlicher Konstruktion, sondern aus gegenständlicher Schau und ehrlicher Forschung entstanden; sie ist aus der Fülle der geistigen Erfahrung hervorgegangen und kann nur aus der gleichen Fülle verstanden, abgelehnt oder ausgewertet werden. Schon an den Wörtern „Schau“ und „geistige Erfahrung“ erkennt man, daß es Hegel nicht um einen toten Formalismus gegangen war, sondern um das Sehen mit dem geistigen Auge als dem eigentlichen Teil des verstandesmäßigen Begreifens. Wenige Seiten darauf, immer noch im Vorwort: Dieser lebendige Begriff, diese wahre und einzige Realität ist für Hegel nichts anderes als eben Gott. Somit ist seine ganze Philosophie eine eigenartige kontemplative Gotteserkenntnis resp. eine spekulative Theologie. Das wußte Hegel selbst; das hat er immer wieder zum Ausdruck gebracht. Darum haben die Links-Hegelianer bei Hegel eigentlich nichts verstanden, und alles entstellt, und dürfen gar nicht als „Hegelianer“ bezeichnet werden. Das trifft ganz besonders bei Karl Marx zu, dessen empirisch-dialektische Spielereien auch bis ins Vorzimmer der Hegelschen Philosophie der Geschichte nicht reichen und mit den Grundideen des Systems überhaupt nichts zu tun haben. Nun ist es aber keineswegs so, daß Marx nichts geschaut und keine geistige Erfahrung gehabt hätte. Was er geschaut hatte, läßt sich aus einem Gedicht des jungen Marx entnehmen: Einen Thron will ich mir auferbauen, Auf Basis dieses Gedichtes und anderer Schriftzeugnisse des jungen Marx argumentiert Richard Wurmbrand in „Marx & Satan“, erschienen 1986, daß Marx Satanist gewesen sein muß. Wurmbrand war als evangelikaler Christ vierzehn Jahre in den Foltergefängnissen und Umerziehungslagern der rumänischen Geheimpolizei Securitate gewesen. Hier ein paar Zeilen, die noch deutlicher sind: Mit Verachtung werf ich der Welt Das Mindeste, was wir hieraus ableiten können, ist, daß es Marx nie um eine Verbesserung der Lage der Arbeiter gegangen war: An den von ihm begründeten „Kommunismus“ hat er vermutlich selbst nie geglaubt. Woran er jedoch mit Sicherheit geglaubt hatte, das war die Revolution – die Rebellion gegen Gottes Ordnung. Geschichtlicher Abriß bis zum Ersten WeltkriegVersetzen wir uns ins Jahr 1917 in Russland, 1918 in Deutschland: Der Erste Weltkrieg, der rund 17 Millionen Tote forderte, hatte erst in Russland den roten Terror unter Lenin an die Macht gebracht; im Juli 1918 wurde Märtyrerzar Nikolaus II. mit seiner Familie und den Bediensteten ermordet; dann die militärische Niederlage des Deutschen Reiches, was Kaiser Wilhelm II. ins niederländische Exil zwang und uns die Republik von Weimar bescherte. Soldaten, die ihr Leben an der Front eingesetzt und ihre Kameraden dort hatten sterben sehen, fühlten sich verraten. Die kommunistische Propaganda sprach von den „imperialistischen Großmächten“ und von der Notwendigkeit, dem „Kapitalismus“ nun endlich den Garaus zu machen. Nun war es ja sicher richtig, daß das diplomatische Ringen und Schielen auf Rohstoffe und Absatzmärkte in den Kolonien seinen Anteil an diesem Krieg gehabt hatte. Nur war es eben nicht „der Kapitalismus“ - diese von Marx und Engels erfundene Karikatur, der die europäischen Mächte in weltpolitische Konkurrenz zueinander gebracht hatte, sondern - der Liberalismus! Es war der Liberalismus, der den Bürgern lange vor Ausbruch des Krieges beigebracht hatte, daß man sein Geld in Aktien internationaler Handelsgesellschaften anlegen sollte; daß man dadurch ohne Arbeit reich wird und sogar noch ein frommes Werk tut, weil es den „Wilden“ die Zivilisation bringt, weil es die Weltgeltung der eigenen Nation erhöht und ja alle „irgendwie“ von Wohlstand und sozialer Sicherheit profitieren würden. Diese Doktrin dem Sozialimus anzukreiden wäre freilich falsch. Ohne ihn wären diese faulen Verheißungen des Liberalismus nur eben nicht zu zuckersüßer Musik in den Ohren der Mächtigen geronnen. Denn wo ist der Regent, der sich nicht darin sonnen mag, daß sein Volk in Wohlstand lebe und sozialer Frieden in seinem Land herrsche? Selbst Bismarcks um eine ausgleichende Lösung bemühte Sozialgesetzgebung, die seinerzeit ja der ganzen Welt als Vorbild diente(!), konnte den verloren gegangenen Frieden nicht wieder herstellen; den Frieden im Herzen der Menschen und damit den Frieden im Inneren des Reiches. Sozialisten und Kommunisten schmücken sich heute daher zu Unrecht mit dem Kleid des Friedensstifters. Denen, die ihr Erspartes damals nicht in internationalen Aktien anlegten, weil sie eben wußten, daß ihnen das nicht das Himmelreich auf Erden bringen kann, gehört dieses Kleid; es gehört denen, die sich aus Liebe zu ihren Nächsten selbst um die Armut im Lande kümmerten; und es gehört auch denen, die den in Gedanken, Worten und Werken friedlos Gewordenen Einhalt geboten hatten. Daher ja auch: Selig sind die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt. 5, 9) Hechingen, den 24. Oktober 2009 |